Klausenerplatz

Mieten in Berlin - "60 Quadratmeter kann ich mir nicht leisten"

In vielen Stadtteilen in Berlin steigen die Mieten. So auch am Klausenerplatz in Charlottenburg. Manche Anwohner können sich ihre Wohnung dort einfach nicht mehr leisten.

Foto: Frank Lehmann (2) / Frank Lehmann

Vom Spandauer Damm bis zum Kaiserdamm, von der Schloßstraße bis zur Sophie-Charlotten-Straße – der Kiez um den Klausenerplatz ist seit Jahren ein beliebtes Innenstadtviertel inmitten von Charlottenburg. Dort zu wohnen ist beinahe schon ein Art Lebensgefühl. Doch dieses Lebensgefühl kostet – für manche mittlerweile zu viel.

Beispielweise für die 30-jährige Cornelia Müller (*), die umziehen musste. Der Klausenerplatz war für die Mutter der beiden Kinder Arvid, 3, und Helena, 5, und ihren Ehemann zu teuer geworden. "Wir mussten den Kiez verlassen – gezwungenermaßen. Obwohl ich vorher mein Leben lang gerne hier gewohnt habe." Die Miete ihrer Wohnung sei immer weiter gestiegen. Für ihre Familie sei es hier aber zu teuer geworden. "Meine Kinder schicke ich aber weiterhin hier in den Kindergarten. Den Kontakt hierher verlieren wir nicht", so Müller. Gemeinsam mit ihrem Mann ist die Restaurantfachfrau selbstständig und will unbedingt wieder zurück in das Viertel. "Wir suchen schon wieder im Kiez. Mit Glück findet man ja doch noch etwas Günstiges."

Ihre Freundin, mit der Cornelia Müller an diesem Montag, dem Tag, an dem der neue Mietspiegel veröffentlicht wird, im Eiscafé an der Seelingstraße sitzt und die selbst dort lebt, findet es "doch sehr schade, wenn sich der Kiez hier weiter Prenzlauer Berg angleicht. Leute müssen wegziehen – es verändert sich".

8,10 Euro pro Quadratmeter

Der Mietspiegel weist für eine 60 bis 90 Quadratmeter große, klassische Altbauwohnung Mieten zwischen 4,55 Euro und 8,10 Euro aus. Wer eine neue Mietwohnung sucht, zahlt häufig auch mehr. Auch im Bestand steigen die Preise spürbar. Gerade für Familien bedeutet dies oft, dass sie ihre Wohnsituation verändern müssen. Oftmals mit nur zwei Optionen: im Kiez eine kleinere Wohnung zu suchen oder in einen anderen Stadtbezirk zu ziehen.

In Blickweite des Eiscafés steht ein Umzugswagen. Helfer tragen Kisten in den zweiten Stock in eine Wohnung, die asbestbefallen war. Karl Maurer (*), 49, wohnt dort. Bisher hat er nach der Sanierung der Wohnung noch keine Mieterhöhung erhalten. "Wir leben hier zu fünft, unsere älteste Tochter ist gerade zum Studieren ausgezogen." Seitdem die Familie in der 115 Quadratmeter-Wohnung mit Balkon im Klausenerplatz-Kiez wohnt, ist die Miete "von knapp 750 Euro warm auf 1000 Euro gestiegen", so der 49 Jahre alte Familienvater. Die Maurers sind Doppelverdiener. Sonst ginge es nicht. "Allein könnte ich mir diese Wohnung nicht leisten", so der Psychotherapeut, der in seiner frisch renovierten Wohnung zwischen Möbeln und Umzugskisten steht. "Für uns ist das alles hier sehr gut. Ich kenne aber viele im Kiez, bei denen es ganz anders aussieht."

Umzugshelfer Marco Scheibel trägt gerade Kisten in die Wohnung. Er will nicht am Klausenerplatz wohnen. "Mir ist hier die Gegend zu teuer." Sie könnte sogar noch teurer werden. Erst vor einer Woche urteilte das Amtsgericht Charlottenburg, dass der Mietspiegel, der als Referenz für die Erhöhungen von Mieten dient, wissenschaftlichen Kriterien nicht genüge. Sollte das Urteil bestand haben, könnten die Mieten rund um den Klausenerplatz weiter steigen. Aber noch gilt der Mietspiegel – auch der neue.

Manchmal führen auch Trennungen dazu, dass Berliner ihre Wohnung verlassen müssen. So bei Daniela Möller-Wulf. Sie sitzt an der Seelingstraße vor dem "Café Brotgarten". Nach der Trennung und dem Auszug ihres Mannes konnte sich die 47-Jährige die gemeinsame Wohnung nicht mehr leisten. "Nur einem Wohnungstausch ist es zu verdanken, dass ich im Kiez geblieben bin. Ich wollte hier auch auf gar keinen Fall weg. Ich lebe und arbeite hier." Die Wohnung, in der die alleinerziehende Mutter lebt, ist kleiner als die ehemalige Familienwohnung. Offiziell sind es "anderthalb Zimmer, in denen ich nun mit meinem Kind lebe".

"Man kann hier einfach nicht mehr umziehen"

Im Gegensatz zu ihrer Vormieterin zahlt sie für die 56 Quadratmeter jetzt 60 Euro mehr, insgesamt 540 Euro warm. Die Erzieherin ist zwiegespalten, wenn sie über ihren Kiez nachdenkt. Immerhin ist sie "ja eigentlich sehr zufrieden hier, aber ich habe jetzt immer mehr das Gefühl, dass man hier einfach nicht mehr umziehen kann, auch wenn man es gern tun würde". Die steigenden Mieten führten zu einer Verdrängung. Sie kenne viele, die hier einfach wegziehen mussten, weil sie es sich schlichtweg nicht mehr leisten konnten, im Kiez zu bleiben. Schon 60 Quadratmeter könne sie von ihrem Erziehergehalt nicht mehr finanzieren.

Daniela Möller-Wulf sitzt Melanie Jucannova gegenüber. Sie betreibt ein Second-Hand-Bekleidungsgeschäft für Kinder im Kiez. Gemeinsam mit ihrem Mann und den drei Kindern lebt sie im Ziegenhof. "Wunderschön mit Dachterrasse auf knapp 100 Quadratmetern", erzählt Jucannova. Auch Jucannova wohnt schon ihr Leben lang im Kiez. "Allerdings habe ich auch schon sehr negative Erfahrungen mit Mieterhöhungen gemacht. Vor sechs Jahren sollten wir am Spandauer Damm mit einem Mal 1279 Euro Warmmiete statt 858 Euro zahlen", erinnert sich die dreifache Mutter: "Das haben wir aber nicht ein einziges Mal gezahlt – und sind fristgerecht ausgezogen."

(*Name von der Redaktion auf Wunsch der Befragten geändert)

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