Berliner helfen

350 Helfer im Einsatz für die Nachbarn

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Katrin Lange
Hoffen, dass es weiter geht: Selma Weigelt, Anna Huk, Marco Schulz und Nina Karbe (v.l.) vor der Anlaufstelle in der Berlinickestraße 9.

Hoffen, dass es weiter geht: Selma Weigelt, Anna Huk, Marco Schulz und Nina Karbe (v.l.) vor der Anlaufstelle in der Berlinickestraße 9.

Foto: Katrin Lange / Berliner Morgenpost

Unterstützung beim Einkaufen oder bei Reparaturen: Die Nachbarschaftshilfe ist seit drei Jahren aktiv. Die Förderung läuft Ende des Jahres aus.

Berlin. Im Sommer 2019 war Marco Schulz auf dem Weg zur S-Bahn, als er einen neuen Laden in der Berlinickestraße entdeckte. Neugierig geworden, freute er sich, als am Abend immer noch die Tür offenstand. Der 52-Jährige ging hinein, fragte nach und entschied: „Nachbarn kennenlernen finde ich gut.“ Fast vom ersten Tag an ist der selbstständige IT-Berater bei der „Nachbarschaftshilfe Steglitz-Zehlendorf“ als ehrenamtlicher Helfer dabei. Er hat Möbel gerückt, einen alten Mann beim Einkaufen begleitet, lockere Kontakte aufgebaut, zum Treffen und Reden. Derzeit gibt er einem Schüler indischer Herkunft Nachhilfe in Deutsch. Demnächst will er mit einem Vierjährigen basteln und handwerkeln.

Das ist zumindest sein Plan. Ob es tatsächlich so kommen wird, ist noch unsicher. Die Förderung für die Nachbarschaftshilfe läuft im Dezember 2021 aus. Eine Anschlussfinanzierung konnte noch nicht gefunden werden. Sowohl das Land Berlin als auch der Bezirk Steglitz-Zehlendorf haben zwar ihre Unterstützung zugesichert und unterstrichen, wie wichtig das Projekt ist. „Aber sie geben kein Geld“, sagt Nina Karbe, eine der drei Mitarbeiterinnen. Im Moment haben sie 180.000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Mindestens 120.000 Euro müssten es sein, um die Arbeit sinnvoll fortzusetzen, sagt Karbe. Diese Summen wollen sie jetzt über Spenden finanzieren, damit es weitergeht. „Es wäre schade, wenn die Community, die entstanden ist, wieder zerfallen würde“, sagt Marco Schulz.

Das Projekt geht auf eine Initiative des Vereins Mittelhof zurück, der Angebote für Kinder, Jugendliche, Familien und Ältere in allen Lebensbereichen macht. Als die Unternehmerin Susanne Klatten erklärte, dass sie 100 besondere Projekte mit 100 Millionen Euro fördern will, setzten sich die Mitarbeiter des Vereins zusammen und überlegten, in welchem Bereich die Menschen im Bezirk noch Hilfe bräuchten. So kamen sie auf die Idee: „Viele Senioren wollen auch noch im Alter zu Hause bleiben, doch das geht oft nur mit Unterstützung“, erläutert Nina Karbe die Idee, mit der der Verein dann Erfolg hatte. Unter 900 Anträgen gehörte die Nachbarschaftshilfe zu den 95 geförderten Projekten.

In den vergangen zwei Jahren waren insgesamt 350 Nachbarschaftshelfer im Einsatz. Sie haben Senioren, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen, alleinerziehende Mütter und Väter oder Familien mit Migrationshintergrund unterstützt. Ihre Hilfsangebote betreffen alle Bereiche: Spazierengehen, Einkaufen, gemeinsam Zeit verbringen, Hausaufgabenbetreuung, Reparaturen. „Gerade rief jemand an, der übermorgen eine Begleitung zum Arzt braucht“, sagt Mitarbeiterin Selma Weigelt. Für sie heißt das: schnell telefonieren, um einen Freiwilligen zu finden, der Zeit hat. Die Nachbarschaftshelfer sind zwischen 18 und 72 Jahren alt, die meisten jedoch zwischen 30 und 60.

Ihr Einsatz wird von den drei Mitarbeiterinnen koordiniert, die in der Anlaufstelle an der Berlinickestraße 9 anzutreffen sind. Es ist ein Ladengeschäft mit großen Schaufenstern, vor dem eine Bank mit einer Bücherkiste steht. „Damit haben wir fast gar nichts mehr zutun“, erzählen die Mitarbeiterinnen. Die Nachbarn würden sie selbstständig füllen und sich Bücher herausnehmen. Manchmal lande ein Buch nach dem Lesen wieder in der Kiste. Ins Büro kommen Menschen, die Hilfe suchen aber auch die Hilfe anbieten, viele rufen einfach an. Aufgabe der Mitarbeiterinnen ist es dann, die richtigen zusammenzubringen. „Es ist ein bisschen wie beim Paarshippen, nur das der Sachverstand und nicht die Algorithmen Menschen miteinander in Kontakt bringen“, sagt Marco Schulz. Seine erste Aktion als ehrenamtlicher Helfer hatte sich der Steglitzer selbst ausgesucht. Mit dem Fahrrad ist er zu 30 Apotheken gefahren, um Flyer zu verteilen und das Projekt bekannt zu machen. „Dort sind immer alte Leute, die Hilfe oder Rat suchen“, sagt Marco Schulz. Eine einmalige Aktion war der Einsatz bei der 90-jährigen Dame, die umgezogen war, aber nicht zufrieden damit, wie die Möbel standen. Also hat er Regale ausgeräumt, umgestellt, eingeräumt, Schränke auseinandergebaut und am neuen Platz wieder aufgebaut.

Mit einem gehbehinderten Mann, Mitte 70, hat er ein so genanntes Tandem gebildet. Ihn hat er dauerhaft einmal die Woche zum Einkaufen gefahren. „Und viel dabei gelernt“, sagt Schulze. Er habe andere Läden und Schnäppchen entdeckt. Und viel von dem Mann erfahren, der „eine spannende Vita“ hat. Für den 52-Jährigen ist es ein Geben und Nehmen. Vor allem aber ein einmaliges Projekt, das als Blaupause viele Nachahmer finden sollte.