Berliner helfen

Ein neues Zuhause für Waisenkinder

| Lesedauer: 5 Minuten
Petra Götze
Im historischen Ludwig-Hoffmann-Quartier in Berlin-Buch entsteht das Waisenhaus „myHome“ vom Verein TrauerZeit.

Im historischen Ludwig-Hoffmann-Quartier in Berlin-Buch entsteht das Waisenhaus „myHome“ vom Verein TrauerZeit.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Mit dem neuen Waisenhaus des Vereins TrauerZeit entsteht auch ein Therapiezentrum. Eröffnung ist für Juli 2022 geplant

Der Rohbau steht, die Fliesenleger sind fast fertig, die Einrichtung ist bestellt. „Wir liegen gut im Zeitplan, am 1. Juli wollen wir eröffnen“, erzählt Simone Rönick, während sie die Besucher durch die Räume des neuen Waisenhauses „myHome“ im Ludwig Hoffmann Quartier Buch führt.

Neubau des Waisenhauses von Sponsoren finanziert

Das vom Verein TrauerZeit ausschließlich durch Unterstützung engagierter Sponsoren finanzierte Haus wird Halb- und Vollwaisen im Alter zwischen 5 und 16 Jahren aufnehmen. Mit dem angeschlossenen neuen Therapiezentrum ist es das erste stationäre Wohnprojekt, das speziell auf Trauer- und Traumatherapie mit Kindern nach dem Tod der Eltern ausgerichtet ist. „Bisher werden Waisenkinder in Pflegefamilien oder betreuten Wohngruppen untergebracht. Bei dieser Form der Unterbringung werden Geschwisterkinder oft auseinander gerissen und die besonderen Bedürfnisse trauernder Kinder werden insgesamt kaum beachtet“, sagt Simone Rönick.

Der von ihr gegründete Verein TrauerZeit kümmert sich seit 16 Jahren um Kinder und Jugendliche, die ein oder beide Elternteile verloren haben. Simone Rönick weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig Unterstützung nach einem Todesfall in der Familie ist. Als sie 37 Jahre alt ist, stirbt ihr Mann.

Vereinsgründerin wurde mit 37 Jahren und vier Kindern Witwe

Sie bleibt mit vier Kindern allein zurück, neben ihren zwei eigenen zieht sie auch die beiden Kinder ihrer Schwester groß, die einige Jahre zuvor verstorben ist.„Ich wollte damals Hilfe für mich und meine trauernden Kinder, habe recherchiert und gesucht, aber es gab nichts“, erzählt sie. Sie gründete später selbst eine Selbsthilfegruppe für trauernde junge Familien, besucht Fortbildungen zur Sterbe- und Trauerbegleitern und macht auch noch eine Ausbildung zum Heilpraktiker-Psychotherapie.

„Gottseidank hatte ich Unterstützung durch meine Eltern und konnte die Aus- und Fortbildungen aus der Lebensversicherung finanzieren“, erzählt sie.

2004 bot sie im Stadtteilzentrum Mitte erste Beratungsnachmittage für trauernde Familien an und wurde förmlich überrannt. Mit vier weiteren Betroffenen gründete sie 2005 den Verein TrauerZeit, der anfangs in Prenzlauer Berg und später im Ludwig-Hoffmann-Quartier in Buch Trauertherapie für Kinder und Jugendliche anbietet.

„Bei uns können sie über ihre verstorbenen Eltern sprechen, Erinnerungskisten gestalten mit Dingen, die sie an Vater oder Mutter erinnern. Sie können alles fragen, was ihnen auf der Seele liegt. Viele Kinder haben Schuldgefühle“, sagt Simone Rönick. Für die kleineren Kinder gibt es ein Spielzeug-Sanatorium mit Sarg und liebevoll von zwei Ehrenamtlichen nach den Wünschen der Waisen gehäkelte Puppen, die die verstorbene Mutter oder den Vater symbolisieren. „denn manche Kinder müssen überhaupt erst einmal verstehen, was passiert ist“, sagt Simone Rönick.

Trauernde Kinder dürfen alles fragen

Wenn es möglich ist und der Verein rechtzeitig informiert wird, kann mit der Mutter oder dem Vater noch vor deren Tod besprochen werden, was er oder sie dem Kind mitgeben will, wie sie sich deren Erziehung wünschen. „Das ist so wichtig für die Kinder, aber manchmal, bei einem plötzlichen Unfalltod oder Suizid achtet keiner darauf, dass wenigstens noch Erinnerungsstücke und Fotos mitgenommen werden“, berichtet Simone Rönick. Im neuen Waisenhaus ist Platz für die Aufnahme von 12 bis 16 Kindern und Jugendlichen. Es gibt neben Einzelzimmern auch vier größere Geschwisterzimmer, für jede Wohngruppe eine große Küche und ein Wohnzimmer, dazu einen Garten in dem Gemüse und Kräuter angebaut werden sollen und ein Waldstück zum Toben. Die Kinder werden in zwei Familien-alternativen Wohngruppen rund um die Uhr, auch an Wochenende und in den Ferien betreut - es sei denn, es gibt noch Verwandte, zu denen sie in den Ferien oder Wochenenden fahren können.

Geborgenheit und Therapie in der familiären Wohngruppe

„Wir wollen ihnen Geborgenheit geben und die Möglichkeit, den Tod ihrer Eltern zu bewältigen“, sagt Simone Rönick. Sechs Pädagogen je Wohngruppe werden dafür noch vor Eröffnung gesucht, zusätzlich geschult und auch entsprechend bezahlt. Im gleichen Haus mit separatem Eingang befindet sich auch das Therapiezentrum mit Kreativraum, Raum der Stille und Tobe-Raum.

Der Bau des Waisenhauses wurde von Sponsoren und Spendern finanziert, der Verein TrauerZeit zahlt dafür Miete. Für die Unterbringung der Kinder aus ganz Deutschland werden die jeweiligen Jugendämter aufkommen. „Spenden brauchen wir aber ganz dringend für die rechtzeitige Einstellung und Fortbildung der beiden Pädagogen-Teams sowie für die Ausstattung“, sagt Simone Rönick. Berliner helfen e.V. wird den Verein TrauerZeit und das neue Waisenhaus langfristig mit Spenden unterstützen.

Weiter Infos unter https://trauerzeit-berlin.de/