Gedenkfeier

„Du bleibst für immer in unseren Herzen“

An der Kantstraße ist der jungen Frau gedacht worden, die bei einer Verfolgungsjagd im Juni ums Leben kam.

Zum Geburtstag brachten Freunde und Angehörige Blumen, Fotos und liebevolle Botschaften an die Stelle, wo Johanna Hahn im Juni überfahren wurde

Zum Geburtstag brachten Freunde und Angehörige Blumen, Fotos und liebevolle Botschaften an die Stelle, wo Johanna Hahn im Juni überfahren wurde

Foto: Maurizio Gambarini

Charlottenburg. Eine Menschentraube findet sich an diesem Dienstagnachmittag an der Kreuzung Windscheidstraße/ Kantstraße zusammen. Viele haben Tränen in den Augen. Sie legen vor einem mit Herzchenpapier umkleideten Stromkasten Blumen und Kerzen nieder, kleben auf drei Staffeleien daneben Fotos, die eine fröhliche junge Frau zeigen. Auf den Staffeleien ist mit Glitzerstift „Happy Birthday Johanna“ geschrieben.

Die Studentin Johanna Hahn wäre an diesem Dienstag 23 Jahre alt geworden. Aber ihren Geburtstag kann sie nicht mehr erleben. Am Abend des 6. Juni wurde sie hier bei einem dramatischen Unfall tödlich verletzt. Es war ein Mittwoch, ein sonniger Frühsommertag. Gegen 21.30 Uhr schob Johanna Hahn ihr Rad über den Gehweg. Genau in dem Augenblick, als ein Audi auf der Flucht vor der Polizei die Windscheid­straße entlangraste, an der Kantstraße die rote Ampel missachtete, drei Autos rammte und Johanna Hahn erfasste. Sie starb noch am Unfallort.

Schon am nächsten Morgen, als die Kreuzung noch einem Trümmerfeld glich, lagen Blumen an der Unfallstelle, und seit diesem Tag ist der Stromkasten an der Ecke zu einem lebendigen Erinnerungsort geworden. Jeden Tag werden frische Blumen gebracht, jeden Abend flackern hier Kerzen. Auf einem Zettel steht: „Du bleibst für immer in unseren Herzen.“

Familie möchte Werte lebendig halten, die Johanna wichtig waren

Auch an diesem Dienstag kommen knapp 100 Menschen, die Johanna Hahn in ihren Herzen bewahren. Aufgerufen zu der Gedenkveranstaltung hat die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) in Charlottenburg-Wilmersdorf, weil sie an eine „bemerkenswerte Frau“ erinnern will, so die AsF-Kreisvorsitzende Dunja Schimmel. Gekommen ist auch Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD). Und natürlich sind Freunde und Familie da.

Mutter und Schwester fahren ohnehin fast jeden Tag aus Reinickendorf hierher. „Das ist uns sehr wichtig“, sagt die Schwester, auch wenn es ihr sichtbar schwerfällt, immer wieder die Erinnerung an Johanna zuzulassen. Auch ihre Mutter holt tief Luft und pustet eine Träne von ihrer Wange. Die Familie wünscht sich hier eine Gedenkstätte, auch weil sie die Werte, die Johanna Hahn wichtig waren, lebendig halten will. Darum hat sie auch den Mut aufgebracht, ihren Geburtstag zu einer öffentlichen Veranstaltung zu machen.

Johanna Hahn hat an der Alice Salomon Fachhochschule Sozialarbeit studiert. Sie engagierte sich für Flüchtlinge, kümmerte sich um aidskranke Jugendliche und lebte nach dem Motto: „Jeder Mensch ist als Individuum zu betrachten und nicht zu stigmatisieren.“ Sie reiste gern und ging offen auf andere Menschen zu. Auf Facebook schrieb sie einmal: Beim Reisen fühle sie sich wie ein Kind, „das dieses Glänzen in den Augen hat, während es jeden Tag neue Erfahrungen macht.“ Und sie machte gern Musik. Die Gedenkveranstaltung eröffnet ein Freund von ihr: „Ich bin Marius und sing jetzt für dich, Hanni“, sagt er und nimmt seine Gitarre. Es ist ein Lied, das sie zusammen geprobt haben: „Haltet die Zeit an.“ Die Zeit lässt sich nicht anhalten, das Vergessen vielleicht schon.

Mehr zum Thema:

„Ein Knall – dann traf das Auto die Frau“

Rechtsexperte rechnet mit hoher Strafe für Fluchtfahrer

Frau bei Verfolgungsjagd getötet - Polizei sucht Zeugen

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.