Kurzzeitpflege

Ein Ort für den Sonderfall der Pflege

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Sabine Flatau
Die Gründerinnen des Vereins, Annika Eysel (rechts) und Ieva Berzina-Hersel wolllen Entlastung für pflegende Eltern.

Die Gründerinnen des Vereins, Annika Eysel (rechts) und Ieva Berzina-Hersel wolllen Entlastung für pflegende Eltern.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Der Berliner Verein „einePause“ kämpft für ein Kurzzeit-Wohnhaus, in dem pflegebedürftige junge Menschen betreut werden

Berlin. Die beiden Mütter zeigen tagtäglich vollen Einsatz. Seit vielen Jahren schon. Jede hat ein behindertes Kind, das Pflege braucht. Der Sohn von Ieva Berzina-Hersel hat epileptische Anfälle und kann nicht sprechen. Die Tochter von Annika Eysel ist von einer seltenen Gen-Veränderung betroffen. Sie kann weder sprechen noch ihren Rollstuhl bedienen. Sie verständigt sich mit einem augengesteuerten Computer. Die zwei Frauen kümmern sich liebevoll und ohne zu klagen um ihre Kinder. Doch sie wünschen sich, dass sie auch mal eine Auszeit nehmen können, um Kraft zu tanken. Aber wo? Eine Kurzzeitpflege für pflegebedürftige Kinder und Jugendliche gibt es in Berlin nicht. Noch nicht. Denn Annika Eysel und Ieva Bersina-Hersel wollen eine solche Einrichtung auf die Beine stellen. Das ist ihr erklärtes, gemeinsames Ziel.

„Kennengelernt haben wir uns im Frühjahr 2019“, erzählt Annika Eysel. „Jede war auf der Suche nach einer Pause in der häuslichen Pflege. Wir haben leider keine Einrichtung gefunden, wo wir das in Anspruch nehmen konnten. Aber wir haben uns gefunden.“ Sie hätten sich beide gedacht: „Wenn es das nicht gibt, dann müssen wir es wohl leider selber machen.“ Das war der Anfang.

Wenige Monate später entstand „einePause“ – so der Name des Vereins. „Wir haben am 15. November 2019 die Gründungsveranstaltung gemacht, mit anderen pflegenden Familien, Freunden und Freudinnen“, erzählt Ieva Berzina-Hersel.

Anspruch auf Kurzzeitpflege in Berlin nicht einzulösen

Das, was die Vereinsgründerinnen umtreibt, betrifft viele Familien. Laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg gibt es etwa 9300 Berliner bis zu 27 Jahre, die Pflege brauchen. Sie haben einen Anspruch auf 28 Tage Kurzzeitpflege im Jahr. Doch dieser Anspruch kann in Berlin nicht eingelöst werden, sondern nur in anderen Bundesländern. Etwa im „Kupferhof“ in Hamburg. Dort haben sich Annika Eysel und Ieva Berzina-Hersel umgesehen. Sie haben auch andere Einrichtungen wie die „Familienherberge Lebensweg“ in Baden-Württemberg besucht, sowie das „Wohnnest“ und die „Kleine Oase“ in Nordrhein-Westfalen.

Das hat den beiden Berlinerinnen geholfen, ein Konzept für das „einePause-Haus“ in Berlin zu entwickeln. Es ist als heilpädagogische Kurzzeit-Wohneinrichtung für pflegebedürftige und chronisch kranke junge Menschen geplant. Das Haus soll Platz für bis zu 16 Kinder und Jugendliche bieten und ein Zuhause auf Zeit für sie werden. Ein Aufenthalt von drei Tagen bis zu vier Wochen ist vorgesehen. Ein interdisziplinäres Team soll die jungen Bewohner betreuen. Auch Räume für Familienangehörige wird es geben.

Zum „einePause-Haus“ sind Annika Eysel und Ieva Berzina-Hersel im Gespräch mit mehreren Senatsverwaltungen. Die Frauen wünschen sich, dass ihr Vorhaben ein Modellprojekt wird und dass Fördermittel fließen. Auch die Suche nach einem geeigneten Grundstück ist im Gange. Die Vereinsgründerinnen haben bei landeseigenen Wohnungsgesellschaften angefragt und bei freien Trägern. Erst vor kurzem waren sie zur Vorstellung ihres Konzepts im Evangelischen Johannesstift in Spandau.

Ausgezeichnet mit dem Berliner Pflegebären

Das große Engagement findet Beachtung. Der Verein „einePause“ ist nun während der Woche der pflegenden Angehörigen mit dem Berliner Pflegebären ausgezeichnet worden. Annika Eysel und Ieva Berzina-Hersel hoffen, dass ihr Anliegen dadurch noch mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung findet. Beide Mütter verwenden viel Zeit und Energie, um das Projekt voranzutreiben. „Die Pause von der Pflege – die brauche ich“, sagt Ieva Berzina-Hersel. „Für meinen zweiten Sohn, für meinen Partner und für mich selbst.“ Wie andere Eltern in Urlaub fahren – das sei nicht möglich.

Das „einePause-Haus“ sei als Entlastung für pflegende Eltern wichtig, sagt Annika Eysel. „Damit sie kurze Verschnaufpausen haben. Damit sie im Alltag auch mal sorgenfrei sein können, ohne für Hilfsmittel oder Therapie kämpfen zu müssen, und damit sie auch mal durchschlafen können.“ Annika Eysel ist 54 Jahre alt und Kamera-Assistentin von Beruf. Ihre behinderte Tochter wird im Herbst 18. „Sie wird lebenslang Pflege brauchen.“ Sie merke, sagt Annika Eysel, „dass diese Zeit gekommen ist, wo ich wieder dran bin. Wo ich nicht nur Mutter und Sorgemensch sein möchte.“

Der behinderte Sohn von Ieva Berzina-Hersel wird im Sommer zwölf Jahre alt. Er lernt, sich mit Bildkarten zu verständigen. Der Junge trage zwei Hörhilfen, erzählt seine Mutter. Kleine Stückchen Brot könne er selbstständig essen, bei Suppe brauche er Hilfe. Iewa Berzina-Hersel weiß, dass das sein Leben lang so sein wird. Das macht ihr Sorgen. „Wenn ich 60 Jahre alt bin, ist er 30. Schaffe ich das dann noch, einen 30-jährigen Mann zu pflegen?“

Selbsthilfegruppe für Eltern pflegebedürftiger Kinder

Im Familienzentrum an der Adalbertstraße 29 B in Kreuzberg treffen sich einmal monatlich Eltern und Angehörige von kranken, behinderten und pflegebedürftigen Kindern. Sie tauschen ihre Erfahrungen zu verschiedenen Themen aus. Es geht etwa um Ärzte, Therapien, Schule, Werkstatt und Pflege. Für die Kinder kann in dieser Zeit eine kostenlose Betreuung organisiert werden. Das nächste Treffen ist für den 16. Juni, 15 bis 18 Uhr, angekündigt. Wer teilnehmen möchte, kann sich unter kontakt@einepause.de anmelden. Informationen zur Selbsthilfegruppe unter einepause.de.