Chor

Eine halbe Stunde Spiritualität und Lebensfreude

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Katja Wallrafen
Haben inzwischen viele Fans: Die Sängerinnen und Sängerinnen stehen sich gegenüber in der Kirche am Hohenzollernplatz.

Haben inzwischen viele Fans: Die Sängerinnen und Sängerinnen stehen sich gegenüber in der Kirche am Hohenzollernplatz.

Foto: NoonSong

„NoonSong“ bietet seit zehn Jahren jeden Sonnabend um 12 Uhr in der Kirche am Hohenzollernplatz Chormusik auf hohem Niveau.

Wilmersdorf. Beim Erklimmen der Treppenstufen wird schon geschwärmt. „Ein phantastischer Raum, reinster Existenzialismus“, raunt eine Besucherin ihrem Begleiter zu. „Himmlische Stimmen“, begeistert sich Monika Brach und Heide Krickenberg ergänzt: „Allerhöchstes kirchenmusikalisches Niveau.“ Seit zehn Jahren öffnet die Evangelische Kirche am Hohenzollernplatz an so gut wie jedem Sonnabend im Jahr pünktlich um 12 Uhr die Türen. Gut 200 Menschen kommen dann und lauschen 30 Minuten christlicher Chormusik. Musik- und Kulturbegeisterte, Christen und Nichtchristen, Einheimische und Touristen genießen die einmalige „NoonSong“-Atmosphäre.

Sonnabendliche Kirchenmusik zur Mittagszeit

Kommenden Sonnabend, 3. November, hat sich zum Jubiläum prominenter Besuch angekündigt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Charlottenburg-Wilmersdorf Carsten Bolz, die Pfarrerin der Kirche am Hohenzollernplatz Claudia Wüstenhagen und Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD). Weil es ein besonderer Sonnabend ist, musizieren die Musiker der Batzdorfer Hofkapelle gemeinsam mit dem Vokalensemble „sirventes berlin“ Kompositionen aus den „Vesperae Longiores ac Breviores Unacùm Litaniis Lauretanis“ von Heinrich Ignaz Franz Biber. Der Liturg an diesem Vormittag wird Wolfgang Huber sein, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Als diese Idee des sonnabendlichen Singens für Alle entstand, war Huber evangelischer Bischof von Berlin-Brandenburg und einer der ersten Fans dieses in Deutschland ungewöhnlichen Vorhabens.

Inspiration kam aus dem Trinity College in Cambridge

Es knüpft an an die anglikanische Tradition des „Evensongs“. Stefan Schuck, Professor für Chor- und Orchesterleitung, freier Dirigent und künstlerischer Leiter des Vokalensembles „sirventes berlin“, hat das gemeinschaftliche Mittagssingen nach Berlin gebracht. Seine Zeit am ehrwürdigen Trinity College der englischen Universitätsstadt Cambridge hat ihn dazu inspiriert. Der „Evensong“ (oder auch Abendlob) ist eine Form der Kirchenmusik, die bestimmte Teile der Liturgie mit Chorgesang und Orgelbegleitung verknüpft. Im Gegensatz zur Eucharestiefeier kann der „Evensong“ von einem Laien geführt werden. In britischen Colleges wie Oxford oder Cambridge ist das gemeinsame Abendlob an bestimmten Tagen auch für die Allgemeinheit zugänglich. Die Sängerinnen und Sänger stehen sich zu beiden Seiten der dirigierenden Person gegenüber. Nur an besonderen Tagen kommt eine Instrumentalbegleitung dazu.

Musik bringt Menschen zusammen

„Dort in Cambridge werden naturwissenschaftliche Fächer wie Physik oder Chemie gelehrt. Studierende kommen morgens im Laborkittel zur Probe, um abends zu singen - das bedeutet, dass Kirchenmusik ein fester Bestandteil des täglichen Lebens ist. Es ist einfach großartig, dass Musik Menschen zusammenbringt“, sagt Stefan Schuck. Diese Tradition habe es auch in Deutschland gegeben und diese wolle der „NoonSong“ wiederbeleben. Eine Idee davon, wie dies gelingen könne, bekam Schuck in Minneapolis, USA. „Dort hörte ich erstmals davon, dass ein professionelles Vokalensemble rein auf Spendenbasis existieren kann“, erzählt er. Das habe ihn ermutigt, es auch in Berlins auszuprobieren. Durch einen Chor bestand bereits Kontakt zur Gemeinde am Hohenzollerndamm und so nahm das Projekt vor zehn Jahren Gestalt an.

Passend zum Lebensgefühl der Stadt

Neben den phantastischen Chorstimmen lockt das traumschöne Kirchengebäude Besucherinnen und Besucher an. In den Jahren 1930 bis 1934 vom Architekturbüro Fritz Högers erbaut, gilt sie als Hauptwerk expressionistischer Architektur in Deutschland. Das Portal schmückt ein Spitzbogen, den man über eine Freitreppe erreicht. Er kündigt den aufstrebenden, gotischen Geist des Innenraumes an - dort reihen sich spektakuläre 13 Spitzbögen aneinander. Und was Stefan Schuck von Anbeginn klar war: „Das Angebot einer wöchentlich gesungenen Tageszeit-Liturgie muss zum Lebensgefühl dieser Stadt passen“, betont er. „Es muss alle einladen, muss niedrigschwellig sein, bedarf keiner Vorplanung seitens der Zuhörerinnen und Zuhörer.“

Erst Einkaufen, dann der Musik lauschen

Deshalb finden alle Beteiligten es wunderbar, dass das Mittagssingen parallel zum sonnabendlichen Markt auf dem Hohenzollerndamm stattfindet. Man kann sich also noch kurz in „Apos Käseparadies“, am Kartoffelstand mit Spreewaldgurken oder beim „Bäuerchen“ direkt gegenüber des Kirchenportals fürs Wochenende mit Lebensmitteln eindecken. Gleich nach den kirchlichen Gesängen wird auch in der Kirche aufgetischt: Wer mag, gönnt sich einen Teller Suppe und kommt mit den anderen Besucherinnen und Besuchern ins Gespräch. Für das Catering sorgt das Ehepaar Christine und Klaus Sczesny; sie gehören zu den Unterstützern von der ersten Stunde an.

Ohne eine Portion XXL-Idealismus geht es nicht

Eine Erfolgsgeschichte also? „Ja, denn wir haben ein Angebot, das regelmäßig und ausgesprochen freudig angenommen wird. Die Schönheit der Musik ist erfahrbar, sie vermittelt Lebensfreude und das wirkt ansteckend“, sagt Stefan Schuck. In einer Zeit, in der sich viele Menschen nach Spiritualität sehnen, sei die christliche Kirchenmusik ein wunderbares Angebot. Getragen von jeder Menge Enthusiasmus und ehrenamtlichem Engagement. Gleichwohl gab und gibt es immer wieder Situationen, in denen mehr finanzielles Engagement gefragt ist. Denn auch wenn alle eine XXL-Portion Idealismus mitbringen, müssen die wöchentlichen Kosten gedeckt sein. Rund 1000 Euro werden jeden Sonnabend benötigt. Für die Noten sowie für die bescheidene Aufwandsentschädigung der professionellen Sängerinnen und Sänger.

Wunsch nach institutioneller Förderung

Schuck bemüht das Beispiel Venedigs, um die Situation zu veranschaulichen: eine goldene, funkelnde Stadt auf marodem Fundament. „Wenn heute einer der Verantwortlichen ausfiele, wenn morgen plötzlich die Spendenbereitschaft zurück ginge, dann wäre es ganz schnell still an den Sonnabendmittagen“, betont er. Deshalb sein Wunsch zum zehnjährigen Bestehen: Institutionelle Förderung. „Wir benötigen die Zusage für einen festen jährlichen Betrag. Lokale Wirtschaftsunternehmen, eine Bank, eine Kanzlei oder vielleicht auch ein Krankenhaus - für potenzielle Spender wären es vielleicht kleine Beträge - für uns sind sie aber überlebenswichtig“, so sein Appell.

Information

NoonSong-Jubiläum am Sonnabend, 3. November, 12 Uhr, in der Kirche am Hohenzollernplatz, Nassauische Straße 66, Wilmersdorf