Musik

40 Jahre im Dienst von Spinnern und Käuzen

Der Kunde ist so korpulent, der Laden so klein, dass eine einzige falsche Bewegung zum Totalschaden des Gesamtwerks aus Beatles, Elvis und Bowie führen könnte. "Haben Sie Ricky King?" fragt der Siebzigjährige.

Charlottenburg. Peter Patzek, den Rolf Eden vor zig Dekaden in "Pedro" umtaufte, blickt nachdenklich durch seine Nickelbrille, hinauf zu einem fernen Punkt im Pop-Universum, nickt dann langsam und entschwindet durch die Hintertür ins Labyrinth seines Vinyl-Lagers. "Wissen sie", erklärt indes der rundliche Mann, "ich bin Romantiker und bei Ricky King kann ich so schön einschlafen". Es sind an diesem Dienstag 40 Jahre, die Peter Patzek in seinem weltbekannten Geschäft "Platten Pedro" die Sammler, Spinner und Käuze mit Musik von einst versorgt.

In den Clubs West-Berlins war Pedro früher Alleinunterhalter. Und das ist er geblieben. In einem Satz kann er die Studentenunruhen, ein Goethe-Zitat und die Erinnerung an ein Gespräch mit dem LSD-bedröhnten Jimi Hendrix in einer Rolf-Eden Disko 1967 unterbringen. Patzek ist ein menschliches Google: Er antwortet auch ohne Anfrage. All das vorgetragen in breitem Berliner Slang, von einem Mann der sich mit Kapuzenpullover, Lederweste, Jeans wahrlich nicht wie ein distinguierter 67-Jähriger präsentiert. Wer einen Großvater wie Platten-Pedro hat (sein sechster Enkel ist unterwegs), kriegt ordentlich was zu hören.

Im 40. Jahr läuft sein Geschäft am Tegeler Weg 102 hinter dem Schloss Charlottenburg ausgezeichnet. "Berlin lockt Plattentouristen", erklärt er durch den Rauch einer Selbstgedrehten. Weil Berlin schon immer "die Freaks" angezogen habe, diejenigen mit Geschmack an alternativem Leben und moderner Musik, fänden sich in der Stadt "Unmengen toller Schallplattensammlungen". Neulich hat er wieder eine für 350 Euro erstanden: "90 Prozent Schrott, aber eine Erstausgabe vom Album "Aftermath" der Stones war auch dabei und solche Sachen." Am Ende wird er vielleicht 1000 Euro aus den zehn Prozent der Sammlung machen können. Das Gros der Alben aber verkauft er für fünf Euro. In keinem guten Berlin-Führer fehlt Platten-Pedro. So kam auch 1993 ein Gesandter Steven Spielbergs zu ihm. Beim Dreh für "Schindlers Liste" in Krakau war dem Hollywood-Regisseur wohl plötzlich eingefallen, dass er umgehend und komme was da wolle Aufnahmen von "Mamatschi" und "Heimat Deine Sterne" benötigt. "Aber der Typ, den Spielberg schickte", erinnert sich Patzek mit hochgezogenen Brauen, "tat hier im Laden ganz mächtig dicke. Furchtbar angegeben hat der."

Da nun bekanntlich kein echter Berliner großtuerisches Gehabe erträgt, sah sich auch Platten-Pedro veranlasst, geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Die zwei Scheiben für den späteren Oscar-Gewinner holte er hinten aus der Fünf-Mark-Kiste. "Für die eine habe ich 300 Mark genommen. Und die andere", sagt Platten-Fuchs Pedro und kämpft mit Leibeskräften dagegen an, jetzt laut loszulachen, "die andere habe ich ihm geschenkt."