Malteser Hilfsdienst Berlin

Gemeinsam kochen statt einsam trauern

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Sabine Flatau
Kochabend für junge Menschen in Trauer vor dem „Vamos Veganos“ in der Schönfließer Straße

Kochabend für junge Menschen in Trauer vor dem „Vamos Veganos“ in der Schönfließer Straße

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Beim Koch-Abend „Trauer & Klöße“ von den Maltesern treffen sich junge Erwachsene, die einen geliebten Menschen verloren haben

Ein Tisch steht auf dem breiten Gehweg vor dem Restaurant „Vamos Veganos“ in Prenzlauer Berg. Stühle, Wasserkaraffe und Gläser zeigen, dass Gäste erwartet werden. Die fünf Frauen, die sich angemeldet haben, treffen nach und nach ein. Fast alle nähern sich zögerlich. Suchen nach der angegebenen Hausnummer und sehen den Tisch. Dann wissen sie, dass sie an der richtigen Adresse sind. Anna Arenz, ehrenamtliche Trauerbegleiterin, heißt die Gäste willkommen. Es ist ein Kochabend für junge Erwachsene, die um einen geliebten Menschen trauern. Er hat den Titel „Trauer & Klöße“. Der Malteser Hilfsdienst e.V. lädt dazu ein.

„Die Idee mit dem Kochen ist schon vor vielen Jahren entstanden“, sagt Regina Ehm, Koordinatorin der Anlaufstelle für Trauernde beim Malteser Hilfsdienst e.V. In Einzelberatungen erzählen Trauernde oft, dass ihnen die Lust am Kochen vergeht, oder dass sie es gar nicht können, weil der verstorbene Partner immer gekocht hat. „Aber hauptsächlich ist es die Appetitlosigkeit, die mit der Trauer einhergeht, und die fehlende Lust, sich etwas zuzubereiten.“

Deshalb hat der Malteser Hilfsdienst dieses Angebot geschaffen. Es gehe darum, „zusammenzukommen, gemeinsam zu schnippeln, und dabei ins Gespräch zu kommen“, sagt Regina Ehm. „Nicht wie in einer klassischen Gesprächsrunde, sondern eher ungezwungen. Alle sind mit einem ähnlichen Thema da. Man muss sich nicht groß erklären. Man spricht beim Tun, wenn man Lust hat, oder eben auch nicht.“ Dann komme man oft wie von selbst auf das Thema Trauer. Zum Beispiel „mein Mann konnte das so toll“ oder „es schmeckt nie so, wie wenn meine Oma das gemacht hat“.

Appetit machen und die Lust aufs Essen wecken

Beim Kochtreff essen die Teilnehmer auch gemeinsam das, was sie zubereitet haben. „So kann die Lust geweckt werden, nach einer gewissen Zeit der Trauer auch wieder für den Leib gut zu sorgen.“Es gebe vermehrt Anfragen von jungen Leuten, die trauern, erzählt Regina Ehm. Für sie sei der Kochtreff auf einen Abendtermin gelegt worden. Start der Veranstaltungsreihe war im Herbst 2021. Schon seit vielen Jahren findet ein Kochtreff für ältere Trauernde statt, allerdings zur Mittagszeit.

Die Teilnehmerinnen beim „Trauer & Klöße“-Kochabend im Juli sind zwischen Anfang 20 und Anfang 50. In der Vorstellungsrunde erzählen sie von sich. Ihre Eltern seien kurz hintereinander gestorben, sagt eine junge Frau. Eine andere berichtet, dass sie im vergangenen Jahr mit dem Tod ihres Ex-Freundes, ihres Großvaters und ihrer besten Freundin fertig werden musste. „Eines davon war schon zu viel für mich“, sagt sie. „Und alles zusammen war extrem viel“. Die Frauen erzählen auch, dass sie lange Zeit für sich geblieben sind. Aber das Angebot der Malteser hat sie bewogen, sich auf den Weg zu machen. „Ich hab‘ mir gedacht, so ein bisschen unter Leute kommen, die vielleicht dasselbe empfinden, könnte gut tun“, sagt eine 51-Jährige. Die Umgebung sei toll. „Es ist besser, als an einem großen Tisch mit Gruppe zu sitzen. Man kommt sich schneller näher.“

Eine junge Frau, deren Vater gestorben ist, sagt: „Ich fand das hier ansprechender als eine Selbsthilfegruppe, oder einen Gesprächskreis.“ Sie habe etwas gewollt, „wo man sich nicht so gezwungen fühlt, etwas zu sagen und sein ganzes Leben auszubreiten.“

Anna Arenz, die ehrenamtliche Trauerbegleiterin, betreut den Koch-Abend gemeinsam mit der Gastronomin Fiona Pampuch, die ihr Restaurant „Vamos Veganos“ zur Verfügung stellt. „Ich finde den Gedanken schön, Menschen zurück ins Leben zu begleiten, oder durch diese Phase der Trauer zu begleiten“, sagt Anna Arenz. „Tod und Trauer sind Themen, die mich schon länger beschäftigen.“ Ihr mache der Kochtreff jedes Mal Spaß, sagt Fiona Pampuch. „Ich freue mich darauf.“

Ungezwungene Gespräche beim gemeinsamen Kochen

An diesem Abend im Juli werden Sommerrollen mit Gurke, Karotten, Paprika, Rotkraut, Salat, Kräutern, Tofu und Erdnussdip zubereitet. Zuerst ist Händewaschen angesagt. Dann greifen die fünf Teilnehmerinnen zu Messern und Schälern. Beim Gemüseschneiden am Tisch auf dem Gehweg kommen die Gespräche in Gang. Anna Arenz und Fiona Pampuch bereiten unterdessen Erdnussdip und Tofu in der Restaurantküche zu. Nach einiger Zeit bringt Anna Arenz Teller heraus und sagt: „Wollt ihr mal den Tisch decken und alles bereitstellen?“ Doch die fünf Frauen hören ihr nicht zu. Sie sind in Gespräche vertieft. Einige Zeit später wiederholt die Trauerbegleiterin ihre Aufforderung. Dann zeigt Fiona Pampuch, wie das Reispapier eingeweicht, mit Gemüsesticks belegt und gerollt wird.

Anna Arenz erzählt von den vergangenen „Trauer & Klöße“-Abenden. „Bei denen, die dabei waren, hatte ich das Gefühl, dass sie so einen Raum für sich gebraucht haben. Das waren auch Mütter, die fest in den Alltag eingebunden sind. Für sie ist das total schön, hierher zu kommen, und Zeit für sich zu haben. Auch deshalb, weil das Thema Trauer im Alltag ja auch schnell wieder verschwindet.“

Angebote für Trauernde

Der Koch-Abend „Trauer & Klöße“ des Malteser-Hilfsdienstes findet am 9. August, 13. September, 11. Oktober, 8. November und 13. Dezember, jeweils 18.30-21 Uhr, im Restaurant „Vamos Veganos“, Schönfließer Straße 16 in Prenzlauer Berg statt. Kosten: fünf Euro. Seit 2022 gibt es ein weiteres Angebot mit dem Titel „Trauer & Tanz“. „Um über die Bewegung mit den Gefühlen in Kontakt zu kommen, und wieder Boden unter den Füßen zu spüren“, sagt Regina Ehm. Das sei kein klassischer Kursus. Ganz leichte Schritte, leichte Tänze würden erprobt, mit eingängiger Musik. Nächster Termin ist 13. August, 15-17 Uhr, Otto-Rosenberg-Straße 4 in Marzahn. Kostenlos. Info unter www.malteser-berlin.de/trauer.