Geburtstagsfest

200 Saxofonisten machen die City West zur Klangmeile

Berlin wird dem Erfinder des Saxofons ein großes Geburtstagsfest spendieren und sich am 6. November als Hauptstadt des Saxofons präsentieren. An dem Tag wäre Adolphe Sax 200 Jahre alt geworden.

Foto: Massimo Rodari

Berlin wird dem Erfinder des Saxofons ein großes Geburtstagsfest spendieren und sich am 6. November als Hauptstadt des Saxofons präsentieren. An dem Tag wäre der Belgier Adolphe Sax 200 Jahre alt geworden. Deshalb wollen 200 Saxofonisten ihm zu Ehren die City West rund um die Gedächtniskirche in eine Klangmeile verwandeln.

Ab 15 Uhr erklingen Saxofon-Klänge auf dem Breitscheidplatz, in den Nebenstraßen rund um den Kurfürstendamm, im Europa Center und auch im Hof des Neuen Kranzler Ecks. Ab 19 Uhr wird es dann ein internationales Friedenskonzert am Alten Turm geben, wo aus dem offenen Fenster in der Mitte der Turmruine das Quartett Clair-Obscur und die Soul-Sängerin Queen Yahna zu hören sein werden.

Ihr Weg zur Bühne in etwa 35 Metern Höhe ist dabei durchaus abenteuerlich, teils müssen sie noch über Bauleitern klettern. Von unten können die Passanten auf dem Breitscheidplatz ihrem Spiel lauschen. Techniker werden den Sound verstärken. Nach und nach werden die übrigen Saxofon-Spieler unten hinzukommen und einstimmen.

Friedenshymne und Geläut

Die von Musiker Uwe Steinmetz arrangierten Kompositionen münden nach 19.30 Uhr in eine Friedenshymne aller 200 Saxofonisten, die in das Geläut der sechs Glocken der Kirche übergeht. "So werden wir 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs und kurz vor dem 25. Jahrestag der Maueröffnung der Bedeutung der Gedächtniskirche als Mahnmal für Frieden und Versöhnung Ausdruck geben", sagt Martin Germer, Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Die Idee, Adolphe Sax zu ehren, stammt von ihm. Er stieß auf sie, als er sich im vergangenen Jahr die Gedenktage für 2014 anschaute und dabei den Geburtstag des Saxofon-Erfinders sah. Germer ist selbst Fan von Saxofon-Musik, was auch in der Sommerreihe der Kirche "In Spirit" sowie in Gottesdiensten, wo das Instrument ebenfalls vielfach erklingt, zum Ausdruck kommt. "Das Saxofon ist für mich ein emotional sehr anrührendes Instrument mit vielen klanglichen Möglichkeiten", erläutert Germer.

Musikalisch initiiert hat der Musiker Uwe Steinmetz die Jazzreihe "In Spirit", die an der Gedächtniskirche 2009 begann und die über die Jahre in etwa 200 Veranstaltungen mehr als 500 Jazzsolisten eingebunden hat, dazu Chöre und Kirchenmusiker. Steinmetz ist selbst Saxofonist, hat in Berlin, Bern, Madras und Boston studiert, bevor er 2004 nach Berlin zurückgekommen ist. Er organisiert als künstlerischer Leiter das musikalische Geburtstagsfest für den Instrumentenbauer und Musiker Adolphe Sax (1814–1894) am 6. November – mit Saxofonistin Birgitta Flick und Kirchenmusikdirektor Helmut Hoeft. Entstanden ist ein vielfältiges Programm, im Internet unter www.sax200.berlin zu finden.

Große Rolle in der Unterhaltungsmusik

"Wir feiern auch deshalb so groß, weil das Instrument in Berlin mit dem Aufkommen der Salon- und Unterhaltungsmusik, verbunden mit der amerikanischen Tanzmusik in den 20er-Jahren, berühmt wurde", sagt Steinmetz. In Paris war es eher in Orchestern gespielt worden. Während das Saxofon im Berlin der 20er-Jahre eine große Rolle in der Unterhaltungsmusik spielte, erlebte es in den frühen 30er-Jahren eine kurze Blütezeit in der klassischen Musik. Sie wurde aber abrupt beendet, da die Nationalsozialisten das Instrument als "entartet" einstuften. Frank Lunte hat darüber ein Buch geschrieben, das er bei einem "Kapellengespräch" in der Kirche zwei Tage vor dem Konzert vorstellen wird (4. November, 20 Uhr).

Die Klangmeile auf dem Breitscheidplatz ist kostenlos, ebenso das Friedenskonzert. Junge Musiker, Amateure und Musikschulensembles beteiligen sich daran. Im Anschluss an das Friedenskonzert wird ab 20 Uhr in der Kirche ein Geburtstagskonzert gegeben. Weil dort auch Profis spielen, beträgt der Eintritt 25 Euro, ermäßigt 20 Euro. Karten gibt es auch am Verkaufsstand am Alten Turm. Ausklingen lassen können Musikliebhaber den Abend nach dem Konzert in diversen Hotelbars wie der des Ellington, des Waldorf Astoria und des Swissôtel. Aber auch in der Kapelle der Kirche gibt es ab 22.30 Uhr noch eine Late Night Reception.

Pfarrer Germer, der selbst in seiner Kirche wohl noch nie so viele Saxofonisten auf einmal erlebt hat, kriegt schon jetzt Gänsehaut, wenn er daran denkt, wie die Saxofone den Kirchenraum zum Klingen bringen werden – zusammen mit der Orgel. Auch Uwe Steinmetz ist schon jetzt vom Programm des 6. November begeistert: "Profis und Amateure spielen mit berühmten Saxofonisten zusammen. Das passiert viel zu selten. Musik machen ist ein tolles Hobby, aber auch ein spannender Beruf." Er selbst wird auch mitspielen, auf einem Originalinstrument von Adolphe Sax aus dem Jahr 1870. "Es ist eines der letzten von ihm per Hand gefertigten", sagt er.

Früher sind laut Steinmetz die Blechinstrumente per Hand gehämmert und geformt worden, so etwa ab 1950 seien die meisten Saxofone dann maschinell hergestellt worden. Die alten Instrumente seien leichter und aus einem feinen Material gefertigt. Die Musik sei anfangs für sie leiser gewesen. 1850 habe es die ersten Kompositionen für Saxofon gegeben.

Im Abendkonzert können die Zuhörer anhand der Musik die Entwicklung des Saxofonklangs nachvollziehen – vom ursprünglich leisen, eher intimen Klang über die 20er-Jahre mit Swing- und Tanzmusik bis hin zur heutigen Zeit, wo das Saxofon in unterschiedlichen Kombinationen zu hören ist, eben auch als kraftvolles Soloinstrument.

Noch werden Mitspieler gesucht

Berlin sei deshalb auch Saxofon-Hauptstadt, weil es in den 30er-Jahren der erste Ort in Europa gewesen sei, wo man Saxofon studieren konnte, sagt Steinmetz, der einen Tag in der Woche Saxofon an der Hochschule in Rostock unterrichtet. Ansonsten reist er viel herum und gibt Konzerte. Gerade ist er in Schweden auf Tour – mit einer Solo-Oboistin aus London und zwei schwedischen Musikern für Kontrabass und Schlagzeug. Von sich selbst sagt er freimütig: "Ich bin saxofonverrückt, weil es einfach Spaß macht."

Übrigens: Wer Saxofon spielt und mitmachen möchte am 6. November: Noch werden etwa 50 Mitspieler gesucht. Dass er Probleme haben könnte, die stattliche Anzahl von 200 Musikern zusammenzubekommen, glaubt Steinmetz nicht: "Ich erhalte täglich Anmeldungen. Alle finden die Idee klasse", sagt er optimistisch. Optimistisch ist auch Pfarrer Germer bezüglich des Abbaus des Gerüstes am Alten Turm. Zum Konzertereignis im November soll fast alles abgebaut sein. Nur die Gehweg-Überbauung und die Anlieferzone am Kurfürstendamm mit den angrenzenden Gerüstteilen werde dann eventuell noch stehen, sagt er. Immerhin soll Richtung Budapester Straße und gegenüber zur Kirche dann aber alles entfernt sein.

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