Berliner City West

Die Gedächtniskirche ist vom Sockel bis zum Dach saniert

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Brigitte Schmiemann
Der orangefarbene Glocken- und der Alte Turm der Gedächtniskirche ragen in den Himmel. Nach der Instandsetzung strahlt die Fassade der Kapelle (vorn) wieder

Der orangefarbene Glocken- und der Alte Turm der Gedächtniskirche ragen in den Himmel. Nach der Instandsetzung strahlt die Fassade der Kapelle (vorn) wieder

Foto: Paul Zinken / dpa

Die Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche leuchtet wieder. Die Wüstenrot Stiftung hat sie generalüberholt.

Die Fassaden der frisch sanierten Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche leuchten wieder hell. So wie zur Entstehungszeit in den 60er-Jahren, als Architekt Egon Eiermann (1904–1970) das Kirchenensemble auf dem Breitscheidplatz mit Glockenturm, Foyer und Kapelle rund um die Turmruine schuf. Doch das inzwischen weltberühmte Mahnmal des Zweiten Weltkriegs und Symbol des Wiederaufbaus und der Versöhnung in der City West hat einen hohen Instandsetzungsbedarf. Eines der Probleme, die alle Bauten dort gemeinsam haben, sind die Fassadenelemente aus Beton, umgangssprachlich Betonwaben genannt. Der Stahldraht darin rostet, der Beton bekommt Risse, platzt ab.

In der Kapelle haben Restauratoren Betonwaben innen und außen instand gesetzt. In einem Forschungsprojekt war zuvor gründlich untersucht worden, wie dies geschehen könnte, ohne das Denkmal zu sehr zu verändern. „Die Annäherung an die ursprüngliche Anmutung ist fantastisch gelungen“, lobte Philip Kurz, Geschäftsführer der gemeinnützigen Wüstenrot Stiftung, das Ergebnis.

Vom Glockenturm waren Betonteile abgestürzt

Die Stiftung ist auf die Sanierung von Denkmalen spezialisiert und hat der Gedächtniskirche weitere Hilfe für den Glockenturm zugesagt, der ebenfalls instand gesetzt werden muss. 2013 waren von ihm Betonteile heruntergefallen, seitdem ist er aus Sicherheitsgründen eingerüstet. Zur Freude von Pfarrer Martin Germer hatte sich die Finanzierung auf „wunderbare Weise“ gelöst: Die Wüstenrot Stiftung, ursprünglich um Hilfe für die Erneuerung der Holzelemente an der Innenseite des Bauwerks gebeten, hatte sich entschieden, die Sanierung der Kapelle komplett in die Hand zu nehmen. „Und nach sorgfältigen Detailuntersuchungen und vielen Abstimmungs- und Planungsrunden wurde unser 1963 eingeweihtes architektonisches Kleinod in anderthalb Jahren vom Sockel bis zum Dach komplett saniert und technisch auf heutigen Stand gebracht. Dafür sind wir sehr dankbar“, so Pfarrer Germer.

1,5 Millionen Euro hat sich die Wüstenrot Stiftung die Überholung der Kapelle kosten lassen. Nach sechzehnmonatiger Bauzeit, in der der Flachblau eingehaust war, wird er am heutigen Donnerstag wiedereröffnet. Generalüberholt ist auch das Innere der Kapelle. Ein lichter, heller Raum, der im Gegensatz zur großen Kirche mit der gedämpften Atmosphäre Tageslicht hat.

Abnutzung und Umwelteinflüsse hatten der Kapelle zugesetzt. Erhalt ging laut Architekt Steffen Obermann vor Austausch, Reparatur vor Rekonstruktion. Aber manches konnte nicht gerettet werden. So mussten zum Beispiel die nach mehr als 50 Jahren verrotteten Fassadenhölzer im Garten erneuert werden. Dieser Garten ist ein nach oben offener, begrünter Gang um den Innenraum der Kapelle, die durch Glasscheiben davon getrennt ist.

Im Garten wachsen jetzt wieder Rosen und Wein

So wie in der Anfangszeit wachsen jetzt wieder an wenigen Stellen Rosen und Wein in diesem Garten, der dafür sorgt, dass der Innenraum vom Lärm des trubeligen Breitscheidplatzes abgeschirmt ist – so wie die Kirche mit ihrem doppelwandigen Umgang auch. Praktischerweise sorgt eine automatisierte Bewässerungsanlage dafür, den Pflegeaufwand klein zu halten. Auch eine neue Verglasung erhielt die Kapelle.

Die Haustechnik zu erneuern war ein weiterer Schwerpunkt. Zwei neue Toiletten und eine Teeküche in früheren Abstellräumen des Kellers werden das Gemeindeleben in der Kapelle, in der es Taufen, Trauungen, manchmal auch Trauerfeiern, Kinderkirche und Familiengottesdienste, Kappellengespräche mit Vorträgen und Diskussionen gibt, erleichtern.

Am Donnerstag wird die Kapelle mit einem abendlichen Gottesdienst und Festakt wieder ihrer Aufgabe übergeben. Wegen der begrenzten Zahl der Plätze ist keine Anmeldung mehr möglich. Zuvor werden von 16 bis 18.30 Uhr aber Fachvorträge in dem Andachtsraum angeboten, die öffentlich sind. Am Sonntag, 14. Mai, findet dann ab 11.30 Uhr ein Familiengottesdienst mit der Gemeinde und anderen Interessierten dort statt. Eingeweiht werden muss die Kapelle nicht. Wie Pfarrer Martin Germer sagte, werden evangelische Kirchen nicht geweiht. Zudem sei die Kapelle ja für die Bauarbeiten nicht entwidmet oder entweiht gewesen.

Im Gegensatz zur Kirche mit ihren 850 Plätzen, die täglich von 9 bis 19 Uhr geöffnet ist und jährlich mehr als 1,3 Millionen Besucher hat, ist die Kapelle mit ihren 100 Plätzen nur zu Veranstaltungen geöffnet. Außer am Kirchentag Ende Mai. Da wird sie als Raum der Stille und Ort für Gespräche geöffnet sein. Nach dem Kirchentreffen soll laut Germer die Sanierung des Podiums beginnen. Diese Fläche, auf der die Kirchenbauten erhöht auf dem Breitscheidplatz stehen, muss dringend instand gesetzt werden. 1,8 Millionen Euro sind dafür nötig. „600.000 Euro Fördermittel und Spenden haben wir noch nicht zusammen, aber wir legen nach dem Kirchentag los“, kündigte Germer an.