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Zukunftsmodell

So wird die Mierendorff-Insel zur Stadt von morgen

Das Viertel ist ein Versuchslabor für Berlin. Unter dem Dach „Nachhaltige Mierendorff-Insel 2030" laufen mehrere Projekte.

Der Mierendorff-Platz liegt im Zentrum der Insel. In dem Quartier laufen mehrere Modellversuche, die auf Berlin ausgedehnt werden könnten.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

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Berlin.  Berlin hat viele Gesichter. Aber an kaum einem Ort zeigen sie sich so nah bei­einander wie auf der Mierendorff-Insel im Norden Charlottenburgs. Kleines und großes Gewerbe, Kleingärten, Parks, Uferwege, ruhige Wohn- und viel befahrene Hauptstraßen prägen das Bild. Auf der einen Seite Gentrifizierung, auf der anderen sozialer Abstieg der Gegend.

Mit etwas mehr als 15.000 Einwohnern ist das Gebiet zwischen Spree, Westhafen- und Charlottenburger Verbindungskanal so groß wie eine Kleinstadt. Verglichen mit anderen Kiezen wird die Insel jedoch stärker wachsen. 7000 Menschen werden bis 2028 hinzuziehen, schätzt Charlottenburg-Wilmersdorfs Stadtentwicklungsstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne). Die meisten dürften entlang der Quedlinburger Straße ein neues Zuhause finden, wo in absehbarer Zeit rund 1400 Wohnungen entstehen sollen.

Verzicht auf eigenes Auto soll attraktiv werden

All das und die deutliche Abgrenzung durch das Wasser macht die Mierendorff-Insel zum idealen Versuchslabor – einem Testfeld für die Stadt von morgen. Unter dem Dach der 2014 gegründeten Initiative „Nachhaltige Mierendorff-INSEL 2030“ laufen mehrere Projekte. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen bestenfalls auf ganz Berlin und andere Städte übertragen werden können. Die Akteure kommen nicht nur aus Politik und Verwaltung, sondern auch aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

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So wird das 2016 gestartete Projekt „Neue Mobilität Berlin“ (NMB) gemeinsam vom Bezirksamt, der Berliner Agentur für Elektromobilität, der BMW-Group, dem Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin und der lokalen Firma insel-projekt.berlin getragen. Es soll Konzepte entwickeln, die den Verzicht auf das eigene Auto attraktiver machen.

"Es bedarf nur eines Schubsers"

Denn das stünde häufig bis zu 23 Stunden am Tag ungenutzt im öffentlichen Straßenland, sagt Rolf Mienkus, einer der Projektleiter. Stadtraum, der anderweitig genutzt werden könnte. Eine Umfrage unter 300 Anwohnern der Mierendorff-Insel und des benachbarten Klausenerplatzes habe 2016 ergeben, dass 30 Prozent der Befragten ihr Auto eigentlich nicht brauchen. „Es bedarf nur eines Schubsers im Sinne einer adäquaten und bedarfsorientierten Angebotsstruktur“, so Mienkus.

Sommer ohne Auto in zwei Charlottenburger Kiezen

Wie die aussehen könnte, wurde im Juni 2018 getestet. Für das Experiment „Deine Sommerflotte“ konnten 50 Freiwillige in beiden Kiezen ihr Auto für einen Monat abgeben. Im Gegenzug gab es Gutschriften für insgesamt elf Carsharing-, Elektroroller-, Fahr- und Lastenrad-Anbieter sowie BVG und S-Bahn. Im Sommer 2019 soll das Experiment wiederholt werden. „Wir werden es größer aufziehen: Im ganzen Bezirk und über einen längeren Zeitraum“, sagt Mienkus. Kontinuierliche Informationsveranstaltungen und Workshops sollen außerdem Hemmungen gegenüber neuen Mobilitätsformen abbauen.

Ergänzend zu NMB läuft seit 2017 das Projekt „Distribute“, das bis 2020 vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Ziel ist die Verlagerung des innerstädtischer Lieferverkehrs vom Lastwagen auf elektrische Lastenfahrräder. Diese können sich Anwohner zum einen für private Zwecke ausleihen. „Es soll aber auch getestet werden, inwieweit sich gewerblicher Lieferverkehr darüber abwickeln lässt“, erklärt Mienkus. Projektpartner ist dabei ein Edeka-Markt in der Osnabrücker Straße. Wer dort bestellt, bekommt seine Ware anschließend per Distribute-Lastenrad nach Hause geliefert.

Alle Maßnahmen sollen auch sozialverträglich sein

„Bis 2050 zur klimaneutralen Welt“ lautet das Ziel des UN-Klimaabkommens von Paris 2015. Wie man im Kleinen dahin kommt, wird ebenfalls auf der Mierendorff-Insel getestet. Nur „elf Zentimeter Dämmung auf die Fassade klatschen“, reicht dafür laut Stadtrat Schruoffeneger nicht. Anfang des Jahres startete der Bezirk gemeinsam mit der Gasag ein Modellprojekt zur Energieoptimierung.

Das auf zehn Jahre angelegte Pilotprojekt wird von beiden finanziert und soll als Vorbild für weitere Quartiere dienen. 2017 begann eine dreijährige Analyse, während der Nutzungsverhalten und Verbrauch der Einwohner gemessen werden. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen sollen in der zweiten Phase individuelle Konzepte für einzelne Gebäude oder Gebäudekomplexe erstellt werden.

Maßnahmen sollen auch sozialverträglich sein

Wichtig sei dabei auch, dass alle Maßnahmen neben ihrer Umwelt- auch auf ihre Sozialverträglichkeit hin geprüft werden, so Frank Mattat, Geschäftsführer der Gasag-Tochter Gasag Solution Plus. Dabei wolle man von Anfang an Anwohner, Immobilienbesitzer und Gewerbetreibende auf der Insel mit einbinden.

Viele weitere kleinere Projekte laufen unter dem Dach der „Nachhaltige Mierendorff-Insel 2030“ zusammen. Der Initiative geht es aber insbesondere um Mitbestimmung der Bürger. „Die Frage ist: Wo können Einwohner tatsächlich selbst entscheiden, sodass der Bezirk nur die bürokratische Arbeit dahinter macht“, sagt Koordinatorin An­drea Isermann-Kühn. Exemplarisch dafür nennt sie den geplanten 5,3 Kilometer langen Inselrundweg.

Der Bezirk kümmert sich um den Ausbau. Stadtrat Schruoffeneger beziffert die Bauzeit auf zehn Jahre und die Kosten auf 3,5 Millionen Euro, wobei die Hälfte bereits aus Mitteln des Landes Berlin sichergestellt seien. „Die Entscheidung, wo und wie dort letztendlich Sportgeräte, Kunst oder Urban Gardening entstehen, sollen aber die Anwohner treffen“, so Isermann-Kühn.

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