Premiere

Der Glöckner feiert seine Premiere in Berlin

Die Neuinszenierung feiert am Sonntag im Theater des Westens Europa-Premiere. Es ist ein großes Drama – und ein großes Theater.

Stegae Theater des Westens 2017: "Der Glöckner von Notre Dame" David Jacobs als Quasimodo

Stegae Theater des Westens 2017: "Der Glöckner von Notre Dame" David Jacobs als Quasimodo

Foto: JOHAN PERSSON

Glockengeläut, Weihrauch, gregorianische Gesänge. Mönche in weiten Kutten. Das Bühnenbild: eine opulentes Abbild der Kathedrale von Notre Dame. Die klerikale Andacht mündet in einem ersten vertrauten Gesang: "Die Glocken von Notre Dame". So beginnt die Neuinszenierung des Musicals "Der Glöckner von Notre Dame", die am heutigen Sonntagabend im Stage Theater des Westens ihre große Europa-Premiere erlebt.

Und tatsächlich ist vieles neu an diesem Stück, mit dem am 5. Juni 1999 das damals noch zur Stella-Gruppe gehörende Musical Theater am Potsdamer Platz eingeweiht wurde. Mit dem "Glöckner" hatte sich der mächtige Disney-Konzern erstmals mit einer Uraufführung ins Ausland gewagt. Nach Berlin. Ein ambitioniertes Projekt, das auch der in die roten Zahlen geratenen Stella Musical AG wieder auf die Sprünge helfen sollte. Es half nicht.

Mit millionenschwerer Bühnen-Hightech erstand allabendlich am Potsdamer Platz das Paris des 15. Jahrhunderts. Wuchtige Quader schoben sich da wie von Geisterhand zu immer neuen Formationen. Imposante Diaprojektionen schufen immer neue, gewaltige Bühnenbilder. Mehr als 45 Millionen D-Mark hatte die Berliner Bühnenfassung des Disney-Animationsfilms "Der Glöckner von Notre Dame" gekostet. Doch nach drei Jahren Spielzeit war wieder Schluss.

Das Musical hatte einige Ohrwürmer zu bieten

Die Entertainment-Strategen von Disney freilich hatten ganze Arbeit geleistet. Mit Songs wie "Einmal" oder "Hilf den Verstoßenen", gesungen von der damaligen Esmeralda-Darstellerin Judy Weiss, oder mit "Draußen", das der New Yorker Drew Sarich als Quasimodo sang, hatte das mehr dem Disney-Film denn der Romanvorlage von Victor Hugo verpflichtete Stück sogar einige Ohrwürmer aufzubieten. Das Berliner Team bestand aus mehrfach mit Tonys, Grammys und Oscars ausgezeichneten Profis. Darunter auch Regisseur James Lapine, der das Stück zunächst auf Englisch in New York probte, bevor es in der deutschen Übersetzung von Michael Kunze in Berlin uraufgeführt wurde. Komponist Alan Menken, der schon die Musik zur Zeichentrick-Fassung von Disneys "Glöckner von Notre Dame" komponierte, hatte mit Texter Stephen Schwartz die Idee, den Victor-Hugo-Klassiker für die Bühne zu bearbeiten.

"Der Glöckner von Notre Dame" erzählt eine Geschichte voller Tragik, In­trigen, Verrat und Mord. Im 15. Jahrhundert wächst im Glockenturm der Kathedrale der Bucklige namens Quasimodo heran, ausgestoßen und abgeschirmt von der Außenwelt. Der Domprobst Frollo hatte ihn, den missgebildeten Sohn seines gestorbenen Bruders, aufgezogen und zum Glöckner ausgebildet. Eines Abends schleicht sich der Bucklige hinaus, angelockt von den Klängen des "Drei-Königs-Fests". Der Pöbel bestaunt ihn, kürt ihn zum "Narren-Papst" und stellt ihn dann an den Pranger. Einzig die Zigeunerin Esmeralda zeigt Mitleid. Sie befreit Quasimodo.

Es ist eine Geschichte unerwiederter Liebe

Und zieht sich den Zorn des frommen Domprobsts zu, der hin- und hergerissen ist zwischen Zölibat und Begierde. Es ist eine Geschichte von unerwiederter Liebe, in der unglückliche Menschen an ihre Grenzen kommen und unfassbare Dinge tun. Großes Drama, großes Theater. Doch nach der Berliner Spielzeit wurde das Musical jahrelang nicht mehr aufgeführt. Menken und Schwartz allerdings arbeiteten weiter daran, ihr Werk an den New Yorker Broadway zu bringen. Sie schrieben neue Songs. Sie veränderten den Ablauf intensiv, änderten auch das Ende ab und färbten die Story dunkler, erwachsener.

Im Jahr 2014 kam diese neue, englischsprachige Version des Musicals unter dem Titel "The Hunchback of Notre Dame" zunächst am La Jolla Playhouse in San Diego auf die Bühne. Im März zog das Musical ans Paper Mill Playhouse nach Millburn, New Jersey. Der neue Autor Peter Parnel und der Regisseur Scott Schwartz, Sohn von Li­brettist Stephen Schwartz, brachten eine völlig überarbeitete, düstere Fassung auf die Bühne. Doch die Hoffnung auf den Sprung an den Broadway erfüllte sich vorerst nicht. Nun kehrt diese Version, die sich vom Trickfilm entfernt und sich mehr Victor Hugo annähert, zurück nach Berlin. David Jakobs spielt den Glöckner Quasimodo. Er war der Gavroche bei der deutschen Erstaufführung von "Les Misérables" 1996 in Duisburg und spielte später in "Rent", "Into the Woods", "Tommy" und "Evita".

24 Mitglieder umfasst das Ensemble

Die Australierin Sarah Bowden ist die Esmeralda an seiner Seite, die in Berlin 2008 in der Uraufführung von "Der Schuh des Manitu" im Theater des Westens mitwirkte wie auch in "We Will Rock You" und "Tanz der Vampire". Felix Martin ist Domprobst Frollo, Maximilian Mann spielt den Hauptmann Phoebus, und Jens Janke ist das einzige Ensemble-Mitglied, das bereits vor 18 Jahren bei der Uraufführung dabei war. 24 Mitglieder umfasst das Ensemble, dazu kommt ein 24-köpfiger Chor und ein großes Orchester. Diese neue Version des Musicals setzt mehr auf theatralische Effekte und noch mehr auf die eingängige, emotionale, klassisch geprägte Musik von Alan Menken.

Zur Premiere haben sich prominente Ehrengäste angekündigt. Neben Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller, Schauspielerin Nastassja Kinski und Sängerin Gitte Haen­ning werden auch Komponist Alan Menken und Michael Kunze, der die englische Fassung ins Deutsche übertragen hat, erwartet. Bis zum Herbst wird Quasimodo fortan allabendlich die Glocken von Notre Dame läuten – im Theater des Westens.

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