Architektur

Werkbundstadt in Charlottenburg: Das Scheitern einer Idee

Die Zusammenarbeit ist beendet. Bauherr und Werkbund geben sich gegenseitig die Schuld. Das Projekt soll unter neuem Namen weitergeführt werden.

Mehr als 30 Architekten entwarfen das Modell der Werkbundstadt

Mehr als 30 Architekten entwarfen das Modell der Werkbundstadt

Foto: Werkbund Berlin

Charlottenburg. Modern, zukunftsweisend, sozial und ökologisch: Die Ansprüche an die Werkbundstadt waren stets hoch. Auf der 2,8 Hektar großen Industriebrache zwischen der Quedlinburger Straße und dem Charlottenburger Spreeufer, auf dem derzeit noch alte Öltanks verrosten, sollen 32 Häuser mit insgesamt 1100 Wohnungen entstehen. Allerdings ohne den Werkbund, der bislang als Beirat am Projekt beteiligt war. Vergangene Woche beendete die Eigentümergemeinschaft „Am Spreebord Projektentwicklung“ die Zusammenarbeit mit dem Verein. Dieser entzog dem Projekt das Namensrecht, das zukünftig unter dem Titel „Am Spreebord“ weitergeführt werden soll.

Dem Bruch war ein Streit um die Zielvereinbarung vorausgegangen, die im Wesentlichen das Verfahren regeln sollte und im Oktober 2017 zwischen Werkbund, Voreigentümer und dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf geschlossen wurde. „Die neuen Eigentümer sind offensichtlich nicht bereit, die Regeln der Zielvereinbarung einzuhalten“, kritisiert Uli Hellweg, seit Frühjahr Vorsitzender des Berliner Werkbunds. Der Bezirk habe nicht ausreichend auf die Einhaltung bestanden. So sei der Werkbund nicht am städtebaulichen Vertrag beteiligt worden und habe von dessen Inhalt nur mündlich Informationen erhalten. Demnach sei der Sozialwohnungsanteil von 30 Prozent der Wohnfläche auf 25 Prozent der Wohnungen reduziert worden, kritisiert Hellweg. Unklar sei, was die Eigentümer als Gegenleistung erbracht hätten.

Vorwurf: Spekulative Grundstücksgeschäfte statt Qualität

Hellweg wirft den Eigentümern vor, die Arbeit der Werkbundarchitekten für spekulative Grundstücksgeschäfte anstatt für den zukunftsweisenden, sozialen und ökologischen Städtebau zu gebrauchen. Für letzteres fehle nach den Grundstücksverkäufen vermutlich das Geld. Ein Kollektiv aus zunächst 33, dann 32 Architekten hatte ab Herbst 2015 die architektonische Gestalt der Häuser entworfen. Anders als vereinbart seien sie von den Eigentümern nicht mit der weiteren Entwurfs- und Planungsleistungen beauftragt worden. „Nach der unentgeltliche Arbeit der Architekten wird das Grundstück wirtschaftlich neu verwertet und das ist so nicht in Ordnung“, sagt Hellweg.

Der Bruch sei durch unwahre Behauptungen provoziert worden, so der Werkbund-Vorsitzende weiter. Anfang Oktober gaben Eigentümer und Bezirk eine gemeinsame Pressemitteilung heraus. Darin kündigten sie an, dass sie das Projekt wie geplant fortführen wollen, allerdings ohne den Werkbund. Denn dieser habe zuvor seinen Rückzug angekündigt. Das sei schlicht falsch, so Hellweg. Interne Diskussionen seien ohne Absprache und entgegen der Zielvereinbarung öffentlich gemacht worden. Der Werkbund habe lediglich die Einhaltung der Vereinbarung angemahnt und bis zuletzt angeboten, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Eigentümer und Bezirk sehen Schuld beim Werkbund

In dieser Frage steht es Aussage gegen Aussage. Der Werkbund habe vor der Mitteilung unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass es keine weitere Zusammenarbeit mehr geben soll, hält ein Sprecher der Eigentümergemeinschaft dagegen. Diese sei ferner nicht möglich gewesen. Das sieht auch Charlottenburg-Wilmersdorfs Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) so. Das Ausscheiden des Werkbunds sei zwar eine „unschöne Entwicklung“. Dieser sei jedoch bereits über die Frage gespalten gewesen, ob man das Projekt überhaupt will. In gemeinsamen Gesprächsrunden hätten Eigentümer und Bezirk die meiste Zeit zusehen müssen, wie sich Vertreter der Werkbundarchitekten und des -beirats untereinander streiten, so Schruoffeneger weiter. „Die Konsequenz für den Eigentümer war, die Überarbeitung der städtebaulichen Figur an ein Büro zu vergeben statt an diese unklare Struktur.“

Ohne diese Überarbeitung könne das Projekt schlicht nicht realisiert werden, sagt auch die ehemalige Vorsitzende des Berliner Werkbunds, Claudia Kromrei, die mittlerweile Eigentümer und Bezirk in künstlerisch-gestalterischen Fragen berät. Ein Beharren auf den vorgelegten Entwürfe funktioniere nicht. Etwa durch nun vorliegende Lärmschutz- und Bodengutachten hätten sich die planungsrechtlichen Anforderungen präzisiert. „Dadurch wird es nicht aus dem Ruder laufen, sondern weiter seinen Anspruch behalten“, so Kromrei. Wie Bezirk und Eigentümer betont auch sie, dass die Zielvereinbarung, die sie damals für den Werkbund unterschrieb, nicht infrage stehe.

Städtebaulicher Vertrag noch nicht ausverhandelt

Kromrei hat für einige Vorwürfe ihres Nachfolgers nur wenig Verständnis. Dass die Vorbesitzer der Grundstücke – darunter ein Tanklagerbetreiber und ein Filmausstatter – die Werkbundstadt nicht bauen, sondern die Grundstücke verkaufen werden, sei immer klar gewesen. Auch von einer „Reduzierung“ des Anteils an Sozialwohnungen könne nicht die Rede sein. Eine konkrete Zahl finde sich in der Zielvereinbarung zwar nicht. Kromrei stimmt aber mit Stadtrat Schruoffeneger und den Eigentümern darin überein, dass nie mehr als 25 Prozent vereinbart wurden.

Der Sprecher der Eigentümer räumt ein, dass der Werkbund nicht am städtebaulichen Vertrag beteiligt wurde. Die Verhandlungen hätten bislang jedoch lediglich den Sozialwohnungsanteil zum Gegenstand gehabt. „Alle für den Werkbund relevanten Dinge wurde noch nicht unterschrieben, geschweige denn mit dem Bezirk verhandelt.“

Werkbund könnte wieder beteiligt werden

Der Fahrplan für das weitere Verfahren steht. Bis Ende Januar soll eine fünfköpfige Arbeitsgruppe einen neuen städtebaulichen Entwurf vorlegen, erklärt Kromrei. „Die Arbeit wird dadurch effizienter und mit den richtigen Köpfen leidet auch die Qualität nicht.“ In einem anschließenden Architekturwettbewerb sollen die 32 Architekten bestenfalls wieder eingebunden werden. Ferner bestehe die von Schruoffeneger bereits vor mehreren Wochen skizzierte Absicht eines neuen Beirats weiterhin. Dieser soll aus drei Architekten bestehen, wobei jeweils einer vom Eigentümer, vom Bezirk und von der Berliner Architektenkammer benannt werden soll. Darüber sei es möglich, die Werkbundstrukturen wieder zu installieren.

Kromrei würde das begrüßen. „Die Frage ist, ob ein gemeinnütziger Verein mit ehrenamtlichen Mitgliedern als Ganzes überhaupt in der Lage ist, ein Projekt in dieser Größenordnung zu stemmen oder ob daraus nicht konkret Verantwortliche benannt werden sollten.“ Der 1907 gegründete Werkbund könnte so an seine Tradition aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren anknüpfen, als vielerorts im deutschsprachigen Raum unter der Ägide namhafter Architekten Werkbundsiedlungen entstanden.

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