Kultur

Evers: „Ich finde, das Programm sollte was Tröstendes haben“

Kabarettist Horst Evers über die tägliche Überforderung, den Pannenflughafen BER, Betonmischer und seine neue Produktion.

Der Kabarettist Horst Evers blickt mit einer gewissen Distanz aufs Leben

Der Kabarettist Horst Evers blickt mit einer gewissen Distanz aufs Leben

Foto: M. Lengemann

Berlin. Vor ein paar Monaten war Horst Evers auf seiner Tournee in der Eifel unterwegs. Ein Landstrich, der von Großstädtern gern als Provinz belächelt wird. In puncto Absurditäten kann die Region allerdings locker mit Berlin mithalten. Horst Evers hat dort nämlich einen Metzger entdeckt, der eines seiner Fleischprodukte mit einem Extraschild als „veganfreie Wurst“ bewarb. Richtig trendy, möchte man meinen. „Daneben lag die gleiche Wurst. Er hat aber mehr von der veganfreien verkauft“, erzählt der Kabarettist lachend. Für den beliebten Kabarettisten eine Inspiration, die er gleich für eine seiner lustigen Geschichten aufgreift.

Ob es die veganfreie Wurst auch ins brandneue Programm „Früher war ich älter“ schafft, lässt sich allerdings noch nicht sagen. Evers siebtes Solo feiert nach einer Vorpremiere in Leipzig heute in den Wühlmäusen Premiere. Welche Geschichten er vorliest oder frei erzählt, steht noch nicht fest. „Ich bin schon selbst sehr gespannt, wie alles zusammenpassen wird“, meint der 51-Jährige.

Für ihn ist jede neue Produktion wie ein neu zu entdeckendes Land

„Dabei werde ich auch schon mal von mir selbst überrascht. Ich hatte mir für das letzte Programm vorgenommen, genau wie diesmal übrigens, dass der Berliner Flughafen darin nicht vorkommt. Aber dann wurde der Block über den BER drei Jahre lang jeden Abend länger.“

Der Berliner Flughafen ist nur eines der typischen Evers-Themen, die in seiner Kurzprosa quasi zyklisch wiederkehren. Dazu gehören auch die Antihelden, die sich irgendwie durchwurschteln, und natürlich kuriose Erlebnisse. Wie die alltäglichen Tücken der Technik. Da steht dann etwa eine lautstark vor sich hin ackernde, altersschwache Kaffeemaschine im Mittelpunkt des Geschehens.

Egal, ob er als Vater in der Lingerie-Abteilung mal eben für die Tochter Dessous fotografiert oder ob er frühmorgens an einem Sandwichverkäufer scheitert: Evers Geschichten steuern immer fatalistisch auf das für die Protagonisten ungünstigste, sprich: peinlichste Ende zu. Die wünschen sich oft, dass sich die Erde unter ihnen auftun möge. Aber das wäre für die Zuschauer nur der halbe Spaß. Ein ums andere Mal erweist sich Evers als Meister des absurden Humors.

Berufung an der Uni entdeckt

Seine Berufung zum Geschichtenerzähler entdeckte der mehrfach preisgekrönte Kabarettist bereits als Germanistikstudent an der Freien Universität Mitte der Achtziger. Damals gründete er mit Gleichgesinnten die Zeitschrift „Salbader“. Da die vier Herausgeber auch die einzigen Autoren waren, legten sie sich mehrere Pseudonyme zu. Aus dem niedersächsischen Dorf Evershorst stammend, kam Gerd Winter auf die Idee, sich Horst Evers zu nennen.

Unter diesem Künstlernamen sorgte er zunächst bei zahlreichen Vorlese-Shows für Furore. In den Neunzigern gründete er schließlich mit Manfred Maurenbrecher und Bov Bjerg 1996 die beliebte Kabarettgruppe Mittwochsfazit. Ab 2001 wagte er auch solistische Bühnenausflüge. Mit dem Programm „Gefühltes Wissen“ gelang ihm 2004 sein endgültiger Durchbruch.

Für seine Geschichten hat Horst Evers, der mit Freundin und Tochter in Kreuzberg lebt, drei Grundregeln: „Keine Kalauer, keine Zoten, keine Abstauber, also Witze auf Kosten Schwächerer.“ Daran hält er sich stets. Wie auch daran, möglichst früh einen Titel für ein Programm zu wählen. „Ein schönes Paradoxon, das griffig ist“, verrät er.

Inhaltlich hat er viel darüber nachgedacht, wie sich die Welt verändert hat

„Hin zu einer Meinungsgesellschaft und gefühlter Wahrheit. Das ist sozusagen das Ende der Wissensgesellschaft.“ Noch etwas anderes ist ihm aufgefallen: „Vor zehn Jahren hatte ich das Gefühl, ich müsste die Leute aufrütteln. Jetzt finde ich, das Programm sollte etwas Tröstendes haben. Jeder von uns wird täglich überfordert. Es prasselt vieles gleichzeitig auf uns ein. Dazu kommt der allgemeine Wahn, dass sich momentan ganz viele Leute von ganz vielen Dingen bedroht fühlen“, erklärt er und sinniert: „Ich denke, so viel Angst, wie uns suggeriert wird, müssen wir nicht haben.“

Auch, wenn es ihm mit zunehmendem Alter immer schwerer fällt, tritt Horst Evers gern einen Schritt zurück, um mit einer gewissen Distanz auf das Leben zu blicken. So entdeckt er staunenswerte Absurditäten des Alltags. Den größten Pool an Geschichten bietet ihm nach wie vor Berlin. Neulich etwa wollte er einen Mietwagen zurückbringen. Da sich die angegebene Adresse als Baustelle entpuppte, fragte er einen Bauarbeiter, wo er das Auto abstellen könnte. Der Mann machte sich auf den Weg, um sich zu erkundigen. Horst Evers indes stand prompt für ihn am Betonmischer. In der daraus resultierenden Geschichte kommt er da nie wieder weg.

Wühlmäuse, Pommernallee 2-4, Charlottenburg, Tel. 30 67 30 11, Termine 20.-26.8. je 20 Uhr, 29. & 30.9. je 16 Uhr (Restkarten)