Ernst-Reuter-Platz

Ein Berliner Denkmal mit Platzproblemen

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Isabell Jürgens und Andreas Gandzior

Foto: Christian Hahn

Behörden haben einen Neuanfang am denkmalgeschützen Ernst-Reuter-Platz immer wieder verhindert. In dieser Woche wollen die Anrainer auf einer Standortkonferenz jedoch nach Lösungen suchen.

Extrem groß, extrem zentral gelegen und mittlerweile auch extrem angestaubt, scheint der in den 50er-Jahren entworfene und ab den 60er-Jahren gestaltete Ernst-Reuter-Platz – wie in einer Zeitkapsel gefangen – die vergangenen Jahrzehnte verschlafen zu haben. Doch der Eindruck trügt: Das denkmalgeschützte Bauensemble aus verkehrsumtoster grüner Mittelinsel, die von frei stehenden Hochhäusern eingerahmt wird, ist längst begehrter Standort für technologieorientierte und kreative Firmen, die die Nähe zur Technischen Universität (TU) und zur Universität der Künste (UdK) suchen. Doch obwohl die Nachfrage nach Büroräumen groß ist, stehen viele Büroetagen und sogar ganze Häuser leer, weil sie den modernen Anforderungen nicht mehr entsprechen. Mit einer Standortkonferenz unter der Schirmherrschaft von Edzard Reuter, dem Sohn von Ernst Reuter, soll am kommenden Mittwoch ausgelotet werden, wie das geändert werden kann.

Noch klaffen die Vorstellungen von Nutzern, Hauseigentümern und Stadtplanern jedoch weit auseinander. So ist der Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Marc Schulte (SPD), davon überzeugt, dass das größte Entwicklungshemmnis am Platz die autogerechte Gestaltung ist. „Ich würde mir wünschen, dass wir ohne die Denkblockaden durch den Denkmalschutz überlegen, ob der Platz noch das ist, was wir im Jahr 2011 brauchen“, sagt Schulte. Der Platz wurde städtebaulich als Vorzeigemodell für eine moderne, autogerechte Stadt und als stolzer Gegenpol zur Stadtentwicklung im Ostteil der Stadt konzipiert. Sämtliche Gebäude, die Grünfläche und sogar jeder einzelne Blumenkübel stehen unter Denkmalschutz. „Diese Betonkübel blockieren beispielsweise den Ausbau des Radweges, sodass man den Platz nicht wie an der Siegessäule in beiden Richtungen umrunden kann“, klagt Schulte. Dabei seien die meisten der rund 34.000 Studenten und 9000 Mitarbeiter der beiden Hochschulen hauptsächlich zu Fuß oder mit dem Rad am Platz unterwegs. Der Denkmalschutz müsse sich bewegen, fordert Schulte.

Der Platz sei fußgängerfeindlich, findet auch Richy Kissmann, Mitarbeiter im Restaurant „Schweinske“ am Ernst-Reuter-Platz 3–5. „Die kurze Ampelschaltung für die Fußgänger führt dazu, dass man ewig braucht, um den Platz zu umrunden“, sagt der 26-Jährige.

Einen weiteren Mangel, ergänzt die 21-jährige Studentin Dorit Schäfer, die an der TU Architektur studiert, sei die schlechte Erreichbarkeit der riesigen Grünfläche in der Mitte: „Es gibt nur einen einzigen unterirdischen Zugang durch die U-Bahn und leider auch keinen Café-Pavillon oder Ähnliches, sodass die Aufenthaltsqualität gleich null ist.“ Den Bau eines Pavillons auf der Mittelinsel verbietet jedoch der Denkmalschutz.

Jörg Steinbach, als Präsident der TU Berlin einer der Hauptnutzer am Ernst-Reuter-Platz, berichtet jedoch auch von positiven Entwicklungen: Die Tendenz, die unteren Geschosse der Häuser am Ernst-Reuter-Platz wieder zu beleben, habe schon für mehr Leben auf dem Platz gesorgt. Steinbach will auch selbst dazu beitragen, dass der Platz künftig mehr Aufenthaltsqualität bekommt: Das denkmalgeschützte Gebäude für Bergbau- und Hüttenwesen soll für Besucher geöffnet werden, ein Café soll entstehen und ein Durchgang zum Campus in Richtung Hertzallee. Dank der TU ist der Ernst-Reuter-Platz in vielen Bereichen immer noch hypermodern – „nur weiß das eben kaum einer“, so Andreas Schulten, Immobilenexperte beim Marktforschungsunternehmen BulwienGesa, der deshalb von einem „Hidden Champion“ spricht, dessen Image in erster Linie dringend aufpoliert werden müsse. So betreibt die TU rund um den Ernst-Reuter-Platz eines der weltweit größten Funknetze für Internetzugang: Insgesamt 46 Sendeanlagen auf fast allen Dächern der TU auf dem Campus Charlottenburg gehören zur weltweit größten offenen Experimentierplattform für das Internet der Zukunft, dem sogenannten Berlin Open Wireless Lab (BOWL).

Hightech trifft Nachkriegsmoderne

Mit den Hightech-Anlagen auf dem Dach können jedoch viele der in den 60er- und 70er-Jahren errichteten Gebäude nicht mithalten, so Marktforscher Schulten. Viele Büros seien einfach nicht mehr marktgerecht. Doch es gebe durchaus Investitionswillen bei den Hauseigentümern. So gehören Christian Pepper , der auch Eigentümer des Europa-Centers am Breitscheidplatz ist, gleich drei Hochhäuser am Ernst-Reuter-Platz, die zum großen Teil leer stehen. Das große Eckgebäude am Ernst-Reuter-Platz 6 möchte Pepper gern abreißen und dafür einen modernen Büroturm schaffen. „Ich persönlich fände ein neues vis-à-vis für das Telefunken-Hochhaus zum Beispiel ein gutes Signal für den Standort“, sagt Schulten. Das sieht auch Gottfried Kupsch, Vorstand der AG City, so. „Das Gebäude steht seit Jahren leer, die Grundrisse sind nicht mehr zeitgemäß, es wäre gut, wenn die Senatsverwaltung solche Projekte nicht behindern, sondern unterstützen würde.“ Auch die Blackstone Gruppe, Eigentümerin eines riesigen Areals an der Otto-Suhr-Allee 6–16, will bauen. Das Grundstück zwischen dem Deutsche-Bank-Hochhaus und dem Theater Tribüne „ist, so wie es jetzt aussieht, völlig unattraktiv“, sagt Kupsch. Die vom Investor gewünschte Nachverdichtung sei dringend geboten.

Die grundlegende Bereitschaft zum Neubeginn ist nicht nur bei den Hauseigentümern, sondern auch beim Senat inzwischen da. So will Senatsbaudirektorin Regula Lüscher den Anrainern anbieten, einen Ideenwettbewerb zu begleiten. Die Details will die Senatsbaudirektorin am Mittwoch ab 17.30 Uhr auf der Standortkonferenz im TU-Architekturgebäude an der Straße des 17. Juni, Hausnummer152, erläutern.