Ehrenamt

Von der Brennpunktschule ins Kanzleramt

Der Neuköllner Verein Nepia arbeitet mit Kindern von Brennpunktschulen zusammen. Gerade wurde er dafür von Angela Merkel ausgezeichnet.

Hier an der Silberstein-Grundschule in Neukölln leitete Minos Blanz seine erste Fußball-AG.

Hier an der Silberstein-Grundschule in Neukölln leitete Minos Blanz seine erste Fußball-AG.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Dass Minos Blanz zu einer kleinen Kiez-Berühmtheit wurde, verdankt er dem Zufall. „Ein Freund von mir hat auf diesem Bolzplatz 2012 angefangen mit Kindern aus der Gegend ehrenamtlich Fußball zu spielen“, erinnert er sich und zeigt im Vorbeigehen auf einen eingezäunten Fußballplatz an der Glasower Straße in Neukölln. Mal kamen 30 Kinder, mal kein einziges, erzählt der 31 Jahre alte Blanz. „Das war also wenig effektiv.“ Kurzentschlossen gründete sein Freund und Kommilitone eine Fußball-AG an der Silberstein-Grundschule – einer Brennpunktschule in Neukölln.

Blanz, aufgewachsen in Süddeutschland und Athen, kam vor einigen Jahren fürs Studium nach Berlin. An der Humboldt Universität studiert er Sportwissenschaften – daran gedacht, als Lehrer oder Erzieher zu arbeiten, hat er eigentlich nie.

Erst als er die Fußball-AG an der Silberstein-Grundschule übernahm, weil sein Kommilitone ein Semester Auszeit nehmen wollte, merkte er: Das macht mir Spaß. Blanz motivierte Freunde und Geschwister zum Mitmachen, es folgte eine Mikro-Förderung über den Internationalen Bund (IB). „Von den knapp 1000 Euro konnten wir ein bisschen Material anschaffen für die AG und selbst Trainerscheine machen“, erzählt Blanz.

Nepia in Neukölln: Persönlichkeitsentwicklung als übergeordnetes Ziel

Mit der Zeit wollten sich immer mehr Freunde auch ehrenamtlich an der Schule engagieren, wollten AGs anbieten und mit den Kindern zusammenarbeiten. „Und so ist in uns dann die Idee gewachsen, einen Verein zu gründen“, erzählt Blanz.

2014 schließlich gründeten sie den Verein Nepia. Und der Name ist Programm, er steht für „Netzwerk für Persönlichkeitsentwicklung in außerschulischen Aktivitäten“. Blanz sagt: „Für uns ist der Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung super wichtig. Sowohl von den Kindern, aber auch für uns selbst und unsere Freiwilligen, die die AGs leiten.“

Insbesondere Studenten und junge Berufstätige mit flexiblen Arbeitszeiten bieten Kurse an derzeit zwei Neuköllner Brennpunktschulen an, zwischenzeitlich arbeitete Nepia mit fünf bis sechs unterschiedlichen Schulen zusammen. Neben Fußball- werden unter anderem auch Kunst-, Technik-, Tanz- oder Mathe-AGs angeboten. Und im Herbst Feriencamps.

90 Prozent der Kinder haben Migrationshintergrund

Blanz beobachtet, so er zählt er, dass die Brennpunktschulen oft nicht genügend Kapazitäten hätten, um sich um jedes Kind intensiv zu kümmern – obwohl das eigentlich nötig sei. Bis zu 90 Prozent der Kinder haben an manchen Schulen Migrationshintergrund. „Und natürlich merke ich, dass es sprachliche, aber auch motorische Defizite bei den Kinder gibt.“ Sich damit abfinden will Blanz aber nicht. „Ich will nicht, dass die Kinder nicht die gleichen Möglichkeiten haben wie privilegiertere Kinder. Aber hier kann es tatsächlich sehr schwer sein, aus dem Kreis auszubrechen. Und da braucht es Anstöße und Angebote, um die Kinder abzuholen und zu begleiten“, ist seine Überzeugung.

Im Gründungsjahr veranstaltete Nepia ein Fußballturnier, mit dem durch Spenden eingenommenen Geld konnten sie das erste Feriencamp anbieten. Es ging an den Wannsee. 60 Kinder konnten mit. Nepia eröffnete ihnen damit eine ganz neue Welt, erklärt Blanz. „Viele Kids waren dort noch nie, oder auch noch nicht im Wedding. Schon bis zum Hermannplatz ist eine richtige Reise für viele – sie kennen ihren Kiez, aber dann endet es“, erzählt er und wirkt bis heute selbst überrascht davon.

Spagat zwischen zwei Welten

Morgens zum Wannsee, abends zurück. „Das ist sicherlich eine Besonderheit an Neukölln: Übernachten geht nicht, das würden einige Eltern nicht erlauben“, sagt Blanz. Zu fremd sei den Eltern, zumeist mit arabischem oder türkischem Migrationshintergrund, selbst so etwas. „Das kennen die gar nicht“, sagt der 31-Jährige.

Auch auffällig: „In den Jahren, in denen ich nun hier arbeite, hatte ich vielleicht höchstens zehn Mal persönlichen Kontakt zu Eltern.“ Das wundert Blanz, kennt er es selbst doch ganz anders. Sein Vater ist Schulleiter an einem Gymnasium in Süddeutschland: „Er erzählt mir immer, dass er gefühlt mehr mit Eltern, und immer weniger mit Kindern arbeitet“, unterstreicht Blanz den Unterschied, der ihn zugleich motiviert.

Er erzählt die Geschichte von Momo, einem Kind, das in der ersten Fußball-AG dabei war, die Blanz leitete. Momo selbst sagt, er sei nur zur Schule gegangen, um seine Freunde zu treffen – und nicht, um etwas zu lernen. „Wenn man die Kinder fragt, was sie werden wollen später, sagen sie Türsteher, YouTube-Influencer oder Fußballprofi wie Cristiano Ronaldo. Momo wollte Polizist werden. Aber von Studieren oder Universität hat kaum eines der Kinder je etwas gehört, das kennen viele gar nicht“, erzählt Blanz. Momo aber blieb am Ball – im wahrsten Sinne des Wortes. Jedes Jahr nahm er wieder an Blanz Fußball-AG teil. Und lernte so, dass es durchaus eine Welt jenseits vom Hermannplatz gibt. Momo wechselte aufs Gymnasium, bekam ein Stipendium und will demnächst Sport und Philosophie studieren.

Vom AG-Kind zum Kiezvorbild

Und Momo hielt Nepia die Treue, wurde selbst Fußballtrainer und leitete AGs. Das brachte Blanz wiederum auf eine neue Idee. Denn die Kinder, so erzählt er, reagierten ganz anders auf Momo als auf ihn selbst oder gar Lehrer. „Ältere Schüler sind per se ja schon mal Vorbilder für jüngere, zu denen schaut man automatisch auf und findet sie cool.“

Deshalb soll es ab dem neuen Schuljahr „Kiezvorbilder“ geben. Jugendliche aus der Oberstufe sollen AGs leiten, so das neueste Nepia-Projekt. 10.000 Euro Spenden konnte der Verein dafür auftreiben, nach den Sommerferien werden dann die ersten Oberschüler für AGs geschult. Die Themen und Inhalte können sie sich selbstverständlich selbst aussuchen. „Aber wir wollen natürlich nicht nur Fußball-AGs anbieten, ein bunter Mix soll es schon sein“, sagt Blanz. Der Plan sei, dass nach den Herbstferien dann die Kiezvorbilder mit Kindern arbeiten sollen. Aus organisatorischen Gründen soll dieses Projekt an einer Neuköllner Gesamtschule starten. Prinzip der kurzen Wege, sozusagen. So sei es einfacher, Schüler zusammenzubringen, sagt Blanz.

Minos Blanz – eine kleine Berühmtheit im Kiez

Rund 40 ehrenamtliche Mitarbeiter und Helfer hat Nepia mittlerweile, die fünf bis zehn AGs pro Schuljahr anbieten. Und Minos Blanz ist das Gesicht von Nepia. Im Kiez winken ihm Schulkinder fröhlich zu, Schulsozialarbeiter wechseln ein paar Worte mit ihm.

Dass man ihn hier erkennt, liegt aber sicherlich auch daran, dass Nepia in jüngster Zeit regelrecht überschüttet wurde mit Preisen. 2018 gewannen sie die Engagementpreis des FES Ehemaligen Vereins. Dieses Jahr sind sie nominiert für den Deutschen Engagementpreis. Und Anfang der Woche wurden sie im Kanzleramt von Angela Merkel mit dem startsocial- Stipendium ausgezeichnet. 300 soziale Initiativen aus ganz Deutschland hatten sich dafür beworben, Nepia gehörte am Ende zu den besten 25. Gewonnen haben sie eine mehrmonatige Experten-Beratung: Wo kann sich der Verein noch optimieren? Wie treibt man noch besser Spendengelder auf? Wie erreicht man langfristige Ziele?

Erzählt Blanz von dem Vormittag im Kanzleramt, leuchten seine Augen. Aufregend, sei es gewesen, sagt er. Und: „Das ist für uns auch superschön, sich Anerkennung abzuholen für all die Arbeit, die wir leisten. Und wenn Angela Merkel dir so eine Urkunde überreicht, dann kann es auch gar nicht so falsch sein, was man so macht.“