Neubaupläne

Anwohner wehren sich gegen "Prora-Riegel" in Halensee

Eine Bürgerinitiative kämpft gegen die massive Bebauung entlang der Seesener Straße. Sie erinnert laut Anwohner an den monströsen Komplex auf Rügen.

Foto: Krauthoefer / Jörg Krauthöfer

Die Anwohner der Seesener Straße und des Henriettenplatzes am S-Bahnhof Halensee machen mobil. Sie wollen nicht kampflos zusehen, wie ihre Straße entlang der S-Bahn bis zum Kudamm mit massiven Wohnriegeln bebaut wird und fordern vor allem eines: Aufklärung. Am Dienstagabend hatte die Bürgerinitiative Henriettenplatz (BI) zur Anwohnerversammlung geladen und die baupolitischen Sprecher der Fraktionen der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Charlottenburg-Wilmersdorf eingeladen.

Etwa 80 Bürger waren ins Restaurant "Dos Pescados" gekommen, um Gehör zu finden und von den Kommunalpolitikern zu erfahren, wie der Stand der Planungen ist und welchen Einfluss Politiker und Anwohner darauf nehmen könnten. Die Vertreter von SPD, Grünen und Piraten, Heike Schmitt-Schmelz, Volker Heise und Siegfried Schlosser, stellten sich den Fragen.

Gleich zwei große Bauvorhaben in ihrem nur etwa 500 Meter langen Straßenabschnitt treiben die Anwohner um: Eines sehen sie als mahnendes Beispiel, wie es auf keinen Fall noch einmal laufen darf, das andere würden sie am liebsten ganz verhindern. Aufgeschreckt hat sie der Bau eines Wohnriegels im südlichen Teil der Straße, der sich als geschlossener Block über 200 Meter bis zur Johann-Sigismund-Straße erstrecken wird und der, so ihre Befürchtung, die Seesener, die Halberstädter und die Johann-Sigismund-Straße von Sonne, Licht und Luftzufuhr abschneiden wird. Dort baut, wie berichtet, die Sanus AG 217 Wohnungen und eine Tiefgarage mit 164 Stellplätzen.

Kleingärten müssen weichen

"Prora-Riegel", in Anlehnung an den monströsen Komplex in Prora auf Rügen, nennen die Anwohner das massive Vorhaben, das im Winter 2015/16 fertig werden soll. Die Baugrube ist ausgehoben, die Parkplatzsituation wegen der Arbeiten chaotisch, der Lärm eine Belastung. Neun gesunde Bäume wurden zudem für die bessere Baustellen-Erreichbarkeit gefällt, beschwert sich Brigitte Bruch von der BI, und das sei nur ein Vorgeschmack dessen, was in der Straße noch bevorstehe.

Denn auch der nördliche Streifen von der Johann-Sigismund-Straße bis zum Henriettenplatz wurde inzwischen verkauft, die HNK Development GmbH will dort Wohnungen bauen. Genaueres ist noch nicht bekannt. Sicher ist, dass die verbliebenen 18 Kleingärten der Bahn-Landwirtschaft an der Seesener Straße verschwinden, sie sind zum 30. November gekündigt worden. Auch der leer stehende Würfelbau der ehemaligen Bibliothek wird weichen, das Areal erstreckt sich weiter entlang des Platzes bis zum S-Bahnhof.

Baurechtlich alles ganz legal

Dass es der BI gelingt, eine Bebauung ganz zu verhindern, ist unwahrscheinlich, denn Berlin benötigt Wohnungen und es handelt sich um ausgewiesenes Bauland. Verkauf und Bebauung sind privatrechtliche Vorgänge. "Da hat die BVV kein Mitspracherecht, so etwas läuft auf der reinen Verwaltungsebene", sagte Heike Schmitt-Schmelz (SPD). Bisher sei an der Straße baurechtlich alles ganz legal zugegangen, auch wenn beim Sanus-Projekt der Investor schwierig sei und seitens der Verwaltung "einiges verschlafen wurde". "Das ist nicht gut gelaufen", räumten die Kommunalpolitiker ein.

Bei allem Ärger über die bezirkliche Bauverwaltung, die nach Einschätzung der Anwohner das Projekt einfach durchgewunken und dem Bauherren zu viele Zugeständnisse gemacht hat, die Sache ist durch und könnte nun dem nächsten Investor als Referenzgröße dienen. Mehr als eine hart erkämpfte Infoveranstaltung mit dem zuständigen SPD-Stadtrat Marc Schulte und der Sanus AG wird es dazu nicht geben.

Auf dem nördlichen Abschnitt geht es der BI zunächst um die Kleingärten. Die Anwohner wollen verhindern, dass diese geräumt werden, bevor ein konkretes Bauvorhaben genehmigt ist. Denn sollte sich dort über lange Zeit dann doch nichts tun, entsteht eine über 3300 Quadratmeter große Brache. "Die Struktur im Kiez ist gut, wir haben keine Probleme. Mit einer Brache bekämen wir ein Sicherheitsproblem", sagt Alexander Heyn von der BI. Darüber müsse der Stadtrat mit dem Investor verhandeln, der offenbar schnell planieren will.

Ein Anliegen ist den Bürgern auch die künftige Gestaltung des Henriettenplatzes. Eine zu hohe Bebauung der Westseite würde das Areal verschatten, "dann sitzt hier keiner mehr, und der Platz ist tot", sagt Heinz Murken. Das sei bei einem Platz, der immerhin den Eingang zum Kudamm markiert, nicht hinnehmbar. "Es kann doch nicht sein, dass sich der Bezirk wegen des Baurechts an solch einer exponierten und städtebaulich bedeutenden Stelle aus der Verantwortung zurückzieht."

Architektenwettbewerb gefordert

"Für die Gestaltung des Henriettenplatzes sollte der Investor einen Architektenwettbewerb durchführen lassen, der die städtebauliche Bedeutung des Platzes ernst nimmt und in den auch die Eingaben der Anwohner einfließen", sagt Volker Heise von den Grünen. Das hätte seine Fraktion in der letzten BVV bereits gefordert, ebenso wie ein Verkehrs- und Umweltgutachten vor einer weiteren Bebauung. "Dieser Platz muss durchdacht werden."

Soweit es in ihrer Macht steht, wollen die BVV-Vertreter die Anwohner unterstützen, raten aber weiter zur Gegenwehr. "Beschweren Sie sich weiter", sagen sie, "und reichen Sie Ihre Fragen so konkret wie möglich ein, damit sie qualifiziert beantwortet und berücksichtigt werden können." Stadtentwicklungsstadtrat Schulte verspricht mehr Transparenz. "Sobald der Investor neue Pläne für die Bebauung des Grundstücks vorlegt, werden sie öffentlich vorgestellt", sicherte Schulte auf Anfrage dieser Zeitung zu. Auch vor einer Entscheidung im Amt, damit darüber noch diskutiert werden könne. Er habe bereits eine Variante vorgelegt, die aber vom Bauamt abgelehnt wurde. Dass die Kleingärten weg müssten, findet auch er bedauerlich. Aber es sei nun einmal so, dass der Eigentümer – die Eisenbahn-Landwirtschaft – die bis zum Henriettenplatz reichende Fläche verkauft habe.

Die Bürgerinitiative will nicht aufgeben: "Ein Hochhaus am Platz haben wir schon einmal mit verhindert, deshalb haben wir uns vor 13 Jahren gegründet", sagt Heinz Murken und auch, dass an der Brücke nun ein überschaubares Bauhaus statt eines doppelt so großen Möbelriesen stehe, sei ein Verdienst der BI. Seit Dezember hält die BI jeden ersten Sonnabend im Monat eine Mahnwache auf dem Platz ab, immer mehr Anwohner nähmen teil. "Mit unserem Protest können wir einiges erreichen", ist sich Murken sicher.

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