Spitzenkandidaten

Christoph Meyer ist der Mann der zweiten Chance

Die Morgenpost begleitet Politiker beim Wahlkampf. Diesmal: Christoph Meyer, Spitzenkandidat der FDP.

Bundestagswahl 2017: Christoph Meyer (FDP) bei Erstwählern

Wir begleiten die Berliner Spitzenkandidaten beim Wahlkampf in ihrem Kiez. In dieser Folge diskutiert Christoph Meyer (FDP) mit Erstwählern.
Di, 12.09.2017, 22.37 Uhr

Bundestagswahl 2017: Christoph Meyer (FDP) bei Erstwählern

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Berlin. Erst das Foto. Christoph Meyer weiß genau, wie er darauf aussehen will. Sein Blick, da mitten im Klassenzimmer vor einer Tafel in der Ruth-Cohn-Schule in Charlottenburg: geschäftig, ernst, Pokerface. Sie dürfen ruhig lächeln, sagt der Fotograf freundlich. Keine Chance. Meyer hat das typische seriöse Politikergesicht drauf.

Um ihn herum sitzen Schüler auf den Fensterbrettern, lungern herum, reden, beobachten Meyer, ein Stuhl fällt scheppernd zu Boden. Dazu das stete Stimmengewirr, das Läuten der Schulglocke. Den Mann irritiert das alles nicht. Sein Ding, das zieht er durch. Gleich werden er und Kollegen in kleinen Gruppen mit den Erstwählern diskutieren und Fragen beantworten. Jeder Tisch zu einem bestimmten Thema: Bildung, Flüchtlinge, Bauen. Der 42-Jährige trägt Anzug. Niemand der anderen Berlin-Kandidaten sonst – Linke, Grüne, CDU, SPD –, die an diesem Nachmittag zu dieser Art Speeddating zusammengekommen sind, trägt einen. Bei ihm kann man sich durchaus vorstellen, dass er Arbeits- von Freizeitkleidung trennt. Zu ihm passt das gut.

Jurist – und seit dem 18. Lebensjahr bei der FDP

Meyer, Berliner, schon immer im Südwesten der Stadt verwurzelt, heute in Steglitz lebend, Jurist, und FDP-Mitglied, seit er 18 ist. Überzeugungstäter, wie er selbst sagt. Es sei die Geisteshaltung des Liberalismus gewesen, die ihn angefixt hatte. Das zugehörige Wahlprogramm sei erst später studiert worden. Es waren auch nicht die Eltern, wie man meinen könnte – Vater Zahnarzt, Mutter Lehrerin –, die ihn dahingehend geprägt hätten.

Das Jahr 2017 muss ziemlich aufregend für ihn sein. Da ist ein Ring an seinem Finger – erst im Juni hat er geheiratet. Sie, tätig in einem e-Commerce, Bereich Marketing, ist auch Mitglied der FDP, klar. Allerdings haben die beiden sich nicht darüber kennengelernt, sagt er. Sowieso gibt es da ein paar Menschen in seinem Leben, die nichts mit Politik zu tun haben, die, wie er sagt, "einen erden". Aber, und darauf legt er schon Wert, für ihn sei es mehr eine Grundhaltung, politisch zu sein, da man reflektiert, was um einen herum passiert. Recht hat er.

Da hat er ohnehin derzeit ein ganz gutes Gefühl. Junge Menschen, meint er beobachten zu können, würden sich derzeit mehr und mehr politisieren. Das sei wichtig, damit sich nicht bloß jeder um sich selbst kümmert, sondern "den materiellen, kulturellen und geistigen Zustand der Gesellschaft erhält". Vom Privaten mal abgesehen, ist es momentan natürlich auch deshalb so spannend in Meyers Leben, weil die Partei seines Herzens endlich wieder ziemlich gute Aussichten bei der bevorstehenden Bundestagswahl zu haben scheint. Und damit eben auch er. In den Bundestag, da würden sie schon einziehen, meint er.

Meyer gibt sich optimistisch. Auch vor dem Wissen, dass er endlos enttäuscht war bei der letzten Wahl, sodass er sogar kurzzeitig überlegt hatte, auszutreten, der Politik den Rücken zuzukehren. Das erzählt er auch den Schülern. "Mit der eigenen Partei ist man immer am kritischsten." Er hatte sich damals gefragt, ob seine Energie ganz woanders vielleicht besser investiert wäre. Meyer aber glaubt an zweite Chancen. Und die habe die FDP nun mit dem neuen Chef Christian Lindner, der aktuell versucht, wie ein Model von den Plakaten zu seinen Wählern zu blicken, erneut genutzt.

Beim Kollegen der SPD, Tim Renner, am Nachbartisch wird zusammen gelacht. Bei Meyer aktuell alles noch etwas verhalten. Liegt es an den Schülern? Oder am Politiker? Der Liberalismus-Fan beantwortet artig alle Fragen, die Gesichter der Zuhörer aber wirken irgendwie leer. Es geht um Bildung. Meyer spricht viel von eigenverantwortlichen Schulen, Startchancen für alle, unabhängig sozialer Herkunft. Bildungserfolge für jeden. Klingt erst mal gut. "Und wie wollen Sie das umsetzen?", fragt einer der Schüler nun. Der Bund müsse, so Meyer, mehr Geld in die Hand nehmen und ein paar Gesetze ändern. Ja, wenn das mal so einfach wäre.

Beim Thema Bauen und Wohnen – ein emotionales, auch bei den Berufsschülern – wird nun alles etwas nahbarer. Auch er, der Politiker. Sowieso merkt man, dass er von Tisch zu Tisch irgendwie lockerer wird. Kollege Renner stiehlt ihm ein paar Minuten Redezeit, weil er der Gruppe vor dem Wechsel noch etwas zu Ende erklären möchte. Kokettierend unterbricht Meyer ihn, witzelt kurz umher, versucht es.

Nicht enthusiastisch, aber grundsolide

Meyer ist sympathisch, ein grundsolider Typ. Aber niemand, der unbedingt ansteckend enthusiastische Reden halten oder Humorist sein würde. Mit den jungen Erwachsenen am Tisch spricht er eher wie mit Gleichaltrigen aus den eigenen Reihen. Manchmal probiert er, doch noch etwas mehr Fleisch in seine Erklärungen zu bringen, nicht alles Basiswissen vorauszusetzen.

Spannend übrigens, findet Meyer, werde es vor allem dann, wenn es bei Wahlkampfterminen abseits politischer Kernthemen auch um die allgemeine politische Bildung beim Nachwuchs gehe. Eigene Kinder hat Meyer noch nicht. Denen aber würde er nie vorschreiben wollen, wen sie wählen sollten. Hauptsache, sie wählen. Als eine Schülerin ihn nach einer Problemlösung für die Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch fragt und wieso Deutschland da nichts mache, läuft Meyer kurz rot an. Er wisse darüber nichts Genaues, gibt er zu.

Beim nächsten Tisch lieber wieder zu Themen wie dem Flughafen. BER, aber vor allem natürlich Tegel. Schließung: ja, nein. Eigentlich kein Bundesthema und doch fast das größte, das man zumindest mit der Berliner FDP verbindet. Meyer als West-Berliner weiß trotzdem, dass es derzeit eigentlich wichtigere Themen geben müsste.

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