Berlin

Unter freiem Himmel

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Katrin Lange

Die Zahl der wilden Camps in Berlin steigt. Der Senat sieht die Bezirke in der Verantwortung. Doch passiert ist bislang wenig

Oben auf den Gleisen rauschen S-Bahnen und Regionalzüge vorbei, unten in der Böschung ist eine Zeltstadt entstanden. Es sind primitiv zusammengebaute Behausungen, ausgestattet mit Wolldecken, Plastikplanen, Holzpaletten, alten Matratzen. In den Zelten stehen ein paar Habseligkeiten: ein Topf, ein zerbrochener Spiegel, ein kaputter Stuhl. Etwa 40 Südosteuropäer leben an der Heilbronner Straße auf einem ungenutzten Privatgrundstück. Es gibt kein Wasser, keine Kanalisation. Eine kleine Feuerstelle deutet darauf hin, das sich die Bewohner warme Mahlzeiten zubereiten. Es ist Mittag, alle sind unterwegs.

Seit zwei Jahren kampieren Rumänen und Bulgaren dort unweit des Kudamms. Die Situation vor Ort, vor allem die Hygiene, ist katastrophal. Aus diesem Grund haben sich am Dienstag Vertreter vom Bezirk, von der Polizei und der Berliner Stadtreinigung (BSR) getroffen. „Auf Dauer ist das kein Zustand“, sagt Carsten Engelmann (CDU), Stadtrat für Gesundheit und Soziales in Charlottenburg-Wilmersdorf. Viel dagegen tun kann er nicht. Das Gesundheitsamt war schon da. Mit der Rattenbekämpfung wurde sofort begonnen. Ansonsten stellte das Umweltamt „keine Verunreinigungen“ fest. Für den Müll sei der private Eigentümer des Geländes zuständig, der auch zu entscheiden habe, ob es geräumt werde oder nicht.

Je wärmer es wird, destomehr Zeltlager gibt es

Mit steigenden Temperaturen nehmen die wilden Zelt- und Schlafsacklager von Obdachlosen und Wanderarbeitern unter freiem Himmel zu. Eines ist am Hauptbahnhof an der Clara-Jaschke-Straße. Auf nacktem Sand und Bauschutt liegen Schlafsäcke, Matratzen und Kleidung. Ein blaues Zelt ist neben einem rosafarbenen Sofa aufgebaut, daneben steht ein Einkaufswagen, voll mit Plastikflaschen und Tüten. Es ist das Zuhause von Januz. Der schüchterne, aber freundliche Rumäne geht tagsüber betteln. Eine Arbeit hat Januz nicht. Abends kommt er zum Schlafen zurück. „Mit meiner Familie“, sagt er. Ähnlich ist es am Zoologischen Garten. Unter der Bahnbrücke an der Jebensstraße hausen mindestens zehn Menschen. Neben Decken und Schlafsäcken stehen dort auch Koffer. Ein Ukrainer hat einen Krückstock und deutet damit auf seinen Schlafplatz. Er hat eine Verletzung am Knie, auch an der Hand trägt er einen provisorischen Verband. Etwas später ist er in einen Streit verwickelt. Die Polizei ist zur Stelle. Das gehört hier zum Alltag.

Die Senatsverwaltungen für Inneres und Soziales weisen jegliche Zuständigkeit für „wilde Camps“ zurück. „Verantwortlich sind die Bezirke“, heißt es aus der Pressestelle der Innenverwaltung. Die Sozialverwaltung hingegen sieht die Senatorin für Integration, Dilek Kolat (SPD), in der Pflicht. Auch dort heißt es, dass sich der Bezirk um Problemimmobilien wie das ungenutzte Grundstück kümmern müsse. Dennoch habe man Handlungsbedarf in Charlottenburg gesehen und einen Bericht von der Mobilen Anlaufstelle für europäische Wanderarbeiter/innen und Roma angefordert. Diese Anlaufstelle wurde 2010 berlinweit gegründet, um die in Zelten und Schlafsäcken hausenden Menschen zu betreuen und zu beraten.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass es wichtig sei, einen Träger zu finden, der die Sprachkompetenz besitzt, um gemeinsam mit den Menschen Lösungen zu finden. Dazu in der Lage wäre der im Auftrag des Senats tätige Verein Amaro Foro, eine Jugendorganisation von Roma und Nichtroma. Für den Bezirk ist das kein neuer Name. Mit diesem würden sie bereits zusammenarbeiten, sagt Stadtrat Carsten Engelmann.

( BM )