Projekt des Monats

Mentoringprogramm ausgezeichnet: Das steckt dahinter

Bei „Education Point“ werden Spandauer Grundschüler mit Mentoren zusammengebracht, die ihnen helfen sollen, ihren Weg zu finden.

Yakup Özkan, Mirjam Landowski und Özden Sezgin gehören zu dem Team, das in Spandau das Mentoringprogramm "Education Point" organisiert.

Yakup Özkan, Mirjam Landowski und Özden Sezgin gehören zu dem Team, das in Spandau das Mentoringprogramm "Education Point" organisiert.

Foto: Jessica Hanack / Hanack/ BM

Berlin. Eine Szene aus ihrer Zeit als Mentorin ist Mirjam Landowski besonders in Erinnerung geblieben. Einen Tag hat die Studentin die beiden Grundschülerinnen, um die sie sich als Mentorin gekümmert hat, mit zur Universität genommen. Die Mädchen seien total beeindruckt gewesen. „Sie haben gefragt: Hier kann jeder rein?“, erinnert sich Landowski. Sie habe das bestätigt. „Sie haben gesehen, die Türen sind offen für mich“, erzählt die Berlinerin. „Und jetzt machen die beiden ihr Abitur.“

Für ein Umdenken sorgen und zeigen, was die Kinder erreichen können - das ist der Gedanke hinter dem Spandauer Mentoringprogramm „Education Point“, das im April als Projekt des Monats bei der „Aktion zusammen wachsen” vom Bundesministerium für Familie ausgezeichnet wurde. Seit 2013 gibt es das Programm, inzwischen ist es deutlich gewachsen. Mirjam Landowski ist dem Projekt bis heute treu geblieben und gehört mittlerweile zu den vier Mitarbeitern beim Trägerverein Spandauer Jugend, die das Programm betreuen.

Kinder sollen von Mentoren und voneinander lernen

Besonders bei „Education Point“ ist, dass ein Mentor - in den meisten Fällen Studenten - und zwei Schüler ein Tridem bilden, es also keine 1:1-Patenschaft ist. Die Kinder, so das Ziel, sollen nicht nur von ihrem Mentoren, sondern auch voneinander lernen. „Sie ergänzen sich und setzen sich für einander ein“, erzählt Projektleiter Yakup Özkan. „Wir erleben hier wirklich, wie Vorurteile abgebaut werden.“ So passiere es auch häufiger, dass zwei Kinder, die sich vorher eher fremd waren, im Laufe des Programms enge Freunde werden. Herkunft oder Religion spielen dabei - bei Mentoren wie Mentees - keine Rolle.

Das schon mehrfach ausgezeichnete und unter anderem von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geförderte Mentoringprogramm dauert in der Regel ein Jahr, in manchen Fällen auch zwei Jahre. Angelegt ist es für Schüler aus der fünften und sechsten Klasse. In den Tridems werden Hausaufgaben gemacht, es wird für Tests gelernt oder über den Wechsel von Grundschule zu Oberschule gesprochen.

Aber es geht auch darum, zusammen unterwegs zu sein, zu spielen oder neue Orte zu besuchen - und dabei auch aus dem Bezirk Spandau rauszukommen und andere Teile von Berlin zu entdecken.

Spandauer Schüler bekommen ein Bildungsvorbild

Am Ende sind es vor allem die Gespräche, die zählen. Wenn die Mentoren berichten, welche Erfahrungen sie beim Übergang von Grundschule zu Gymnasium oder im Studium gemacht haben, mit welchen Tricks sie lernen oder wie sie sich motivieren. „Kinder, die in ihrem Umfeld niemanden haben, an deren Bildungsbiografie sie sich orientieren können, können so greifbare Vorbilder bekommen“, erklärt Landowski. Der Gedanke: Die Mentoren erzählen ihre Bildungsgeschichte und vermitteln den Spandauer Schülern so den Eindruck: Das schaffe ich auch.

Inzwischen haben 160 Kinder an dem Projekt teilgenommen. Anfangs fand es nur in der Spandauer Neustadt statt, mittlerweile wird mit drei Grundschulen aus dem Bezirk kooperiert. Im Sommer soll eine vierte hinzukommen. Dann soll es Plätze für 50 Grundschüler geben - ein neuer Rekord.

Wer in das Programm aufgenommen wird, das entscheiden die Schulen. Projektleiter Özkan berichtet, dass es mal leistungsstarke, mal leistungsschwache Kinder seien. Gemeinsam haben sie, dass sie an einem Punkt Unterstützung brauchen, egal ob das nun die Sprache oder das Selbstvertrauen ist. „Die Erfolge sehen wir hier täglich“, sagt Landowski. Und auch die Eltern der Kinder seien froh, weil die Mentoren bei Bildungsfragen helfen und ihnen zur Seite stehen können.

Gemeinsam mit dem Zwillingsbruder bei „Education Point“ dabei

Erfolge erlebt auch Frederik Reich. Der 26-Jährige ist schon zum zweiten Mal Mentor, zurzeit bildet er ein Tridem mit den beiden Sechstklässlern Kerim und Ahmed. „Für mich ist es entspannter geworden“, sagt er. „Wenn es heute ein Problem gibt, klären die beiden das untereinander. Sie nehmen die Dinge viel mehr selbst in die Hand.“ Und auch bei den

Schulnoten hat sich etwas getan. Kerim hat das Ziel, nach Ende des Schuljahrs auf ein Spandauer Gymnasium zu wechseln. Als Reich zu dem 11-Jährigen sagt, er habe damals genau denselben Notenschnitt gehabt, lächelt Kerim stolz.

Schon Kerims Schwester hat an dem Mentoringprogramm teilgenommen, jetzt sind er und sein Zwillingsbruder - mit verschiedenen Mentoren - dabei. „Es gibt“, sagt Kerim, „fast keinen Tag, an dem ich keine Lust auf Education Point habe.“ Zweimal die Woche treffen sich die beiden Schüler mit ihrem Mentoren. „Ich habe viel neues kennengelernt“, erzählt der Elfjährige. Und Ahmed sei inzwischen sein bester Freund geworden.

Spandauer Mentoringprogramm soll in Zukunft weiterwachsen

Auch Mentor Reich betont, dass er das Projekt als Bereicherung sieht. Eigentlich studiert er Verkehrswesen, war aber schon vorher in der Jugendarbeit engagiert. Neu für ihn war die interkulturelle Erfahrung, die er gesammelt hat. „Es führt auch zu viel Selbstreflexion und bring einen unglaublich persönlich voran“, sagt er.

Reich und seine beiden Mentees haben schon beschlossen, dass sie auch nach dem Sommer in Kontakt bleiben und sich wenigstens ein, zwei Mal im Jahr sehen wollen. Auch Projektmitarbeiterin Landowski trifft sich bis heute mit den Schülerinnen, die sie betreut hat. Die Vertrautheit, die entsteht, verschwindet mit dem Programmende nicht einfach.

Für das Projekt wünschen sie und Leiter Özkan sich, dass es weiterwächst. Seit dem vergangenen Jahr gibt es bereits eine Kooperation mit der Humboldt-Universität, gerne würde man auch weitere Universitäten ins Boot holen. Und auch über die Bezirksgrenzen hinaus möchten sie „Education Point“ ausdehnen. „Wir wollen die Idee weitertragen, auch über Spandau hinaus“, sagt Özkan. Denn von dem Mentoringprogramm, meint er, könnten Kinder überall profitieren.

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