Beizjagd

Badouin und ihr Greifvogel sind im Schlosspark unterwegs

Etwa zwei bis drei Mal wöchentlich geht Badouin mit ihrer Falkendame in der Beizsaison von September bis etwa März auf Jagd.

Andrea Badouin nimmt ihre Falkendame Thora im Park am Schloss Charlottenburg auf die Faust.

Andrea Badouin nimmt ihre Falkendame Thora im Park am Schloss Charlottenburg auf die Faust.

Foto: Bernd Settnik / ZB

Berlin. Es ist kurz nach Sonnenaufgang. Im Park rund um das Schloss Charlottenburg ist es noch ruhig. Die ersten Jogger drehen ihre Runden, als Andrea Badouin mit Falkendame Thora auf dem Arm den Stadtpark betritt. Thora ist aufgeregt. Es ist eine ihrer ersten Runden draußen. Den Sommer über hatte sie Pause. Für Greifvögel hat die Saison begonnen – es geht wieder auf Beizjagd.

Andrea Badouin ist mit ihrer Teampartnerin, wie sie Thora nennt, nicht allein. Freundin Katja Heumann begleitet sie. Die 40-Jährige hat ihre zwei Jagdhunde Luna und Angel dabei. Neben Heumann steht eine Kiste. Es rappelt und schabt darin. Die Jägerin hat ihre drei Frettchen mitgebracht.

Etwa zwei bis drei Mal wöchentlich geht Badouin mit ihrer Falkendame in der Beizsaison von September bis etwa März auf Jagd. Mit einem Bekannten teilt sie sich ein Jagdrevier im Brandenburger Forst. Auf Einladung der Eigentümer geht es aber regelmäßig auch in den Schlosspark Charlottenburg. Dann werden Kaninchen gejagt. „Die Jagd mit den Tieren soll den Bestand im Park dezimieren“, erklärt Heumann. Für die Stadtjagd brauchen sie eine Genehmigung der Berliner Forsten.

Im Schlosspark Charlottenburg haben sich die zwei Frauen mit ihren Tieren auf die Suche nach dem Wild gemacht. Die Hunde sind von der Leine los. Gezielt rennen sie zu einem Kaninchenbau in ein Gebüsch. Heumann lässt die Frettchen aus ihrem Käfig. Schnell sind die kleinen, grau-weißen Tiere im Gebüsch verschwunden. Thora blickt aufgeregt hinüber zum Busch. Sie weiß, worum es hier heute geht.

Dann plötzlich schießt ein Kaninchen hervor. Badouin und Heumann wissen, wo die flüchtenden Tiere entlangrennen und haben sich entsprechend positioniert. Heute aber haben sie kein Glück. Das Kaninchen rennt im Zickzack durchs Gebüsch, bis es aus den Augen verschwindet. Heumann ruft die Frettchen zurück.

Nabu protestiert gegen die Abrichtung der Greifvögel

Es sind mittlerweile mehr Leute im Park. Immer wieder halten Spaziergänger und Jogger an, bestaunen die Habichtdame. Thora ist aufgeregt. Ihr Schnabel ist leicht geöffnet. Ihre roten Augen funkeln. „Ihr macht hier also so eine Art Ungezieferbeseitigung?“, fragt ein Spaziergänger. „Wir kümmern uns um den Bestand, und dass sich keine Seuchen ausbreiten“, antwortet Heumann. „So wurde schon gejagt, bevor es Feuerwaffen gab“, fügt sie hinzu.

Die Beizjagd – die Jagd mit abgerichteten Greifvögeln auf frei lebendes Wild in seinem natürlichen Lebensraum – gibt es laut der Deutschen Unesco-Kommission seit mindestens 3500 Jahren. 2016 wurde die Falknerei in die Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das Zähmen und Abrichten sowie Einjagen eines Beizvogels sei ein sensibler Prozess, bei dem sich der Greifvogel langsam und nur mit positiven Erfahrungen und Belohnungen an den Falkner gewöhnt, schreibt die Organisation auf ihrer Internetseite.

Zu der Haltung eines Greifvogels gehört mehr als nur die Beizjagd. Die „Bell“, das Glöckchen, das das Tier bei seinen Flügen am Bein trägt, sowie auch das Geschirr seien in Handarbeit gefertigt worden, sagt Andrea Badouin. Ebenso auch das Rundreck, auf dem Habichtdame Thora in ihrem Zuhause im brandenburgischen Brieselang (Havelland) sitzt, sowie die Transportbox. „Die Falknerei lebt von Weitergabe, Erziehung und Erfahrung“, sagt Badouin. Ein Jahr lang sei sie bei einem Falkner mitgelaufen, bevor sie die Falknerprüfung ablegte. Heute hilft sie jungen Falknern bei der Aufzucht der Vögel.

So verständnisvoll wie der Spaziergänger sind nicht alle Begegnungen bei einer Stadtjagd, erzählt Badouin. „Manche denken, wir wollen hier Tiere ausrotten“, sagt sie. Sie würden die Singvögel verscheuchen, habe sich Heumann anhören müssen. Manche rufen die Polizei. Daher informiert Badouin vor jeder Jagd selbst die Behörden.

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) fordert in seinem jüngsten Papier zur Jagd, die Beizjagd abzuschaffen. Das Halten und Abrichten von Greifvögeln sowie die Jagd mit ihnen widersprechen dem Natur- und Tierschutz, heißt es dort. Heinz Kowalski, Sprecher des Bundesfachausschusses Ornithologie und Vogelschutz beim Nabu, differenziert: „Es sind frei lebende Vögel, die in die freie Natur gehören.“ Würden die Vögel aber im Sinne des Naturschutzes eingesetzt, zum Beispiel um bei Überpopulation Kaninchen zu jagen, sei dies in Ordnung.

So wie bei Thoras Jagdausflügen in den Schlosspark. Für die Kaninchen dort hat die gefährlichste Jahreszeit gerade erst begonnen.

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