Kulturbrauerei

Aktivisten kapern Eröffnung des Festivals „Pop-Kultur“

Die BDS-Bewegung rief schon im Vorfeld zum Boykott des Festivals auf. Bei einem Eröffnungsstreitgespräch eskalierte die Situation.

Der Moment, kurz bevor dem Mann die Flagge entrissen wurde. Dabei sollte es eine Diskussion zum Thema Boykott werden

Der Moment, kurz bevor dem Mann die Flagge entrissen wurde. Dabei sollte es eine Diskussion zum Thema Boykott werden

Foto: RubyImages/F. Boillot

Berlin.  Wer kurz vor 20 Uhr ins Publikum schaut, im Kino fünf in der Kulturbrauerei am Mittwochabend, dem könnte auffallen, dass es gleich Ärger gibt. Hier soll gleich das Eröffnungsstreitgespräch stattfinden, das eine Diskussion aufnimmt, die schon Wochen vor dem Beginn des Festivals „Pop-Kultur“ schwelt: Und im Saal sitzen viele Menschen im Publikum, auf deren T-Shirts „Boykott Israel“ steht oder das Kürzel: „BDS“. Es bedeutet „Boykott, Divestment und Sanktionen“, für die einen eine friedliche Form des Protests der Palästinenser ist und für andere schlicht Antisemitismus.

Über Boykott will Shelly Kupferberg auf der Bühne diskutieren mit der israelischen Autorin Lizzy Doron und dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke). Anlass ist, dass eben jene BDS-Bewegung zum Boykott des Festivals aufgerufen hatte. Grund: Die Organisatoren haben einen Reisekostenzuschuss von der israelischen Botschaft angenommen, für BDS-Unterstützer ist Israel aber ein „Apartheits“-Staat. Nur sechs von 150 Künstlern folgten dem Boykottaufruf – für die Veranstalter trotzdem genug Grund für die Debatte.

Doch zu einem Gespräch sollte es nicht kommen. Vielleicht lag es an der uninteressanten ersten Frage von Kupferberg an Lederer („Sind Sie durch die Wende politisiert worden?“), aber schon stand der erste Protestler auf und brüllte seine Israel-Apartheits-These in den Saal. Er wurde ausgebuht, hinausgeleitet, nur um im Zehnminutentakt von weiteren Störern abgelöst zu werden. Sie halten Schilder („Eure Diskussion tötet meine Familie“) und beschriebene Israel-Flaggen hoch. Diese wird dem Aktivisten gleich entrissen und die Diskussion auf dem Podium ist da längst egal.

Man hätte den Abend abbrechen müssen

Dabei wäre es interessant gewesen, mehr von Lizzy Dorons Erfahrung mit palästinensischen Familien zu erfahren oder von Klaus Lederers Reisen nach Jerusalem. Aber die Aktivisten bezeichneten ihn als „verkappten AfD-Anhänger“ und ließen ihn nicht ausreden. Als er es dann doch einmal durfte, bezeichnete er die BDS-Bewegung als „in letzter Konsequenz antisemitisch, weil sie die Existenz des Staates Israels infrage stellt“.

Das wiederum brachte einen Mann derart in Rage, dass er völlig außer sich rief: „Wie können Sie das behaupten! Ich bin israelischer Jude, wie können Sie mich antisemitisch nennen! Sehen Sie – ich habe Gänsehaut!“ Der Mann heißt Udi Aloni, ist ein renommierter Filmemacher und Berlinale-Gewinner. Doch die Stimmung war schon derart vergiftet und tumultartig, dass man den Abend hätte abbrechen müssen. Bleibt die Frage, wie es gelaufen wäre, wenn die Veranstalter einen BDS-Vertreter aufs Podium eingeladen hätten? Hätte es eine spannende Diskussion ergeben, bei der nicht Menschen aus Gaza aufstehen und schreien: „Uns hört sonst niemand zu!“

„Programmpunkte, die wegfallen, werden ersetzt“

Die Veranstalter, so viel muss noch gesagt werden, haben vor Beginn des Festivals alles getan, um dem BDS keine Bühne zu geben. Im Gegensatz zur „Ruhrtriennale“, die ebenfalls von der BDS-Bewegung in Beschlag genommen wurde, zeigten sie sich bis zuletzt unbeeindruckt von den Boykottaufrufen. Konsequenzen? Das Team um Annika Väth antwortet knapp: „Programmpunkte, die wegfallen, werden ersetzt.“ Man werde sich durch solch einen Boykott nicht einschüchtern lassen. „Wir sind jederzeit offen für einen konstruktiven Dialog.“ Das haben sie mit dieser Veranstaltung zeigen wollen und sind wohl am Format gescheitert.

Doch es gibt ja noch rund 70 andere Veranstaltungen, bei denen niemand gestört hat und um die es eigentlich vor allem gehen sollte: Denn das Festival ist seit drei Jahren für die Kulturbrauerei so etwas wie die Berlinale für den Potsdamer Platz. Plötzlich entdeckt man, was dieses Gelände an der Schönhauser Allee alles zu bieten hat: Hinter jeder Tür ein neues Konzert, ein funky DJ-Set oder eine überraschende Lesung. Als allgemeiner Höhepunkt gilt der Auftritt von Sophia Kennedy, die mit ihrer eigens fürs Festival konzipierten Show namens „Sky Blue Cowgirl“ dreimal für sehr lange Schlangen vor dem Ramba-Zamba-Theater sorgte.

Festival schafft Verbundenheit

Wem das zu aufregend ist, der setze sich gleich daneben in die Show von Dan Michaelson im Maschinenraum. Der Brite singt tief und sonor zur Gitarre und wird dabei unterstützt von Kontrabass und Klavier. Es entsteht die Art von Musik, bei der sich das Publikum ganz von selbst auf den Fußboden setzt und – wenn sie einander besser kennen – sich ineinander verhakeln.

Überhaupt sind das die Momente, die wohl bleiben werden von diesem Eröffnungstag des Pop-Kultur: die seltsame Verbundenheit der Musikliebhaber, die mit ihrer Konzertkarte sich nicht für eine Seite im Israelkonflikt entscheiden wollen. Es ist jene bunte Mischung von Berlinern aller Altersklassen, die einander vorlassen, wenn es zu eng ist und den Tango-Tänzern zuschauen, die hier jeden Mittwoch ihre neuen Schritte probieren, während nur ein paar Meter daneben der polnische geniale Neo-80er-Popper „Better person“ den nächsten Song ankündigt: „Der hier ist für meine Mutter, das Lied heißt ‚True Love‘.“

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