Ukraine-Hilfe

Berliner Bäckereien bieten Jobs für Flüchtlinge

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Petra Götze
Ukraine Flüchtling Hosam mit seiner Frau Maria (r.) und Kathleen Exner (m.) in der Bäckerei Exner

Ukraine Flüchtling Hosam mit seiner Frau Maria (r.) und Kathleen Exner (m.) in der Bäckerei Exner

Foto: Bäckerei Exner

Viele Ukrainer möchten in Berlin arbeiten. Die Bäcker-Innung vermittelt Arbeitskräfte an Bäckereien und hilft bei Sprachbarrieren.

Berlin. Mehr als 50.000 Ukrainer sind seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine in Berlin angekommen und wollen hier auch erst einmal bleiben. Mittlerweile haben die meisten von ihnen eine Unterkunft gefunden, mehr als 3000 Kinder sind in Willkommensklassen untergebracht. Doch wie geht es nun weiter?

Viele der aus der Ukraine Geflüchteten möchten so schnell wie möglich arbeiten, um sich selbst zu versorgen und nicht von staatlichen Leistungen abhängig zu sein. Bürokratie und Sprachbarrieren erschweren jedoch die Jobsuche und auch den Arbeitsalltag.

Die Bäcker-Innung Berlin vermittelt nun Arbeitsuchende an Mitgliedsunternehmen der Innung. „Fachkräfte werden händeringend gesucht, das gilt sicherlich nicht nur für unsere Branche. Wir sind für jeden offen, der gerne im Bereich Bäckerei oder Konditorei arbeiten möchte. Ausbildung und Vorkenntnisse sind natürlich gerne gesehen, aber keine zwingende Voraussetzung, da wir auch Aufgaben für Fachfremde bereithalten. Zudem können wir fachspezifischen Deutschunterricht durch eine ehemalige Deutschlehrerin aus Russland anbieten“, erzählt Johannes Kamm, Geschäftsführer der Bäcker-Innung Berlin.

In den Backstuben werden Arbeitskräfte gebraucht

„Um die Kommunikation zu erleichtern, haben wir eine Liste mit den 300 wichtigsten Begriffen für unser Handwerk in Deutsch und Ukrainisch erstellt und diese an alle Innungsbetriebe gesendet.“ In der Backstube und bei allen Hilfstätigkeiten reichen zum Anfang Stichworte aus, um schnell in einen gemeinsamen Arbeitsalltag zu kommen.

Das kann Anke Siebert, Inhaberin der Bäckerei Siebert im Prenzlauer Berg bestätigen. „Seit einem Monat arbeitet ein Ehepaar aus Odessa bei uns. Igor hilft in der Backstube, wiegt die Zutaten, flechtet Zöpfe und drückt Schrippen. Das klappt prima, auch wenn er kein Deutsch spricht. Aber wir haben ja den Google-Translator“, sagt Anke Siebert.

Die Bäckerei, gegründet von Anke Sieberts Ur-Urgroßvater und in fünfter Generation im Familienbesitz, beschäftigt 20 Mitarbeiter und alles wird in Handarbeit hergestellt. Igors Frau Tatjana, die Englisch spricht, arbeitet in der Konditorstube mit. Sie dreht Apfel-Zimt- und Himbeer-Schokoladen-Schnecken und überzieht Kekse mit Schokolade.

Innungs-Chef: „Ein Gewinn für beide Seiten“

Das Ehepaar hat schon eine eigene Wohnung gefunden, beide fangen um 4 Uhr morgens an zu arbeiten. „Wir freuen uns sehr, dass sie da sind. Wir wollten auch einen Beitrag leisten für die Flüchtlingshilfe und wir brauchen auch selbst Hilfe in der Backstube“, sagt die Bäckerei-Besitzerin.

„Es ist ein Gewinn für beide Seiten“, sagt Johannes Kamm, Geschäftsführer der Bäcker-Innung Berlin, die in diesem Jahr 750-Jähriges Bestehen feiert und damit der älteste Handwerksverband Berlins ist. „Wir brauchen Mitarbeiter, und die Ukrainer wollen arbeiten und für ihren Unterhalt selbst sorgen. Vor allem helfen geregelte Strukturen im Arbeitsalltag, wenn man sonst alles verloren hat“, sagt Kamm.

Auch bei der Bäckerei Exner steht ein geflüchtetes Paar unter Vertrag. Sie ist vom Fach und arbeitet in der Konditorei des Familienunternehmens, er kommt eigentlich aus der IT-Branche, arbeitet nun in der Backstube und ist dort für den Teig zuständig. Seine Tätigkeit als „Teigpfleger“ ist auch als Quereinsteiger gut ausführbar.

Von Teilzeit auf Vollzeit

Aktuell pendeln die beiden von ihrer Flüchtlingsunterkunft in der Potsdamer Biosphäre täglich in die Bäckerei nach Beelitz und sind darum nur in Teilzeit – mit 30 Stunden pro Woche – angestellt. Das soll sich jedoch schnellstmöglich ändern.

„Wir mieten jetzt als Arbeitgeber eine Wohnung bei uns im Ort für die beiden und stellen dann schnellstmöglich auf Vollzeit um“, sagt Kathleen Exner, Chefin des Brandenburger Familienunternehmens mit Hauptsitz in Berlin.

Für Ukrainer ohne Deutschkenntnisse ist es sehr schwierig, ohne Hilfe alle behördlichen Hürden zu nehmen, um in Deutschland einer geregelten Arbeit nachgehen zu können. „Wir möchten hier gern unterstützen und freie Stellen in den Mitgliedsunternehmen vermitteln“, sagt Johannes Kamm von der Berliner Bäcker-Innung.

750 Jahre Berliner Bäcker-Innung

  • Die Bäcker-Innung Berlin feiert in diesem Jahr ihr 750-jähriges Bestehen und ist damit der älteste Handwerksverband Berlins. Er vertritt 60 selbständige Handwerksmeisterinnen und Handwerksmeister in Berlin mit rund 3300 Mitarbeitern sowie 300 Auszubildenden.
  • Als Verband vertritt die Bäcker-Innung Berlin die Interessen des Bäckerhandwerks und ist zuständig für die Förderung, Überwachung und Prüfungsabnahme in der Berufsausbildung im Bäckerhandwerk.
  • Die Innung vermittelt arbeitsuchende Ukrainer an Mitgliedsunternehmen per Mail an: jobsuche@baecker-berlin.de. Unter www.baecker-berlin.de gibt es Stichwortliste mit Fachbegriffen in Deutsch und Ukrainisch.