1. Weltkrieg

"II.II.I8 Dämmerung" in der Gedächtniskirche

Mit ihrer multimedialen Installation erinnert die New Yorker Künstlerin Bettina WitteVeen an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren.

Bettina WitteVeen vor ihrem Kreuz in der Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Die New Yorker Künstlerin glaubt, dass sich Krieg verhindern lassen.

Bettina WitteVeen vor ihrem Kreuz in der Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Die New Yorker Künstlerin glaubt, dass sich Krieg verhindern lassen.

Foto: Carolin Brühl

Charlottenburg. Auf dem Altar ist ein Beet mit gelben Astern angelegt. Man hätte sie gießen können, denkt man. Die Blüten lassen traurig die Köpfchen hängen. "Das ist so gewollt", sagt Bettina WitteVeen und zeigt dann auf eine einzelne weiße Chrysantheme im gelben Blumenmeer. Auch das ist Absicht. Die weiße Blüte zieht sich als Motiv des Friedens und der Hoffnung durch ihre Ausstellung zum 100. Jahrestag des Endes des 1. Weltkriegs. Zum ersten Mal hat die Gedächtniskirche dafür ihre Kapelle zur Verfügung gestellt.

Krieg, Gewalt und Zerstörung ziehen sich durch das Werk der Mannheimerin, die seit 30 Jahren in New York lebt. Die Ursache dafür sieht sie in ihrer Kindheit, die wie viele Kindheiten der Nachkriegsgeneration überschattet war von den Auswirkungen gleich zweier, die Welt umspannender Katastrophen. "Es gibt Menschen, die über ihr Trauma nicht reden können, und es gibt welche, die es sich fast obsessiv von der Seele reden", sagt WitteVeen. Ihre Eltern gehörten zur zweiten Gruppe, sie sprachen ständig über den Krieg - der Vater von seinen Erlebnissen an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs, die Mutter von den Schrecken der Bombardierung Mannheims. "Ich erinnere mich auch noch sehr stark an die vielen Kriegsverletzten und Kriegsverletzten, die man in meiner Kindheit überall sah", sagt die 60-Jährige. „Ich kannte den Begriff nicht, aber generationsübergreifende Traumatisierung existiert und hat auf mich auch zugetroffen. Die Traumata aus den Kriegen wurden in deutschen Haushalten weitergegeben."

Traumziel USA

1977 zog es WitteVeen zum Studium in die USA, ihrem Traumziel damals. "Ich hatte damals einfach das Gefühl, der Spirit, der damals von Amerika ausging, dieses Gefühl von Liberalität und Freiheit, dass man dort eher man selbst konnte wie in der Bundesrepublik der 70er-Jahre.“ In den USA fand sie eine neue Heimat, auch, wenn sie heute einräumt, dass sie das Land wie die meisten Westdeutschen damals idealisiert hätte. Viele Jahre arbeitete sie für ein Finanzunternehmen, bevor sie sich der Kunst zuwandte und die Themen ihrer Kindheit wieder aufgriff. "Mein Interesse geht aber weit über meine persönliche Erfahrung hinaus. Mich stört Krieg einfach", sagt sie. Krieg lasse so viel Potenzial nicht zu, das besser für andere Dinge einsetzbar wäre. "Ich bin mir auch ganz sicher, wenn wir uns das Zustandekommen von Kriegen ganz genau anschauen, dass wir sie verhindern könnten", sagt WitteVeen. Darum sei sie trotz der Flut aufwühlender Bilder aus aller Welt dennoch auch optimistisch.

Arbeiten an historisch bedeutsamen Orten

Im Juni 2018 bespielte sie auf dem ehemaligen Areal der sowjetischen Militärstadt Wünsdorf bei Berlin gespenstisch leere Räume, in einem historischen Militärkrankenhaus im Brooklyn Navy Yard in New York stellte sie Aufnahmen von Soldaten aus. Jetzt ist der letzte Teil ihres Zyklus‘ „Das Herz der Finsternis“ in Berlin zu sehen. In der Kapelle der Gedächtniskirche, einem Mahnmal mit internationaler Symbolkraft, verwirklicht die Künstlerin erneut ihre Philosophie, ihre Arbeiten an historisch bedeutsamen Orten zu präsentieren, um einzigartige begehbare Erfahrungsräume zu schaffen. Die multimediale Rauminstallation, ist speziell für diesen geschichtsträchtigen Ort neben der Turmruine der alten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche konzipiert worden.

Im Zentrum der Ausstellung steht ein Kreuz, dessen Seitenflügel die blau leuchtenden Glasfenster der Gedächntiskirche bilden. Im Zentrum steht das Röntgenbild des Schädels eines Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. Der Ausdruck des Leids auf dessen Gesicht habe sie an den der goldenen Christusfigur von Karl Hemmeter erinnert, sagt WitteVeen. Darüber leuchtet fahl-weiß ein weißer Mond über Gräbern. Unter dem Schädel ist auf rotem Grund das Bild zweier Soldaten zu sehen, die einem toten Kameraden die Augen schließen sowie ein Schlachtfeld in Frankreich voller blauer Kornblumen und einer weißen Margerite. Auf zwei Bildschirmen sind Video-Collagen, die mit farbenfrohen friedlichen Landschaftsaufnahmen ehemaliger Schlachtfelder beginnen und mit einer Wiese im Dämmerlicht enden, in das eine ferngesteuerte Kampfdrohne fliegt. Aus vier an der Decke hängenden Lautsprechern sind Fragmente französischer, russischer, englischer und deutscher Gedichte über den Krieg zu hören.

Dämmerung als Begriff für Neuanfang und für Ende

Der Ausstellungstitel den WitteVeen gewählt hat, ist mehrdeutig: "II.II.I8 Dämmerung" bezieht sich auf Ende und Neuanfang sein, Sonnenuntergang und Sonnenaufgang. Am 11.11.1918 war der Krieg mit mehr als neun Millionen gefallenen Soldaten, 21 Millionen Kriegsversehrten und geschätzten sechs Millionen toter Zivilisten zu Ende. Seine Erschütterungen hatten aber weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung in Europa. "Der zweite Weltkrieg war eigentlich nur eine Forstsetzung des Ersten Weltkriegs. Diese Urkatastrophe zu Beginn des 20. Jahrhundert war auch der Beginn des ,amerikanischen Jahrhunderts', dessen Ende wir gerade erleben und sie wirft noch immer einen langen Schatten über unsere Gegenwart", sagt Bettina WitteVeen.

Information

Die Ausstellung in der Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Charlottenburg ist noch bis zum bis 25. November täglich von 13 bis 19 Uhr zu sehen.

Begleitprogramm

21.11.2018, 19.30 Uhr – Dialogveranstaltung: „1918: In die Dämmerung sehen – Erinnerungen zwischen Tod und Hoffnung“, mit Prof. Dr. Daniel Schönpflug, Historiker und Autor „Kometenjahre – 1918: Die Welt im Aufbruch, wissenschaftlicher Berater der arte/ ARD-Serie „Krieg der Träume“, Dr. Alexandra von Stosch, Kunsthistorikerin, und Bettina Witte-Veen.

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