Integration

Noch viel Gestaltungsraum im "Nachbarschaffts"-Haus

Der Umbau des ehemalige Revierarbeiterhauses im Volkspark Wilmersdorf dauert länger als geplant. Der Verein ist trotzdem zufrieden.

Mögen die Möglichkeiten, die das neue "Nachbarschafftshaus" im Volkspark bietet: Claudia Jach und Wissam El Bo Bo

Mögen die Möglichkeiten, die das neue "Nachbarschafftshaus" im Volkspark bietet: Claudia Jach und Wissam El Bo Bo

Foto: Katja Wallrafen

Wilmersdorf. Wie lässt sich arbeiten, wenn der Arbeitsplatz noch ein Baustelle ist? „Zum Glück haben wir diesen spektakulären Sommer, da kann sich viel draußen abspielen. Und ansonsten heißt die Devise: Wir improvisieren“, so die muntere Antwort von Claudia Jach. Die 29-Jährige ist fast schon ein bisschen wehmütig, denn bald wird sie ihren lieb gewonnen Arbeitsplatz im Volkspark Wilmersdorf verlassen. Trotz Baustelle und Improvisationsmodus fand sie ihre Zeit als „Frau für alles“ im „Haus der Nachbarschafft“ großartig. „Hier sind tolle Leute. Es gibt ein Riesenengagement, und ich bin total gespannt, was sich noch alles entwickelt“, sagt Claudia Jach.

Seit Mai diesen Jahres ist der Verein „Nachbarschafft“ aktiv in der ehemaligen Revierunterkunft der Bezirksgärtner an der Straße am Schoelerpark 37. Der Verein, hervorgegangen aus dem Kreis der ehrenamtlichen freiwilligen Helfer, die sich kontinuierlich um die Flüchtlinge aus dem Rathaus Wilmerdorf kümmerten, hatte mit seinem Nutzungskonzept im vergangenen Jahr den Zuschlag vom Bezirk erhalten.

Integration von Menschen mit Fluchterfahrung zeichnete als Hauptelement das Nutzungskonzepts aus. Das sei ein wichtiger Aspekt, doch gleichwohl will Holger Michel, ehrenamtlicher Vorsitzender des Vereins, den Nachbarschafts-Gedanken in den Vordergrund rücken - deshalb das Wortspiel in der Kombination von Nachbarn und etwas Schaffen im Namen des Vereins. Ein Ort der Begegnung, des Austauschs, der Bildung und des Engagements soll entstehen. „Das ist Integration, gleiche Zugänge für alle“, meint Michel. 90.000 Euro aus dem Integrationsfonds des Bezirks stehen in diesem Jahr zu Verfügung, wobei der Verein diese Summe nicht vollumfänglich in Anspruch genommen habe, so Michel. „Es ging ja erst im Mai los, noch läuft der Umbau“, schildert er. Ab Oktober, so ist es geplant, werden zwei 30-Stunden-Kräfte den Job übernehmen, den Claudia Jach bislang ausgefüllt hat. „Wir sind zuversichtlich, dass wir unser Angebot dann noch ausbauen“, sagt Vereinsvorsitzender Michel.

270.000 Euro lässt sich der Bezirk den Umbau der ehemaligen Revierunterkunft kosten. Eigentlich hatte man in diesem Monat fertig sein wollen, nun ist für Ende des Jahres auch das Ende der Bauzeit anvisiert. Trotz Baustelle und verzögertem Zeitplan ist Michel nicht unzufrieden mit dem bislang Erreichten. Der Garten ist lauschig, geradezu idyllisch. Zwei Strandkörbe und selbst gebaute Sitzgelegenheiten unter einem kühnen Sonnensegel sind Hingucker. Kräuter und Gemüse gedeihen prächtig. Beim wöchentlichen Nähkurs im Haus rattern regelmäßig sechs Nähmaschinen, es gibt ein Nachhilfeangebot für Kinder und eine Zusammenarbeit mit dem Schachverein Weiße Dame, der dem Nachwuchs die hohe Kunst des taktischen Spiels vermittelt. Die benachbarte Gemeinde der Auenkirche nutzte das Haus bereits für ein Sommerferienprojekt und den multikulturellen Kochabend „Butterbrot und Baklava“. Auch die Bürgerinitiative (BI) Wilmersdorfer Mitte kam für zwei Wolkshops im Vereinshaus zusammen.

Bereits vor einigen Wochen ist ein zweites Tor geöffnet worden. Nun kann man auch vom Spazierweg des Volksparks direkt auf das Gelände gelangen. Die Öffnung zum Park habe sich sofort positiv ausgewirkt, so Claudia Jach. Manchmal kommen Neugierige vorbei, treten zaghaft auf das Gelände und möchten wissen, was sich dort tut. „Dann sage ich ihnen, dass sie sich noch einbringen können, dass Ideen willkommen sind“, lacht Claudia Jach. Wer regelmäßige Kulturangebote wie Lesungen, Musikabende und Theater anbieten möchte, ist herzlich eingeladen, seine Pläne vorzustellen. Dem Verein schwebt eine Art „Tauschbörse der Kompetenzen“ vor „Weitere Angebote müssen sich noch entwickeln, wer etwas gestalten will, hat jetzt beste Chancen“, ermuntert Michel.

Was gut klappt: Menschen mit Fluchterfahrung können sich jeden Mittwoch von 15 bis 17 Uhr in Arabisch, Kurdisch oder Farsi Unterstützung holen, etwa wenn Schreiben an Behörden anstehen. Wissam El Bo Bo (28), angestellt als Integrationslotse beim Diakonischen Werk Steglitz und Zehlendorf e.V., steht mit Rat und Tat zur Seite. Er unterstützt etwa beim Schriftwechsel, wenn es Angelegenheiten mit der Krankenkasse, dem Jobcenter oder dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu regeln gibt. „Unsere Beratung sind sehr gefragt“, sagt El Bobo. „Natürlich helfen wir allen, die hier mit Fragen ankommen. Vor Kurzem war das jemand aus Russland, da musste ich passen, wegen der Sprache. Aber ich konnte dafür sorgen, dass zum nächsten Beratungstermin ein Russisch sprechender Kollege da war.“

Dass während der Kurse Verständigungsschwierigkeiten der Menschen aus verschiedenen Kulturen auch nonverbal und sehr kreativ gelöst wurden, hat Claudia Jach nachhaltig begeistert. Sie erinnert sich an einen Frauentanzkurs, in dem Jung und Alt sich königlich amüsierten. „Dass man hier so viel gestalten kann, das werde ich vermissen“, sagt die 29-Jährige. Und mutmaßlich auch die Wildtaube Erna, das Eichhörnchen-Pärchen Bernhard und Bernadette sowie den noch namenlosen Hasen. Diese Tiere haben sich das Vereinsgelände bereits als Zuhause erobert.

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