Neubau in Berlin

„Palais Holler“ bringt die Kaiserzeit zurück an den Kudamm

Am Kurfürstendamm 170 lässt das „Palais Holler“ die Gründerzeit wieder aufleben - mit typisch wilhelminischen Elementen.

Ist das nun Retro oder nicht? Die Fassade des Palais Holler sticht unter den Häusern am Kurfürstendamm hervor

Ist das nun Retro oder nicht? Die Fassade des Palais Holler sticht unter den Häusern am Kurfürstendamm hervor

Foto: Tobias Nöfer Architekten

Überall in der City West lässt es sich beobachten: Die nach dem Krieg entstandenen Schlichtbauten rund um den Kurfürstendamm werden abgerissen. An ihrer Stelle entstehen hochwertige Neubauten, die die gründerzeitliche Pracht wieder aufleben lassen. Ganz besonders gilt das für das Haus, das am Kurfürstendamm 170 nahe dem Adenauerplatz kurz vor der Fertigstellung steht. Dort hatte bis 2014 das älteste Familienunternehmen am Kurfürstendamm, das Fotostudio Art & Photo Urbschat, in einem Büro- und Geschäftshaus aus den 1960er-Jahren seinen Sitz. Bis sich die Eigentümerin des Gebäudes, die Holler-Stiftung entschied, das marode Nachkriegshaus nicht zu sanieren, sondern abzureißen – und durch das „Palais Holler“ zu ersetzen.

Drei Jahre später stehen Lieferwagen und Lkw vor dem prächtigen, acht Meter hohen Portal zum Vorderhaus des Gebäudes, Bauarbeiter tragen Fensterelemente ins Innere, aus dem Haus dringt Baulärm, noch ist längst nicht alles fertig. Doch schon auf den ersten Blick fällt auf, dass hier mit aufwendigem Gebäudeschmuck nicht gespart wurde.

Über dem Eingangsportal in der Vollsteinfassade aus edlem fränkischem Jura-Marmor etwa windet sich ein von einem Steinmetz gefertigtes Akanthusfries, die Fassade ist mit geschwungenen Erkern und Balkonen gegliedert. Der Blick durch das Eingangsportal verrät, dass es im Inneren des Palais genauso prächtig weitergeht.

Acht Meter hohe Säulen aus Jura-Marmor, Kassettendecke, in das Foyer integrierte Steinbänke, der Fußboden aus hellem Terrazzo. Und nicht zu vergessen: die wilhelminische Reminiszenz, der „stille Portier“, ein aufwendig gestaltetes Bewohnerverzeichnis. Denn echte Portiers oder Concierges gab es im Berlin der Kaiserzeit, anders als etwa in Paris, nur ganz selten.

Typisch wilhelminisch ist auch der enge Hof, der lediglich 14 mal 18 Meter misst und an allen vier Seiten bebaut ist. Auch hier gliedern Säulen, Pilaster und Balkone die Fassade. Und Bauarbeiter sind gerade dabei, die beiden ebenfalls aus Jura-Marmor gefertigten Wasserbassins im Hof abzudichten. Ist so viel Kaiserzeit nicht ganz schön rückwärtsgewandt und „Retro“?

„Ich nenne diesen Baustil Futuro“

Natürlich gebe es bei seinem Gebäude das eine oder andere Zitat. „Aber wieso soll das Retro sein?“, entgegnet der Architekt des neuen Palais, Tobias Nöfer. „Ich nenne diesen Baustil Futuro“, ergänzt der Berliner. Schließlich füge sich seine Architektur, anders als so mancher in den vergangenen Jahren entstandene Neubau, in die Kurfürstendamm-Umgebung ein, greife ihre Formensprache auf. Und das typische Kurfürstendamm-Gebäude sei nun einmal im repräsentativen Gründerzeitstil mit üppigen Fassadenschmuck errichtet. „Retro wäre, wenn ich hier ein Frankfurter Glashaus hinsetzte“, sagt Nöfer.

Und tatsächlich könnte man meinen, dass hier nicht ein Neubau, sondern ein frisch und umfassend sanierter Altbau von den Baugerüsten befreit wurde. Die Fassade zur Straße lehnt sich in Aufbau und Gliederung an die typische Kurfürstendamm-Bebauung an. Das Vorderhaus zählt fünf Stockwerke sowie ein Dachgeschoss. Die Deckenhöhe im Erdgeschoss misst 4,50 Meter, die Beletage 3,20 Meter, die obersten beiden Etagen je 2,80 Meter.

„Das Dach besteht, wie am Kudamm üblich, aus einer Kombination von Sattel-, Mansard- und Flachdach“, so der Architekt. Städtebaulich füge sich das Haus erheblich besser ein als der Vorgängerbau. Dieser hatte zudem die gesamte Grundstücksfläche überbaut, während die Mieter im Hinterhaus nun in den Genuss eines Gartens kommen.

Wohnungen wird es im rund 30 Millionen Euro teuren Neubau nicht geben. „Die Holler-Stiftung ist auf die Vermietung von Gewerbe eingerichtet“, so Nöfer. Die 1990 gegründete Stiftung fördert unter anderem SOS-Kinderdörfer und die Kunststiftung Volkswagen in Wolfsburg. Die Entscheidung, auf Wohnungen zu verzichten sei gefallen, da die Stiftung das Haus nicht verkaufen, sondern im Bestand halten wolle. „Hier in der Gegend entstehen gerade zahlreiche Wohnungen. Büros und Geschäfte werden aber auch benötigt, damit die urbane Mischung stimmt“, sagt Architekt Nöfer.

Die Nachfrage gibt ihm recht: Obwohl der Mietpreis bei stattlichen 25 Euro je Quadratmeter liegt, ein Preis, den man in Berlin eher mit der Prachtstraße Unter den Linden in Mitte assoziiert, sind nahezu alle Flächen bereits vermietet. Auf die insgesamt 6500 Quadratmeter Mietflächen werden laut Nöfer unter anderem ein Chirurg einziehen, der hier Patientengespräche führen wird, eine Personalberatungsfirma, eine Rechtsanwaltskanzlei und ein Projektentwickler.

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