Das Leben nach dem Fernverkehr

Am Bahnhof Zoo sind neue Geschäfte entstanden - Die Zahl der Fahrgäste ist nur leicht gesunken

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Hinter den längst verstaubten Panoramafenstern der "Terrassen am Zoo" zeichnen sich noch schwach Tische und Stühle ab. 600 Gäste fanden an den besten Tagen in dem Restaurant am Bahnhof Zoologischer Garten Platz. Doch seit mehr als einem Jahr sind die Stühle hochgestellt. Mit der Abkopplung des Bahnhofs vom ICE-Fernverkehr im Mai 2006 blieben die Gäste weg. Kurz darauf wurde das Restaurant geschlossen.

Während sich die Bahnhofshalle gerade unter der Regie der SSP Deutschland GmbH in eine Gourmet-Meile verwandelt, ist für die "Terrassen am Zoo" noch kein neuer Betreiber gefunden worden. Das bestätigt Bahn-Sprecherin Karin Schwelgin. Sie rechnet auch nicht mit einer schnellen Wiedereröffnung.

"Die Zoo-Terrassen sind Bestandteil eines neuen stadtplanerischen Entwicklungskonzepts, das gerade für die City-West erarbeitet wird", sagt die Bahn-Sprecherin. Darin gehe es zum Beispiel um die Parksituation und andere Bauprojekte rund um den Bahnhof Zoo. Erst wenn es ein stimmiges Konzept gebe, so Karin Schwelgin, werde auch klar sein, wie es mit den "Terrassen am Zoo" weitergehen soll.

Das geschlossene Aussichtsrestaurant ist der letzte traurige Zeuge einer kurzeitigen Panik, die mit der Abkopplung vom Ost-West-Fernverkehr begann. Statt Hamburg und Paris stehen heute Cottbus und Rathenow auf der Anzeigetafel. Trotzdem sind fast genauso viele Reisende unterwegs wie früher. "Waren es vorher 150 000 Fahrgäste, passieren jetzt 130 000 täglich den Bahnhof", sagt Karin Schwelgin. Die schlechte Stimmung sei längst vorbei. Viele Mieter hätten investiert, neue seien dazugekommen. Es gebe schicke und hochwertige Angebote, die von den Kunden angenommen werden. Allerdings, und daran lässt die Bahn-Sprecherin keinen Zweifel, werde kein Intercity-Express mehr am Zoo halten. Das will Monika Thiemen (SPD) noch nicht so stehen lassen. "Wir hoffen nach wie vor, dass die ICE, die den Bahnhof passieren, auch wieder halten werden", sagt die Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Bezirksverordneten hatten im Herbst 2007 beschlossen, dass sich das Amt bei der nächsten Fahrplankonferenz der Bahn im Juni 2008 mit einbringen soll. Ein Auftrag, dem Frau Thiemen gern nachkommen wird. Während sie es immer noch für einen Schildbürgerstreich hält, dass die Fernzüge durchfahren, hat sie längst die positiven Veränderungen auf dem Bahnhof zur Kenntnis genommen. Schön sei die Halle geworden, sagt Thiemen. Als gelungen bezeichnet sie die Dekoration mit Tiermotiven, die einen Bezug zum benachbarten Zoo herstelle. Auch die Läden seien gut umgestaltet worden. Kein einziges Geschäft im Bahnhof steht leer. Die SSP Deutschland GmbH hat kürzlich auf einer 370 Quadratmeter großen Fläche fünf Gastronomie-Einrichtungen und eine Bäckerei eröffnet. 17 Mitarbeiter wurden neu eingestellt. Zwei weitere Geschäfte kommen Mitte April dazu, darunter der umgestaltete "Curry-Wurst-Express".

Die Café- und Imbissplätze sind gegen Mittag gut gefüllt. Ja, der Bahnhof lebe wieder, sagt eine Angestellte des Modeschmuckgeschäfts "Six" in der Bahnhofshalle. Über die Umsätze könne sie sich nicht beschweren. Zufrieden ist auch Nicole Laaser, Angestellte im Laden "Ringblume". Vor anderthalb Jahren zog das Geschäft in den Bahnhof. Das alte Blumengeschäft, das vorher an derselben Stelle war, musste wegen der Umsatzeinbrüche aufgeben. Ihre Zahlen seien konstant, sagt die Angestellte. Sie führt es darauf zurück, dass "Ringblume" einen Fleurop-Service anbiete und nach Aussagen der Kunden billiger sei als der Vorgänger.

Zwischen all der Betriebsamkeit an Bahnsteigen, im Reisezentrum und in Geschäften hat es sich Bruno Splettstößer auf einer Bank in der Halle bequem gemacht. Der Zehlendorfer kennt den Bahnhof seit Kriegsende. Natürlich habe er sich verändert, erzählt der 77-Jährige. Früher habe es viele Schwarzhändler gegeben. Heute, glaubt er, sei der Bahnhof sicher. Deshalb kommt er auch gern in der kalten Jahreszeit in die warme Halle, um eine Stunde seine Zeitung zu lesen, bevor er zu Besorgungen am Kudamm aufbricht. Seit der ICE nicht mehr am Zoo hält, sagt er, sei es ruhiger geworden. Der Bahnhof an sich habe verloren.

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