Kunstraum

Künstlerin experimentiert in Epiphanienkirche mit dem Raum

Einladen oder Abgrenzen? Kunst im öffentlichen Raum ist für Barbara Eitel eine Herzensangelegenheit, wie sie sagt.

Barbara Eitel lebt im Hansaviertel, ihr Atelier befindet sich in Charlottenburg, zehn Minuten Fußweg entfernt von der Epiphanienkirche.

Barbara Eitel lebt im Hansaviertel, ihr Atelier befindet sich in Charlottenburg, zehn Minuten Fußweg entfernt von der Epiphanienkirche.

Foto: Katja Wallrafen

Westend. Da hängt er nun, der mobile Vorgarten. Farbenprächtige Blumen. Zarte Blüten. Blätter in vielen Formen. Im kreuzförmigen Innenbau der evangelischen Epiphanienkirche im Westend schmückt er mit voller Farbenpracht die braunen Wände. Schräg gegenüber, im alten Altarraum, sind weitere Papierschnitt-Zeichnungen der Berliner Künstlerin Barbara Eitel zu sehen. „Wem gehört der Raum?“ lautet der Titel der Ausstellung bis zum 6. Dezember 2018.

„Vorgarten unterwegs“ ist eine 5,40 mal 3,60 Meter große Arbeit aus Schaumstoff. Vor zwei Jahren entstand das Werk für eine Ausstellung auf der grünen Wiese auf dem Freigelände eines Künstlerhauses in Darmstadt. Der Vorgarten als „Mischraum“ zwischen dem Privaten und Öffentlichen interessiert Barbara Eitel. Vorgärten repräsentieren, grenzen aber auch ab. Der Vorgarten bestimmt den ersten Eindruck vom Haus und seinen Bewohnern, bereitet jedem Besucher einen besonderen Empfang und dient nicht zuletzt als Rückzugsort für Mensch und Tier. Bislang hat Barbara Eitel ihren mobilen Vorgarten stets auf dem Boden ausgebreitet. In geschlossenen Räumen oder aber auch besonders gerne auf der grünen Wiese. Nun wirkt er erstmals hängend. „Nun sieht der Vorgarten etwas mehr aus wie ein Bild“, sagt Barbara Eitel. „Es ist nun sehr gut als Ganzes erfassbar.“

Kunst im öffentlichen Raum

Barbara Eitel hat an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main mit dem Schwerpunkt Bildhauerei und Zeichnung studiert. Nach Stationen in München und Hamburg kam sie 1996 nach Berlin. Sie lebt im Hansaviertel und arbeitet in ihrem Atelier in Charlottenburg. Kunst im öffentlichem Raum ist ihr eine Herzensangelegenheit. Als sie im vergangenen November in der Kommunalen Galerie Wilmersdorf an der Ausstellung „Drei Tage Kunst“ teilnahm, kamen gleich zwei Anfragen aus Kirchengemeinden. In der Heilandskirche Moabit hat sie bereits ausgestellt.

Wie entsteht Raum? Wer bestimmt den Raum? Und wie bewege ich mich in ihm und wie bewegt er mich? Der Raum ist eine abstrakte Vorstellung, aber auch ein Ordnungsmodell, mathematisch festgelegt durch die Menge aller durch drei Koordinaten beschreibbaren Punkte. Er ist eine in Länge, Breite und Höhe nicht fest eingegrenzte Ausdehnung, aber zugleich eine auf diese Weise fest eingegrenzte Ausdehnung. Der Raum ist ein Gegensatz in sich – und damit bestens geeignet als Experimentierfläche. Barbara Eitel findet, Raum entstehe durch Bewegung und Austausch. Was sie aber in unserer Gesellschaft sehe, gehe in eine andere Richtung: „Abgrenzung, Ausgrenzung und der alleinige Anspruch auf Raum - um sich zu schützen, wie es heißt“, hat Eitel beobachtet. Sie selbst begreift Raum als etwas Lebendiges. Etwas, das ohne Bewegung und Veränderung, ohne Austausch und Öffnung nicht existieren kann.

Es hat Barbara Eitel gereizt, sich in der denkmalgeschützten Epiphanienkirche mit einem besonderen Ort auseinanderzusetzen. Zwar sind die braunen Wände, die denkmalschützerischen Vorgaben geschuldet sind, nicht wirklich optimal zur Präsentation von Kunst. Doch der weite, kreuzförmige Innenraum mit seinem Altarraum, der ein auf die Spitze gestelltes Quadrat ist, verfügt über eine wunderbar offene Weite unter der frei tragenden Aluminium-Dachstruktur. „Kein einfacher Ort, aber interessant, denn er bietet andere Perspektiven“, sagt Barbara Eitel.

Räume der Hoffnung und der Träume

Dass die Gemeinde den Kirchenraum als Galerie anbietet, ist Heike Thulmann zu verdanken. Sie engagiert sich seit mehr als zehn Jahren in der Epiphanienkirche. Sie ist stets auf der Suche nach Künstlerinnen und Künstlern, freut sich, wenn die Gemeinde dadurch neue Impulse und Denkanstöße erhält. Heike Thulmann hat Barbara Eitel im vergangenen Jahr während der Ausstellung der Kommunalen Galerie angesprochen. Da wusste sie noch nicht, dass man sich am Sonntagmorgen nach der Vernissage am 14. Oktober ebenfalls mit „Räumen“ beschäftigen würde. Das war am „Mirjamtag“ am 15. Oktober, der die Frage nach der Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern in Kirche und Gesellschaft beleuchtet. „Es ist noch Raum da“, hieß das Motto. Es erzählt von einer biblischen Geschichte aus dem Lukasevangelium. Im Gleichnis vom großen Gastmahl geht es um die Frage: Wer lädt ein? Wer darf mitfeiern? Und was dürfen wir hoffen und träumen?

Mit der Vielschichtigkeit von Räumen und Bildwelten aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten befassen sich auch die filigranen Papierschnitt-Zeichnungen von Barbara Eitel. Da durchbricht eine seelenlose Schnellstraße einen kleinen Ort. Das vormals intakte Ortsbild ist nun Vergangenheit. Oder ein prächtiges Altbau-Treppenhaus prunkt mit prächtigen Ornamenten. Es stammt dem Kiez der Künstlerin, dem Hansaviertel, und erzählt von einer längst vergessenen Grandezza. Neuere Arbeiten aus dem vergangenen Jahr bringen mehr Bewegung ins Spiel - und vermehrt auch Figuren. Menschen - Bewegung - Veränderung: Barbara Eitel ist noch längst nicht fertig mit der Erkundung des Raumes.

Information

Ausstellung „Wem gehört der Raum?“ von Barbara Eitel in der Epiphanienkirche, Knobelsdorffstraße 72-74, Charlottenburg, Öffnungszeiten Mo, Di von 11-13 Uhr, Do 15-18 Uhr und So 11-12.30 Uhr. noch bis 6. Dezember 2018