Charlottenburg

Im Berliner Westend lebt ein Teil von Ostpreußen weiter

Im „Ostpreußenviertel“ zwischen Teufelsberg und Olympiastadion tragen viele Straßen die Namen von Orten, die heute polnisch oder russisch sind. Ein Buch stellt das Viertel und seine Geschichte vor.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Den meisten Autofahrern oder Spaziergängern, die hier täglich vorbei kommen, sagen die Namen nichts. Neidenburg. Insterburg. Sarkau. Vergessene Orte, heute heißen sie Nidzica, Tschernjachowsk, Lesnoi. Viele Straßen im Berliner Westend aber tragen noch die deutschen Namen der ostpreußischen Orte.

„Ostpreußenviertel“ nennt Andreas Jüttemann deshalb das Gebiet zwischen Teufelsberg und Olympiastadion, S-Bahnhof Heerstraße und Rupenhorn, und diesen Titel trägt auch sein Buch über die Straßen und Häuser des Wohngebiets, das jetzt erschienen ist. Auf vier Spaziergängen führt das Taschenbuch durch die baumbestandenen Straßen bis in den Grunewald.

Auf dem Weg zum Teufelsberg kam Andreas Jüttemann regelmäßig an den Straßen im westlichen Charlottenburg vorbei, „deren Namen so vertraut klangen, als wären es brandenburgische Landgemeinden“, erzählt der 27-Jährige. Zunächst einfach so, aus Interesse, begann er die Geschichte der Straßen links und rechts der Heerstraße zu recherchieren.

Olympiastadion, Glockenturm und Corbusier-Haus

Vor 100 Jahren noch gab es dort fast nur Bäume. Erst nach dem Ersten Weltkrieg begann man, das Waldstück zu parzellieren und Seitenstraßen anzulegen. Ihnen gab man die Namen von Orten, die nach dem Krieg hinter dem „polnischen Korridor“ lagen. Der Name „Ostpreußenviertel“ hat sich in Westend dennoch bisher nicht durchgesetzt, aber „das kann ja noch kommen“, sagt Jüttemann.

Andreas Jüttemann hat Psychologie bis zum Diplom studiert. Aber daneben beschäftigt er sich seit Jahren mindestens ebenso intensiv mit der Geschichte Berlins. Zuerst mit der Zehlendorfs - Jüttemann ist in Nikolassee aufgewachsen. Dann entdeckte er den Teufelsberg mit der ehemaligen Abhörstation. Vor gut zwei Jahren organisierte er dort die ersten Führungen, außerdem engagiert er sich in der „Initiative Teufelsberg“ dafür, dass die Station erhalten bleibt.

Kein Wunder also, dass er drei der 96 Seiten seines Buchs dem Trümmerberg und der Station gewidmet hat. Und irgendwie gehören sie ja dazu, schließlich sind sie fast von jeder Straße des Ostpreußenviertels aus zu sehen. Von Berliner Geschichte erzählen auch andere Gebäude: das Olympiastadion und der Glockenturm ebenso wie das Georg-Kolbe-Museum und das 1958 unter heftigen Protesten fertiggestellte Corbusier-Haus.

Mittelwellensender in der Stallupöner Allee

Oder beispielsweise das Einfamilienhaus in der Marienburger Allee 43, in dem die Familie Bonhoeffer lebte: Dietrich Bonhoeffer, 1945 ermordeter Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, und sein Vater Karl Bonhoeffer, Gründer der Nervenklinik der Charité. Ihr Zuhause ist heute eine Erinnerungs- und Begegnungsstätte und zugleich ein typisches Beispiel für die Einfamilienhaus-Architektur der 1920er- und 30er-Jahre, die das Ostpreußenviertel ebenso prägt wie die Reihen- und Doppelhäuser in der Siedlung Heerstraße.

Bis vor kurzer Zeit stand auch noch das ganze Ensemble in der Stallupöner Allee 19 bis 23, unter dem die Nazis ein Verstärkeramt für Telefongespräche eingerichtet hatten, gut getarnt als Landhaus mit aufwendigem Eingangsportal. Nach dem Krieg wurden dort zwei Mittelwellensender errichtet, 1954 ging das Gebäude an den Sender Freies Berlin, dann an den RBB, der bis 2006 von dort sendete.

2011 wurde das Grundstück verkauft, ein Teil des Ensembles abgerissen. „Das war mein Lieblingsgebäude“, sagt Andreas Jüttemann, auch wegen der schönen Geschichte, die ihm eine Nachbarin des Senders erzählt hat: Der Mittelwellensender sei so stark gewesen, dass sie etliche Häuser weiter mit ihrem Toaster das Programm empfangen konnte.

Lilian Harvey, Ernst Udet und Carl Raddatz

An die „Nissenhütten“ zwischen Schirwindter Allee und Flatowallee erinnert hingegen nichts mehr: Hier lebten nach dem Krieg bis weit in die 50er-Jahre hinein Ausgebombte und Vertriebene in provisorischen Hütten, bevor die britischen Alliierten auf dem Gelände Wohnung und Häuser für Militärangehörige errichteten.

Die Geschichten der Bewohner sind es, die Andreas Jüttemann am meisten faszinieren: Schauspieler wie Lilian Harvey und Carl Raddatz, der Architekt Erich Mendelsohn, dessen Wohnhaus am Rupenhorn laut Jüttemann zu „den sehenswerten Bauwerken der 1920er Jahre in Berlin“ zählt, oder der Jagdflieger Ernst Udet, der sich 1941 in der Stallupöner Allee 11 erschoss.

Vor allem aber die der weniger prominenten Bewohner, schon allein, weil die Recherche hier auch ein bisschen Detektivarbeit ist. Voller Begeisterung erzählt Andreas Jüttemann von alten Adressbüchern, in denen neben Name, Straße und Hausnummer auch Informationen wie „verwitwet“ oder Berufsbezeichnungen zu finden waren.

Winzer in Westend

In der Insterburgallee 25a beispielsweise fand er Fritz Schott, „Weinbauer“. Ein Weinbauer in Berlin? Jüttemann forschte nach: Der Winzer aus der Pfalz unterhielt in Berlin eine Dependance, „weil er das Großstadtleben brauchte“. Seine Nachfahren bauen noch heute in der Pfalz Wein an.

Daneben erzählt der Autor auch von den Orten, nach denen die Straßen benannt sind: von Tannenberg, Ort großer Schlachten 1410 und 1914, von Tharau, Heimat des „Ännchens von Tharau“, oder dem Städtchen Lyck, in dem der Schriftsteller Siegfried Lenz aufwuchs.

Um herauszufinden, was aus den Namensgebern geworden ist, fuhr Jüttemann im vergangenen November einfach mal hin und besuchte die ostpreußischen Städte und Dörfer, die heute zu Polen oder zu Russland gehören. Schirwindt (heute Kutusowo) zum Beispiel, den Ort, nach dem die Allee zwischen Heerstraße und Passenheimer Straße benannt ist, und der 1914 stark und 1944 vollständig zerstört wurde.

Viele Familien zieht es in das grüne Viertel

Oder Tapiau (Gwardeisk), das verhältnismäßig gut erhalten blieb, erzählt Andreas Jüttemann: Der Ort liege so nah an Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, dass „die russische Armee vorbeizog, weil sie lieber die Stadt einnehmen wollte als das kleine Städtchen“.

Diese und viele andere Geschichten der Straßen und ihrer Bewohner hat Andreas Jüttemann in den vergangenen Monaten aufgeschrieben – und dabei das Viertel so gut kennengelernt, dass er jetzt manchmal schon über einen Umzug nachdenkt. Noch wohnt er städtischer, an der Grenze zwischen Charlottenburg und Westend.

Aber wenn er irgendwann mal Kinder habe, könne er sich gut vorstellen hier zu leben. Viele Familien ziehe es in das grüne Viertel, erzählt er. Und deshalb ist er überzeugt, dass das Klischee vom Rentnerparadies längst überholt ist. Das historische Interesse allerdings ist wohl doch eher eine Sache der älteren Bewohner: „Bei meinen Führungen jedenfalls bin ich meist der Einzige unter 60.“

Andreas Jüttemann: Ostpreußenviertel Berlin-Westend, Verlag Pharus-Plan, 9,80 Euro

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