Firmenjubiläum

Mit dem Umzugskarton durch Berlins Geschichte

Seit 150 Jahren gibt es die Umzugs- und Speditionsfirma Hertling. Mit sechs abgemagerten Pferden begann einst nach dem Krieg alles neu.

Wiederaufbau 1947, als Autos mit Holzgas betrieben wurden. Hier ein Speditionsfahrzeug von Hertling mit einem Möbelwagen. Als Anhänger dient ein umgebauter ehemaliger Pferdewagen

Wiederaufbau 1947, als Autos mit Holzgas betrieben wurden. Hier ein Speditionsfahrzeug von Hertling mit einem Möbelwagen. Als Anhänger dient ein umgebauter ehemaliger Pferdewagen

Foto: Hertling

Kaiserzeit, Weltkrieg, Inflation, Zweiter Weltkrieg, Berlin-Blockade, Wirtschaftswunder, Wiedervereinigung – das Unternehmen Hertling hat die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte hautnah miterlebt. Am heutigen Montag, 28. September, feiert das Unternehmen 150-jähriges Bestehen. Nicht im Schloss Charlottenburg, das war schon belegt, sondern im Humboldt Carré an der Behrenstraße in Mitte.

In ihren gelben Umzugswagen mit dem blauen Namensschriftzug haben sie Schreibtische und Akten von rund 1400 Mitarbeitern des Bundesinnenministeriums in den Neubau nahe des Kanzleramtes transportiert. An einem Wochenende Ende April musste alles erledigt sein, damit montags weitergearbeitet werden konnte. Inklusive Aufbau der IT-Technik. Die Bild-Zeitung zog ebenfalls mit „Hertling“ nach der Wiedervereinigung von Hamburg nach Berlin um. Das sind nur Beispiele des Geschäfts, das bei solchen Großaufträgen die ganze Mannschaft fordert.

Die Wurzeln der Umzugs- und Speditionsfirma liegen gegenüber dem Rathaus Charlottenburg, das es damals noch nicht gab. An der Berliner Straße 52, der heutigen Otto-Suhr-Allee, gründete Emil Hertling am 28. September 1865 das Unternehmen. Die Geschichte des Familienbetriebs, der heute von der vierten und fünften Generation geführt wird, ist eng verknüft mit der deutschen Geschichte.

„Hofspediteure Seiner Majestät des Kaisers und Königs“

Hertling war bahnamtlicher Rollfuhrunternehmer der königlich-preußischen Staatseisenbahnen für den Güterbahnhof Charlottenburg, stellte bis spätabends die Sendungen zu, die dort ankamen, beispielsweise von Berlinern, die damals im Umland ihre Kartoffeln und andere Lebensmittel kauften. Außerdem durfte sich das Unternehmen „Hofspediteure Seiner Majestät des Kaisers und Königs“ nennen und Enbleme an seinen Wagen befestigen. Die Umzüge in die Sommerresidenzen von Berlin und Potsdam waren ihr Gebiet, aber auch der Transport von Brennholz und Baumaterial für die Schlösser.

Das sind nur zwei Beispiele, die von der Tüchtigkeit, mit der die Familie die guten und die schweren Zeiten der Geschichte gemeistert hat, zeugen. Einfallsreichtum, Anpassungsbereitschaft, Tatkraft und Mut gehörten und gehören auch heute sicherlich auch dazu.

„Wir haben jetzt die glücklichste Zeit des Unternehmens“, findet Senior-Chef Helmut Hertling, 77, wenn er die Zeitepochen Revue passieren lässt, der erste Niedergang der Firma sei mit dem Ersten Weltkrieg gekommen, die Inflation habe das Übrige erledigt. Heute arbeiten rund 300 Mitarbeiter in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf und Eberswalde für die Firma. Sie gilt als ältestes Berliner Familien-Unternehmen mit dieser Banbreite an Leistungen im Umzugs- und Speditionsgeschäft.

Urgroßvater Emil gründete die Firma

Der Urgroßvater von Helmut Hertling, Emil (1838–1898) gründete 1865 die Firma. Er war der Sohn eines Landwirts aus der Nähe von Oranienburg und hatte eine Lehre als Materialwarenhändler gemacht. Mit Pferd und Wagen fuhr er nach Berlin, um dort Haushalts- und Bauwaren zu verkaufen. Fürs Geschäftliche muss er einen guten Blick gehabt haben. „Er merkte nämlich schnell, dass man mit Transport ganz gut Geld verdienen konnte.

Und ihm fiel das aufstrebende Charlottenburg auf, das damals noch nicht zu Berlin gehörte“, sagt Helmut Hertling. Zusammen mit seiner Schwester Irene Cock-Johnsen und dessen Ehemann Carl Christian Cock-Johnsen führt Helmut Hertling seit 1971 die Geschäfte. Auch die Nachfolge ist geregelt: Erik Cock-Johnsen (39) ist in fünfter Generation in der Firma tätig.

Bei dem Start der Firma 1865 hatte der Gründer keine rosigen Bedingungen. Die Verhältnisse waren politisch und wirtschaftlich unsicher. „Doch nach dem Deutsch-Französichen Krieg von 1870/71 war der Friede mehr gesichert als je zuvor“, so Helmut Hertling. Es ging auch in Charlottenburg weiter aufwärts: 1893 zählte die Stadt bereits 100.000 Bewohner. 1913 war sie so reich, dass sie ihr eigenes Opernhaus eröffnen konnte.

Stammsitz an der Sophie-Charlotten-Straße

Auch bei Hertlings ging es voran. 1870 gliederte Emil Hertling seinem Kolonialwarenhandel, mit dem er sich selbstständig gemacht hatte, einen Baustoffhandel an, um an der Baukonjunktur teilzuhaben. 1889 verkaufte er das Grundstück Berliner Straße 52 und erwarb Land an der Sophie-Charlotten-Straße 15. Dort hat die Firma bis heute ihren Stammsitz. Die Gegend war damals eine sandige Brache, kaum bebaut. Heute fehlt das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Wohnhaus an der Straße, aber das Geschäftshaus im hinteren Teil des Grundstücks wurde wieder aufgebaut.

Die beiden Söhne des Gründers, Friedrich und Albert, übernahmen das Geschäft etwa zu der Zeit, als ihr Vater das Land an der Sophie-Charlotten-Straße gekauft hatte, nicht weit entfernt vom Schloss Charlottenburg und dem heutigen S-Bahnhof Westend. Die Bahn gab es damals schon, in der Nähe befand sich der für das Unternehmen wichtige Güterbahnhof Charlottenburg, die Stadtautobahn allerdings kam erst etwa 60 Jahre später.

Die Brüder Hertling bauten neben anderen Gebäuden auch ein großes Geschäftshaus auf dem neuen Grundstück. Im obersten des fünfstöckigen Gebäudes hatten sie einen Heuboden eingerichtet, im Stock darunter die Pferdeställe. Die Unterbringung der Pferde im Geschäftshaus unterm Dach war etwas Besonderes.

Räume im Keller zum Lagern

Über einen Rundgang liefen die bis zu 60 Tiere abends allein nach oben, wohl wissend, dass es dort Futter gab. „Morgens war es dann öfters nicht so einfach, sie runterzubringen“, weiß Helmut Hertling aus Familienüberlieferungen. Diese Konstruktion habe aber kaufmännischen Gesichtspunkten entsprochen, um die „wertvollen Räume im Keller und Erdgeschoss“ zum Lagern und dem Umschlag von Speditionsgütern zur Verfügung zu haben. Reste dieses Rundgangs sind noch heute im Foyer des Bürotrakts zu sehen.

Damit die Tiere auch Auslauf hatten, wurden Wiesen am Savignyplatz gepachtet, berichtet Helmut Hertling aus der Familienchronik weiter. Und das Heu, das für sie an der Nonnendammallee gemacht wurde, wurde in einer Scheune an der Grolmanstraße gelagert.

Auch mit der Ausschachtung der Berliner U-Bahn war Hertling ab 1901 beauftragt. „Täglich mussten wir bis zu 200 Gespanne stellen. So viele eigene Pferde hatten wir ja nicht, aber wir haben sie aus Brandenburg geholt. Und es drohten hohe Konventionalstrafen, wenn wir unseren Verpflichtungen nicht nachgekommen wären“, sagt Hertling. „Die Pferde durften immer nur drei bis vier Tage arbeiten, dann brauchten sie Ruhe“, weiß der Senior-Chef. Die Aufträge seien riskant, aber auch recht einträglich gewesen.

Unternehmer kämpften für das Kopfsteinpflaster

Abgeschlossen wurden die Baulichkeiten auf dem Stammsitz der Firma mit Lagergebäuden und Speicher 1913. Für Pferd und Kutscher sei es damals nicht leicht gewesen, die schweren Roll- und Möbelwagen über das glatte Asphaltpflaster zu bewegen. Die Unternehmer kämpften deshalb für das Kopfsteinpflaster, auf dem die Pferde mehr Halt hatten.

Nach der schweren Zeit des Ersten Weltkriegs folgte 1919 die Ernennung zum offiziellen Bahnspediteur der Deutschen Reichsbahn. Bahnmöbelwagen des Unternehmens standen auf vielen Bahnhöfen in Europa. Es ging wieder weiter.

Trotz des Fuhrgeschäfts habe Großvater Friedrich nie einen Führerschein besessen. Das Transportgeschäft wurde zu seiner Zeit noch mit Pferd und Wagen abgewickelt. Und als 1927 das erste Privatauto gekauft wurde, „ein kleiner Hanomag, Sargkiste genannt“, wie Helmut Hertling aus der Familiengeschichte weiß, sei ein Kutscher zum Chauffeur befördert worden. Der habe sich jedoch nur schwer umgewöhnen können. Beim Bremsen habe er immer „brrr“ gerufen, ist überliefert.

Flugzeuge mussten vom Wannsee und Müggelsee zum Funkturm

1927 wurde die Firma auch vom Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrsamt der Stadt Berlin zum alleinigen offiziellen Ausstellungsspediteur ernannt. 1928 allerdings die Flugzeuge zur internationalen Luftfahrtausstellung zu transportieren, verlangte auch ihnen Nervenstärke ab. Die Flugzeuge mussten vom Wannsee und Müggelsee, wo sie wasserten, zum Ausstellungsgelände unterm Funkturm gerollt werden.

Ab 1935 wurden die ersten Autos angeschafft. Sie lösten die Fuhrwerke ab, die teils schon mit Motorkraft statt mit Pferden bewegt worden waren. 1939 waren bei Hertling 40 Lastwagen mit Anhängern im Einsatz. Doch viele Mitarbeiter, auch Emil Hertling, nicht der Gründer, sondern der Sohn von Friedrich gleichen Namens und Vater von Helmut Hertling, wurden eingezogen, die neuen Fahrzeuge musste die Firma der Wehrmacht überlassen. 1943 dann wurden die Gebäude auf dem Betriebsgrundstück an der Sophie-Charlotten-Straße sowie der Fuhrpark, das Lager und die Kontorräume mit sämtlichen Unterlagen bei einem Bombenangriff zerstört. 45 Pferde erstickten.

Der damals schon 71-jährige Friedrich Hertling und seine Familie standen vor dem Nichts, so wie viele andere auch. Zusammen mit seinem Sohn Emil machte er sich an den Wiederaufbau. Unterstützt wurde er von seinem Sohn Emil, dem Vater von Helmut Hertling. Die Firma war wirtschaftlich am Boden, auch die Sachwerte waren zerstört. Der Beginn des Geschäfts sah so aus, dass Friedrich Hertling eine brauchbare alte Autoachse entdeckte, sich einen Kasten daraufsetzen ließ und ein Pferd davorspannte. Mit sechs noch vorhandenen kleinen abgemagerten Pferden begann alles neu.

Die ersten drei neuen Lastautos

1947 konnten die ersten drei neuen Lastautos gekauft werden. Nach der Währungsunion und der Blockade von Juli 1948 bis Mai 1949 gingen die Geschäfte jedoch zunächst nochmals zurück. „Es begann der Wegzug der Firmen aus Berlin, an den Grenzen mussten wir teils 24 Stunden warten, wir fuhren meist leer zurück, kaum jemand kam zurück“, erinnert sich Hertling.

Doch es zu diesem Zeitpunkt ging es wieder aufwärts. Das Wirtschaftswunder bescherte auch ihnen gute Geschäfte. Ab 1973 betreute Hertling zudem die Umzüge der Diplomaten in Ost-Berlin und der dortigen Botschaften. Diesen Geschäftszweig baute Carl Christian Cock-Johnsen, der Schwager von Helmut Hertling, auf. „Nach dem Viermächteabkommen etablierten sich alle neutralen westlichen Staaten in Ost-Berlin, die bis dahin noch nicht da gewesen waren.

Und unsere Lkw durften mit einer Sondergenehmigung über die Heinrich-Heine-Straße die Transporte machen“, berichtet Cock-Johnsen. Als Norweger durfte er relativ unkompliziert den Checkpoint Charlie benutzen, um zu den Besprechungen zu kommen. Heute weiß er, dass er bei der Stasi als britischer Spion geführt wurde, vermutlich weil er öfters auch mit den Briten zu tun hatte.

Inventar-Listen wurden penibel geprüft

Dass er sechs Sprachen fließend spricht, ist im internationalen diplomatischen Geschäft auch heute noch von Vorteil. Das Geschäft mit Ost-Berlin war allerdings ein sehr spezielles: Bei der Ausfuhr mit voller Ladung schnüffelten Hunde, ob auch niemand versteckt worden war. Und die Inventar-Listen wurden penibel geprüft.

Gern erinnert man sich im Unternehmenssitz in Charlottenburg auch an den französischen Militärzug, der jeden Monat am 20. im Bahnhof Tegel einfuhr und zwei Tage später wieder abfuhr. Für das Verladen und Abholen des Umzugsguts der Militärangehörigen, die versetzt wurden, war die Firma Hertling beauftragt.

„Im Juli 1972 hatten wir mal 100 Transporte an einem Tag, 50 Eisenbahnwaggons wurden be- und entladen“, erinnern sich die Hertling-Chefs. Als nach der Wiedervereinigung und dem Wegfall der Berlin-Zulagen allerdings viele Firmen Berlin verließen, spürte Hertling dies allerdings auch im Rückgang des Firmenkundengeschäfts. Es habe aber durch den Ausbau des Diplomatengeschäfts kompensiert werden können, das heute rund 20 Prozent des Umsatzes ausmacht.

Diskretion ist alles

Je 40 Prozent machen das Firmenkunden- und Privatkundengeschäft aus. Der Rentner, der nach Thailand zieht, ist dabei genauso vertreten wie die Ehefrau eines Schauspielers, die die Zeit der Abwesenheit des Mannes nutzt, um aus dem gemeinsamen Haus über Nacht auszuziehen ohne die Adresse zu hinterlassen. Auch so etwas kommt vor. Namen allerdings würden die Hertling-Chefs nie nennen: Diskretion ist alles. Das haben sie dem Nachwuchs längst mit auf den Weg gegeben, damit es so gut weitergeht wie bisher: „Unsere innere Haltung war immer, dass wir alles, was wir verdienen in der Firma lassen.“ Dieser Ratschlag kann nicht ganz verkehrt sein. Die 150 Jahre sind wohl der Beweis.

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