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Lernen ohne Zwang im Street College

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Sabine Flatau
Im Street College in Kreuzberg finden Jugendliche wieder Spaß am Lernen.

Im Street College in Kreuzberg finden Jugendliche wieder Spaß am Lernen.

Foto: Sven Darmer

Im Street College in Kreuzberg bestimmen Jugendliche selbst ihren Stundenplan. Sie machen Musik, zeichnen oder holen den Schulabschluss nach

Berlin. Man kann kommen, wann man will. Man kann machen, was man will. In einer üblichen Schule geht das nicht. Im Street College in Kreuzberg ist es der Alltag. Träger des Projekts ist der Gangway e.V. – Verein für Straßensozialarbeit, der dafür auf Spenden und Förderung angewiesen ist.

Jeder kann sich den Lernstoff aussuchen

„Die Kurse, die wir anbieten, haben wir uns nicht ausgedacht“, sagt Projektleiterin Tanja Ries. „Sondern Jugendliche haben gesagt: Das wollen wir machen.“ Deshalb stehen Mode und Design, Siebdruck, Songwriting, Gesang, Audioengineering und Zeichnen auf dem Kursplan des Street College. „Womit wir am Anfang nicht gerechnet hätten“, sagt Tanja Ries, „das war, dass Jugendliche sich bei uns auch auf Schulabschlüsse vorbereiten wollen.

Im Lernlabor auf den Abschluss vorbereiten

Denn es gibt viele Projekte in Berlin, die dieses Angebot machen.“ Doch in diesen Projekten gebe es genaue Vorgaben, wann und wie häufig die Jugendlichen zum Unterricht kommen müssen. Und was sie zu lernen haben. „Bei uns lernen sie, wie es ihnen entspricht. Manche kommen früh, manche kommen spät. Manche lernen nur zuhause und telefonieren mit unseren Dozentinnen. Manche können perfekt Englisch. Die müssen nicht im Englisch-Unterricht sitzen.“ Lernlabor heißt dieses Fach im Kursplan des Street College.

Seit mehreren Monaten besucht Elyas Mohammadi aus Tempelhof-Schöneberg das Lernlabor. Er ist fast 20 Jahre alt und stammt aus Afghanistan. „Ich will den Mittleren Schulabschluss machen“, sagt er. „Den brauche ich, weil ich Physiotherapeut werden will.“

„Die Dozenten sind wie Freunde“

Durch einen Freund hatte er vom Street College erfahren. Elyas Mohammadi schwärmt: „Hier sind tolle Menschen. Die Dozenten sind nicht wie Lehrer, sondern wie Freunde. Man kann auch darüber sprechen, wenn man zuhause Probleme hat. Man darf sich frei entscheiden – möchtest du heute lernen oder nicht?“ Etwa 200 Jugendliche besuchen das Street College im Jahr. 20 junge Leute haben sich in den vergangenen Wochen für die Berufsbildungsreife fit gemacht. Etwa 40 Interessenten möchten im kommenden Jahr den Mittleren Schulabschluss machen. Nach der Vorbereitung am Street College melden sich die Jugendlichen für die sogenannte Nichtschülerprüfung an. Diese Prüfung können sie an Schulen absolvieren, die vom Senat bestimmt werden. Die Erfolgsquote sei sehr hoch, sagt Tanja Ries. „Rund 80 Prozent derer, die sich für die Prüfung anmelden, bestehen sie auch.“

Es sind Jugendliche zwischen 16 bis weit über 20 Jahre, die nicht den üblichen Schulabschluss machen konnten. „Manche wegen ihrer Flucht, andere, weil sie im Gefängnis waren. Oder weil sie mit anderen Menschen nicht gut klarkommen.“ Wenn sie das Street College aufsuchen, dann wird ein erstes Gespräch mit ihnen geführt. Wie willst du lernen? Was brauchst du von uns? Möchtest du in eine feste Gruppe? Wann willst du kommen? Um diese Fragen geht es.

Sozialarbeiterinnen helfen den Jugendlichen

„Jeder kann individuell seinen Lernplan zusammenstellen“, sagt Tanja Ries. Sieben fest angestellte Mitarbeiter hat das Street College und bis zu 25 freie Dozenten. Die Sozialarbeiterinnen aus dem Team begleiten die jungen Leute bei Bedarf zum Gericht, zu Behörden oder reden mit den Eltern. „Es ist ein ganzheitlicher Ansatz.“ Im Haus sind neben Räumen für Unterricht auch ein Modeatelier, Tonstudio und Aufnahmeräume eingerichtet. Lucy Gale aus Kreuzberg hat beim Songwriting-Kursus mitgemacht und mit einer Freundin ein Lied geschrieben. Jetzt bereitet sie sich, ebenso wie Elyas Mohammadi, auf die Prüfung für den Mittleren Schulabschluss (MSA) vor. Sie habe den MSA bereits an ihrer Schule gemacht, erzählt die 18-Jährige. Doch der Abschluss sei nicht anerkannt worden. Sie habe zu viele Fehltage gehabt, wegen eines Krankenhausaufenthalts.

Am Street College wird keiner gemobbt

„Es ist sehr entspannt im Street College“, sagt Lucy Gale. „Mobbing passiert hier gar nicht. Ich habe noch niemanden erlebt, der etwas Blödes zu mir oder zu anderen gesagt hat.“ Seit mehr als drei Monaten lernt sie im Street College. „Hier wird nichts aufgedrängt.“

Tanja Ries fing 2000 beim Gangway e.V. als freie Dozentin an. Sie hat mehrere Ausbildungen im Coaching absolviert. Sie stammt aus Süddeutschland. Anfang der 90er-Jahre kam Tanja Ries nach Berlin und arbeitete als Sängerin und Moderatorin. Sie leitete das Chansonfest Berlin und war mit ihrer Show „Tanjas Nachtcafé“ zu erleben. Im Street College, das 2013 an den Start ging, war sie von Anfang an dabei. „Was mich immer angetrieben hat, ist ein ganz tiefer Glaube an Menschen“, sagt sie. „Und eine große Sehnsucht nach Austausch, nach Kommunikation und Entwicklung“.

Spenden für die „Schöne Bescherung“

Um sozial benachteiligten und chronisch kranken Kindern und Jugendlichen eine Freude zu machen, startet die Berliner Morgenpost mit ihrem Verein Berliner helfen zum 19. Mal die Aktion „Schöne Bescherung“. Bis Weihnachten berichten wir über Einrichtungen und Vereine, die sich für Kinder in Berlin engagieren. Sie sind auf Spenden angewiesen, da sie oft ohne öffentliche Förderung, aber mit viel freiwilligem Engagement arbeiten. Machen Sie mit bei der„Schönen Bescherung“. Spenden Sie an:

Berliner helfen e. V. Stichwort: „Bescherung“ IBAN: DE69 1002 0500 0003 3071 00
BIC: BFSWDE33BER

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