Ehrung

Wo Schüler fit für Europa gemacht werden

Die Stiftung WannseeForum erhält als erste Jugendbildungsstätte in Deutschland am Sonnabend ein Qualitätssiegel für die Jugendarbeit.

Vor der Stiftungsvilla am Pohlesee: Roman Fröhlich, Pädagogischer Leiter der Stiftung WannseeForum

Vor der Stiftungsvilla am Pohlesee: Roman Fröhlich, Pädagogischer Leiter der Stiftung WannseeForum

Foto: Katrin Lange

„Willkommen zum Filmseminar“ steht auf einer Tafel im Foyer und darunter das Thema: „Hin und weg“. Die ersten Schüler sind mit ihren Rollkoffern angekommen und kurz davor stehen geblieben, um sich zu orientieren. Wenig später versammeln sie sich vor dem Theatersaal. Was sie sich unter dem Thema vorstellen? Liebe, Flucht, Reisen? „Das wissen wir noch nicht“, sagt Malia. Darüber wollen sie aber gleich diskutieren. Ein Junge ist sich sicher: „Es geht um Liebe.“

Die Zehntklässler der Königin-Luise-Stiftung in Zehlendorf sind für eine Woche zu einem Seminar in die Jugendbildungsstätte „Stiftung WannseeForum“ an der Hohenzollernstraße 14 gekommen. Das Anwesen mit einer hundert Jahre alten Villa und weiteren An- und Neubauten liegt direkt am Ufer des Pohlesees. In ihrem Workshop verknüpfen die Schüler politische und kultureller Bildung – das ist das Besondere. Nach fünf Tagen werden sie kleine Filme produziert haben, die sie vor Publikum – meist Eltern und Lehrern – präsentieren. Die Filme sind das Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema, von dem sie am Anfang noch nicht wissen, wie sie es zu verstehen haben.

WannseeForum seit 70 Jahren im Bildungsbereich aktiv

Seit 70 Jahren ist die Stiftung WannseeForum im Bildungsbereich aktiv. „Ziel der Stiftung ist es, Jugendliche zu unterstützen, ein demokratisches Selbstbewusstsein zu entwickeln um ihr politisches, soziales und gesellschaftliches Umfeld mitzugestalten“, sagt der pädagogische Leiter Roman Fröhlich. Für ihre Arbeit und die vielfältigen Angebote in den Bereichen Tanz, Theater, Film, Fotografie sowie Neue Medien, Musik und internationaler Jugendaustausch wird die Stiftung am Sonnabend, 31. August, ausgezeichnet. Als erste Jugendbildungsreinrichtung im deutschsprachigen Raum erhält sie das „Quality Label for Youth Centers“ des Europarates.

Damit wird die Stiftung künftig mit den anderen zertifizierten Einrichtungen, wie zum Beispiel aus Belgien, Bulgarien, Finnland, Portugal, Spanien und Irland zusammenarbeiten. „Mit dem Label ist für unsere Gäste und Partner im In- und Ausland nachvollziehbar, welche Qualität unsere Jugendbildungsarbeit hat“, sagt Roman Fröhlich. Die Einbindung in ein Netzwerk von insgesamt 13 ausgezeichneten Jugendzentren bilde gute Voraussetzungen für den Ausbau der internationalen Begegnungen. „Als erste deutschsprachige gelabelte Jugendbildungsstätte setzt das WannseeForum ein starkes Zeichen für Europa und die europäischen Werte“, so Fröhlich.

Erster Auftrag: Neue Jugendstrukturen

Gegründet wurde die Einrichtung 1949 mit dem Auftrag, im Rahmen der Re-Education am Ende des Zweiten Weltkrieges neue Jugendleiterstrukturen nach US-amerikanischen Modell zu etablieren. Die Arbeit beschränkte sich zunächst nur auf den amerikanischen Sektor. Heute richten sich die Programme zu zwei Drittel an Berliner Schüler im Alter zwischen zwölf und 27 Jahren. Aber auch Grundschüler können im WannseeForum lernen, wie sie sich in der Schule durchsetzen oder was den perfekten Klassensprecher ausmacht. Die gemeinnützige Stiftung wird zum Teil von der Senatsverwaltung für Jugend und Bildung gefördert. Sie finanziert sich aber auch über Bundes- und Europamitteln sowie Eigenmitteln.

Viele Kurse werden von Künstlern gegeben, die nach dem Werkstattprinzip arbeiten. Das heißt, dass sich die Teilnehmer innerhalb einer Woche oder einiger Tage frei mit einem Thema künstlerisch und politisch auseinandersetzen. Etwa 10.000 Gäste sind jedes Jahr im Haus am See, die unter anderen an Fortbildungen, Tagungen, Seminaren und Werkstätten teilnehmen. So gab es zum Beispiel im vergangenen Jahr ein Musiktheaterseminar in Kooperation mit der Komischen Oper Berlin und zwei Oberschulen. „Die Schüler sollen in den Kursen wenig auswendig lernen“, sagt Roman Fröhlich. Man wolle ihnen Werkzeuge an die Hand geben, die sie in ihrem Handeln bestärken. Auf dem Wochenplan, der im Foyer aushängt, sind täglich mindestens sechs Stunden für die Bildungsarbeit mit den Jugendlichen eingeplant. Im Haus stehen 95 Übernachtungsbetten zur Verfügung.

Grußwort von Ministerin Franziska Giffey

Die Auszeichnung wird am Sonnabend im Stiftungshaus in Wannsee verliehen. Erwartet wird die Jugendstaatssekretärin Sigrid Klebba, die ein Grußwort von Bundesministerin Franziska Giffey (SPD) mitbringen wird. Giffey würdigt vor allem, dass die Einrichtung junge Menschen aus ganz Europa zusammen- und in den Dialog bringt. Die Auszeichnung sei eine großartige Bestätigung der Arbeit und zugleich Ansporn für die Zukunft.

In dem Seminar Filmseminar „Hin und weg“ soll es tatsächlich um Reisen gehen, klärt Kursleiterin Annette Ullrich auf. Aber auch sie wolle erst einmal hören, was sich die Jugendlichen darunter vorstellen. Schließlich gebe es ja auch Reisen im Kopf und da sei die Liebe nicht weit.