Jüdisches Leben

In Berlin gibt es Hebräisch jetzt auch als Abiturfach

Erstmals vergibt die Jüdische Traditionsschule Berlin Abschlusszeugnisse auch mit diesem Leistungskurs. Gefeiert wurde in der Synagoge.

Abiturientin Natali Nini mit Großmutter Ludmilla Nini, Vater Izchak Nini und Mutter Galit Nini (re.)

Abiturientin Natali Nini mit Großmutter Ludmilla Nini, Vater Izchak Nini und Mutter Galit Nini (re.)

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Zum ersten Mal haben deutsche Gymnasiasten ihr Abitur im Leistungskursfach „Hebräisch“ abgelegt. Die Verleihung findet in einer Synagoge statt, der Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin schüttelt Hände und bringt Eltern zum Lachen, Babys krabbeln durch die Gänge oder bekommen von ihren Müttern dort die Flasche, wo sonst nur die Männer sitzen dürfen. Es ist ein Anlass zum Feiern. Jüdisches Leben ist wieder ein Stück mehr in den Berliner Alltag zurückgekehrt.

Eine, die nach 90-minütigem Festakt ihren Schulabschluss in der Hand halten wird, ist die 18 Jahre alte Natali Nini. Der Vater Israeli, die Mutter aus Russland, beide Lehrer, lebt das Mädchen mit den großen hellwachen Augen seit dem vierten Lebensjahr in Berlin. „Ich vermisse manchmal Israel, aber meine Heimat ist Berlin“, sagt sie. Es ist eine besondere Schule, auf die sie zwölf Jahre lang gegangen ist. Die Entscheidung dafür sei vor allem den Eltern wichtig gewesen. Denn Natalis Gymnasium ist Teil der Jüdischen Traditionsschule am Spandauer Damm in Charlottenburg. Schulleiterin Heike Michalak sagt, dass die Pflege jüdischer Kultur und Sprache im Zentrum der Ausbildung stehen. „Die Erziehung wird von den Eltern mitgetragen“, sagt die 48-Jährige.

Baubeginn für neuen Campus

Natali wählte im Abitur den Grundkurs „Jüdische Religion“. Religiosität sei nicht gefordert, aber willkommen, sagt Michalak, selbst keine Jüdin. So gebe es von der ersten Klasse an je sieben Stunden Deutsch und Hebräisch, aber nur eine Stunde Religion. Teil des Schulteams ist der israelische Rabbiner David Gewirtz, dessen Großmutter Berlinerin war. Die Jüdische Traditionsschule nahm vor 14 Jahren ihre Arbeit auf. Träger ist Chabad Berlin, die Kulturinstitution kümmert sich um Bildung, Ferien- und Freizeitprogramme für Kinder und Jugendliche, Solidaritätsangebote für Bedürftige sowie die Pflege der Traditionen. Direktor Yehuda Teichtal siedelte 1996 von New York nach Berlin um und ist Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde. „Licht ins Dunkel bringen“ sei Teichtals Ziel, sagt Michalak: jüdisches Leben in die deutsche Gesellschaft zurücktragen, auf dass damit nicht nur Antisemitismus und Holocaust assoziiert werden.

2007 weihte Teichtal an der Münsterschen Straße in Wilmersdorf mit dem damaligen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) das größte jüdische Bildungszentrum Europas ein. Bei der Abiturfeier steht er nun dort auf dem Podium der Synagoge und spricht vom nächsten Chabad-Projekt in der Hauptstadt. Es sei ein gutes Zeichen, dass am Morgen dieser außergewöhnlichen Zeugnisverleihung in Wilmersdorf die Bagger eingetroffen seien, die den Bau eines Jüdischen Campus vorbereiten. Auf 7000 Quadratmetern in sieben Etagen sollen nach Fertigstellung im Jahr 2020 Kinderkrippe, Kindergarten, Grundschule und Gymnasium angesiedelt werden. 500 Kinder werden im Gebäude leben und lernen. Zudem soll der Campus Begegnungsstätte für Erwachsene aller Religionen und Kulturen sein. Zum Spatenstich Anfang Juni kam Außenminister Heiko Maas (SPD).

Schulleiterin Michalak fiebert der Eröffnung entgegen. „Wir werden um das Fünffache wachsen können“ sagt sie. Derzeit hat sie nur Platz für 200 Schüler. „Mehr als zehn neue Kinder jährlich kann ich nicht annehmen.“ Der erste Abiturjahrgang, der 2017 abging, bestand aus vier Schülern. An diesem Tag sind es sechs – alles Mädchen.

Für den Schulbesuch die Familie in Dresden verlassen

Das mit dem Leistungskurs Hebräisch war ihre Idee. Die Prüfung habe sogar Spaß gemacht, sagt Natali. Viereinhalb Stunden lang galt es, schriftlich Texte zu analysieren. Allerdings nicht religiöse Schriften oder Literatur. „Wir untersuchten aktuelle politische Artikel.“ Mossi Havlen (17) erzählt: „Für mich bot sich der Leistungskurs an, weil meine Familie Hebräisch spricht.“ Mit Kappe und Talar, wie in den USA, stehen Mossi und ihre fünf Freundinnen vor einem Büfett, das hinzukommende Eltern um immer neue mitgebrachte Gerichte vergrößern.

Die Entscheidung für die Traditionsschule verlangte Mossi einiges ab. Denn ihre Familie lebt in Dresden. Seit 17 Jahren ist man in Deutschland. Der Vater ist Rabbi der dortigen Gemeinde, Mutter Chana (40) leitet den jüdischen Kindergarten. „Mossi lebt während der Woche bei der Familie meiner Schwester, die mit Rabbi Teichtal verheiratet ist“, sagt sie. Beruflich werde Mossi wohl etwas aus ihrem Mathematik-Talent machen, spekuliert sie. „Vielleicht als Steuerberaterin.“ Doch zunächst geht es 2019 für zwölf Monate nach Israel, wo Mossi ein Jahr lang jüdische Religion studieren will. „Also ist heute auch ein bisschen ein Tag der Trauer“, sagt die Tochter. „Denn unsere Gruppe geht auseinander.“

Von Kummer allerdings ist anderthalb Stunden später auf dem Podium der Synagoge nichts zu spüren. Die Schulleiterin verkündet zum Abschluss den Notendurchschnitt der Abiturientinnen – eine atemberaubende 1,3 – und dann kommt für die sechs vom Hebräisch-Leistungskurs der Moment, mit dem sie ihren Schritt ins Erwachsenenleben besiegeln wollen. Befreit ziehen sie ihre blauen Kappen von den Köpfen und werfen sie mit lautem „Yeah!“ von sich. Endlich geschafft.

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