Engagement

Pflegemutter mit Vorliebe für schwierige Fälle

| Lesedauer: 5 Minuten
Petra Götze
Meta Kemmerich hat in 30 Jahren 30 Pflegekinder aufgenommen.

Meta Kemmerich hat in 30 Jahren 30 Pflegekinder aufgenommen.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Meta Kemmerich ist am 10. Januar zum Treff mit dem Bundespräsidenten eingeladen. Sie hat sich als Pflegemutter um 30 Kinder gekümmert.

Ein bisschen aufgeregt ist Meta Kemmerich schon. Die 65-Jährige ist am kommenden Dienstag zum Neujahrsempfang auf Schloss Bellevue eingeladen. Der Bundespräsident möchte damit 70 Bürgerinnen und Bürgern danken, die sich ehrenamtlich für die Gesellschaft engagieren. „Das ist eine große Ehre, ich habe doch gar nichts Besonderes gemacht“, sagt Meta Kemmerich.

Das sehen ihre vielen Pflegekinder bestimmt anders. 30 hat sie im Laufe der Jahre aufgenommen, viele in Kurzzeitpflege für ein paar Monate, andere in jahrelanger Dauerpflege. Vier Pflegekinder hat sie als kleine Kinder aufgenommen und großgezogen, zwei Jungen leben heute noch bei ihr in Siemensstadt, ein 17- und ein 21-Jähriger.

„Beide kamen zu mir, als sie sechs Jahre alt waren. Da sind sie schon dreimal durch die Hölle gegangen“, erzählt Meta Kemmerich. Denn Pflegekinder haben in ihren eigenen Familien oft Schlimmes erlebt. „Und je länger sie in dieser Situation bleiben, desto schwieriger werden sie“, sagt Meta Kemmerich.

Vier Pflegekinder ab sechs Jahren großgezogen

Sie selbst hatte immer eine Vorliebe für die schwierigen Kinder. „Mein ältester Pflegesohn wurde von drei Pflegefamilien wieder abgegeben, bevor er zu mir kam und blieb. Diese Kinder machen so viel Unsinn, um Aufmerksamkeit zu bekommen“, sagt die 65-Jährige.

Auf die Idee, Pflegemutter zu werden, kam sie durch ihre zwei eigenen Kinder, Sohn und Tochter, heute 42 und 37 Jahre alt. „Als sie klein waren, habe ich als Verkäuferin gearbeitet und sie zur Tagesmutter gebracht. Sie haben jedes Mal geweint und wollten nicht“, erzählt sie. Sie beschloss, ihren Beruf aufzugeben und selbst Tagesmutter zu werden, um neben ihren eigenen noch weitere Kinder zu betreuen.

Mit Anfang 30 hat sie dann die ersten Pflegekinder aufgenommen, kam in die Bereitschaftspflege und machte eine zusätzliche heilpädagogische Ausbildung. Die Pflegekinder, die sie aufgenommen hat, hatten zum Teil viel Schreckliches erlebt und körperliche wie geistige Beeinträchtigungen. „Anfangs war ich oft traurig und wütend, wenn nach und nach rauskam, was den Kindern passiert ist. Inzwischen habe ich Respekt vor Müttern, die von sich aus zum Jugendamt gehen und sagen: Ich schaffe es einfach nicht. Das ist allemal besser für die Kinder“, sagt Meta Kemmerich.

Kampf um mehr Geld für Pflegeeltern

Sie setzt sich nicht nur gemeinsam mit dem Jugendamt Spandau für das Wohl ihrer Pflegekinder ein, sondern kümmert sich auch um die Belange von anderen Pflegeeltern. 2004 hat sie den Verein Aktivverbund mitgegründet, der die Interessen von Pflegefamilien vertritt. Sie berät bei Konflikten mit dem Jugendamt oder den leiblichen Eltern und hilft mit ihrer Erfahrung vor allem Pflegeeltern, die Kinder mit Behinderungen betreuen.

Mit dem Aktivverbund hat sie sich 2004 im Abgeordnetenhaus von Berlin erfolgreich dafür eingesetzt, dass die Zahlungen für Pflegemütter mit spezieller Ausbildung nicht gekürzt werden. Allerdings wurden die Aufwandsentschädigungen für normale Pflegemütter – 300 Euro im Monat – seit 2012 nicht erhöht, ebenso wenig wie die Pauschalen für den Lebensunterhalt der Pflegekinder.

Das Land Berlin zahlt 474 Euro im Monat für ein 8- bis 14-jähriges Pflegekind. „Dazu kommt, dass nichtberufstätige Pflegemütter keine Energiekostenpauschale erhalten und eine Kindergelderhöhung durch Anrechnung aufs Pflegegeld nur teilweise bei den Pflegefamilien ankommt“, sagt Meta Kemmerich.

Pflegemüttern droht Altersarmut

„Ein Heimplatz für Kinder mit besonderem Förderbedarf kostet 7.000 Euro, als heilpädagogische Pflegemutter erhalte ich 959 Euro und Kindergeld. Es ist eine psychisch herausfordernde und wertvolle Arbeit, die besser vergütet werden muss“. Denn auch die Alterssicherung ist für Vollzeit-Pflegeeltern ein Problem. „Uns Pflegeeltern droht die Armut, wenn wir in Rente gehen“, sagt sie. Darauf will sie auch den Bundespräsidenten aufmerksam machen.

Bereut hat sie ihr Leben als Pflegemutter dennoch nie. „Ich bin stolz auf meine Pflegekinder, die alle ihren Weg gefunden haben. Und auf meine eigenen Kinder, denen ich viel zugemutet habe und die viel mitgemacht haben“, sagt Meta Kemmerich.

Zwei weitere Berliner beim Bundespräsidenten eingeladen

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lädt am 10. Januar zum Neujahrsempfang ins Schloss Bellevue ein. Gemeinsam mit Elke Büdenbender erwartet er rund 70 Bürgerinnen und Bürger aus allen Bundesländern, die sich um das Gemeinwohl besonders verdient gemacht haben. Neben der Pflegemutter Meta Kemmerich sind aus Berlin Thomas de Vachroi, Armutsbeauftragter des Diakoniewerks Simeon Neukölln und Felix Ben Heilmann, Vorsitzender des Lichtenberger Bezirksbeirats für Menschen mit Behinderung eingeladen.

Thomas de Vachroi leitet seit 2011 das Haus Britz, eine barrierefreie Wohnanlage des Diakoniewerkes Simeon. Er unterstützt er auch die Tee- und Wärmestube Neukölln und engagiert sich besonders für Obdach- und Wohnungslose.

Der 21-jährige Felix Ben Heilmann ist seit 2013 im bezirklichen Beirat von und für Menschen mit Behinderungen in Lichtenberg aktiv, seit 2019 im Vorstand, und setzt sich für die uneingeschränkte Gleichstellung und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen Bereichen des Lebens ein. Er möchte eine europäische Begegnungswoche mit Jugendlichen aus anderen EU-Ländern organisieren.