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Notfall-Übung

Für den Ernstfall: Notfall-Übung auf Messegelände

Tribüneneinsturz auf dem Messegelände in Berlin: Knapp 300 Ehrenamtliche lernen am Sonnabend, was bei einem Unglück zu tun ist.

Eine DRK-Rettungssanitäterin spricht mit einer Verletzten. Auch die emotionale Unterstützung ist den ehrenamtlichen Helfern ein Anliegen

Foto: Gregor Fischer / dpa

Berlin. Hilfeschreie ertönen aus Halle 9 auf dem Messegelände in Charlottenburg. Schwerverletzte krümmen sich am Boden, blutüberströmt. Einige sind bewusstlos. Die Tribüne ist plötzlich eingestürzt. Sie hat Konzertbesucher unter sich begraben, Trümmerteile sind in die Menschenmasse geflogen. Dann ist der Strom ausgefallen. Panik breitet sich aus.

Die Szenen, die sich den Rettungskräften des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und des Technischen Hilfswerks (THW) am Sonnabend bieten, sind zum Glück gespielt. Denn die Helfer sollen lernen, den sogenannten „Massenanfall von Verletzten“ möglichst effektiv zu koordinieren. Dafür sind 100 Freiwillige des DRK vor Ort, 40 ehrenamtliche Rettungskräfte des THW, vier Mitglieder der Betriebsfeuerwehr sowie 30 Beteiligte des Messebereichs.

Erster Auftrag: eine Übersicht verschaffen. Die Helfer erkunden die Halle, schätzen ein, wie viel Unterstützung sie benötigen. Dann sichten sie Patienten und leisten Erste Hilfe. Je nach Schwere der Verletzung werden die Mimen per Armbandsystem zur Weiterbehandlung aufgeteilt. Es entsteht ein Behandlungszentrum. Systematisch werden Verletzte hinein- und hinausgetragen. Sanitäter beatmen, legen Nackenstützen an und geben Transfusionen. Das THW beleuchtet derweil die Halle und räumt Trümmerteile zur Seite. Währenddessen hallen die Schreie der Verletzten immer noch über das Messegelände.

An solchen Tagen kann es sehr emotional werden

Sechs Monate hat die Vorbereitung für diesen Großübungseinsatz gedauert. Dazu gehörte, 75 Freiwillige zu finden, die unterschiedlichste Verletzungen nachspielen. In Schulungen mussten sie lernen, wie sich etwa ein Beckenbruch anfühlt oder eine Gehirnerschütterung bemerkbar macht, um den Sanitätern realitätsnahe Hinweise geben zu können.

Besonders wichtig sind dabei die Schreie. „Die Hilfe- und Schmerzensschreie sind für unsere Rettungskräfte eine echte Stresssituation“, sagt Sascha Jaschko, Teamleiter der Landeskata­strophenschutzschule des DRK. „Manchmal liegt man abends mit einem Adrenalinspiegel bis unter die Haare im Bett, weil man so realistisch in die Situation mit einbezogen wird.“

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Tjorven Senska mimt bereits seit acht Jahren die Verletzte bei solchen Übungen. Sie ist Mitglied der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Heute hinkt sie mit einer geschlossenen Schienbeinfraktur durch die Halle 9. Sie sucht ihre schwangere Freundin. „Man muss schon aufpassen, dass man realisiert, dass das hier nicht ganz real ist. Denn die Schreie und das Blut können schon ziemlich echt wirken“, sagt Senska. Die etlichen Verletzten sind, genauso wie die Rettungskräfte, ehrenamtlich im Einsatz.

Hardy Häusler ist Vorstandsvorsitzender des DRK-Kreisverbands Müggelspree. Er sagt: „Ich bin immer wieder fasziniert, dass unsere Kräfte trotz der schwierigen Konstellation so engagiert im Einsatz sind und für die Bürger unserer Stadt üben. Wobei am Wochenende wohl jeder gerne am Pool liegen würde.“

Nicht ausreichende finanzielle Unterstützung

Die „schwierige Situation“ des DRK – das ist laut Häusler die nicht ausreichende finanzielle Unterstützung durch den Staat. So erhalte das DRK zwar Garagen- und Lagerplatz, zahle aber alles andere, zum Beispiel Aufenthaltsräume, selbst durch Förder- und Spendenbeiträge. Von den rund 90 Fahrzeugen des DRK stellt es ein Drittel selbst, obwohl das Land dafür verantwortlich sei, sagt Häusler.

Etwa ein Viertel der Fahrzeuge sei nicht mehr einsatzbereit. „Das sollte Daseinsvorsorge des Staates sein“, so Häusler. „Wir wünschen uns, dass das ausfinanziert wird. In den vergangenen Jahrzehnten wurde der Katastrophenschutz kaputtgespart.“

Einsatz als ein Dienst an der Gesellschaft

Wenn DRK und THW an diesem Sonnabendnachmittag alle Opfer des simulierten Unglücks versorgt haben, geht die Arbeit weiter. Dann müssen die Beatmungsgeräte gesäubert, Transfusionen und Mullbinden aufgestockt werden. Rund 20.000 Euro wird die Übung kosten, schätzt Häusler. Danach folgt die Evaluation. Haben sich die Verletzten gut aufgehoben gefühlt? Was können die Rettungskräfte besser machen? Auch wenn der Tag lang wird, sagt Häusler, „das ist ein Dienst an unserer Gesellschaft“.

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