Berliner helfen

Wie Begabung gefördert werden kann

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Petra Götze
Dagmar Schilling (l.) mit der Biologin Dr. Sonja Heinzen und Noah beim Experiment

Dagmar Schilling (l.) mit der Biologin Dr. Sonja Heinzen und Noah beim Experiment

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Das Fibonacci-Programm fördert außergewöhnlich begabte Kinder aus sozial benachteiligten Familien mit ehrenamtlichen Mentoren

Berlin. Sechs durchsichtige Plastikbecher stehen auf dem Tablett auf Sonja Heinzens Wohnzimmertisch. Je nachdem, welche Flüssigkeit sie nun hineingibt, färben sich die Flüssigkeiten darin blau, rot oder milchig grün. „Seife oder Säure, das ist hier die Frage“, erläutert die promovierte Biologin, während der zehnjährige Noah genau aufpasst, was sie hineingibt.

„Alles ganz normale Dinge aus dem Haushalt, wie Essig oder Zitronensäure. Beim Einkauf halte ich immer schon Ausschau nach Sachen, die ich für die Experimente gebrauchen kann“, sagt Sonja Heinzen.

Die 61-Jährige ist ehrenamtliche Mentorin bei Fibonacci, einem Programm zur Förderung hochbegabter Kinder mit Migrationshintergrund, einer Behinderung oder einem sozial schwachen Elternhaus. „Wir machen keine Elitenförderung, sondern wir wollen Kindern mit einer nicht erkannten oder nicht ausreichend geförderten Hochbegabung helfen“, sagt Dagmar Schilling, Gründerin des Mentoren-Programms „Fibonacci“, das nach einem berühmten Mathematiker des 13. Jahrhunderts benannt ist.

„Fibonacci“: Hochbegabte Kinder gelten oft als anstrengend

Oft wenden sich Lehrer oder Schulpsychologen an „Fibonacci“, denn hochbegabte Kinder werden in ihrem Umfeld oft als sehr anstrengend oder störend wahrgenommen. Viele Kinder geben keine Ruhe, bis Fragen zufriedenstellend beantwortet sind. Auf Unterforderung durch Routine-Aufgaben oder Wiederholungen in der Schule reagieren sie mit Verweigerung und Desinteresse: Ausgeprägtes Interesse für Spezialgebiete macht sie in den Augen der Mitschüler zu Außenseitern.

„Wir hatten im Programm einen hochintelligenten kleinen Jungen, der sich nur für Paläontologie interessierte. Als Mentor konnte ich für ihn einen jungen Forscher am Naturkundemuseum gewinnen. Das Kind war glücklich, endlich einen kompetenten Gesprächspartner gefunden zu haben. Sein Sozialverhalten im Umgang mit anderen verbesserte sich deutlich“, berichtet Diplom-Pädagogin Dagmar Schilling.

Noah, der Schützling von Biologin Sonja Heinzen, besucht die 5. Klasse und interessiert sich eigentlich für alles in der Schule. Neben Deutsch und Englisch mag er Biologie, Mathematik, Musik und Geschichte. Immer Mittwochs besucht er seine Mentorin, die in Lichterfelde in seiner Nachbarschaft wohnt. Meistens hat sie dann schon ein Experiment vorbereitet. „Am liebsten mag ich die mit Schokolade“, sagt Noah. Er genießt die Stunden bei seiner Mentorin, die mit ihm auch Bücher liest, naturwissenschaftliche Fragen diskutiert und seinen Wissensdurst stillt.

Neue Aufgabe nach einer Krebserkrankung

„Mein Ehrgeiz ist es, komplexe Prozesse einfach darzustellen und so die Kinder an wissenschaftliches Denken heranzuführen“, sagt die promovierte Biologin.

Nach einer schweren Krebserkrankung konnte sie nicht mehr in ihrem Beruf als wissenschaftliche Angestellte an der Uniklinik Bonn arbeiten. „Ich musste mich damit abfinden und mir eine neue Aufgabe suchen“. Sonja Heinzen verließ die Forschung und entdeckte die Arbeit mit Kindern für sich.

Drei Tage pro Woche arbeitet sie in einem Hort, 2017 lernte sie bei einem Nachbarschaftstreff Dagmar Schilling und das Programm „Fibonacci“ kennen. Seitdem engagiert sie sich ehrenamtlich als Mentorin für Noah und zwei weitere Kinder. „Ich habe keinen eigenen Kinder und Enkel, aber man kann sich ja trotzdem um die junge Generation kümmern“, meint sie.

Als Mentorin ein „Sechser im Lotto“

Für Dagmar Schillings Mentoren-Programm ist die Biologin Sonja Heinzen wie ein Sechser im Lotto: „Ich versuche Menschen zu finden, die sich für ein bestimmtes Gebiet begeistern und das weitergeben wollen. Als Vorbilder inspirieren und motivieren sie die Kinder zum Lernen“, sagt Dagmar Schilling.

Der zehnjährige Noah findet es „cool“, mit Sonja Heinzen eine Lehrerin ganz für sich allein zu haben. Ein klares Ziel hat er auch schon: er möchte Forscher werden und Tiere vor dem Aussterben retten.

„Fibonacci“: Programm für hochbegabte Kinder aus sozial schwachen Familien

Seit 2010 unterstützt das Mentorenprogramm „Fibonacci“ hochbegabte Kinder im Alter von 9 bis 13 Jahren in ihrer Lernfreude.

Die Mentorinnen und Mentoren stehen einem Kind für mindestens ein Jahr verbindlich zur Seite. Sie sind Zeitschenker und bieten ihre Begleitung ehrenamtlich an. Ihre Rolle ist die eines Förderers, Gesprächspartners, eines Zuhörers, Inspirators und eines Vorbilds.

Die Kinder werden von Schulen, Schulpsychologen oder Begabten-Vereinen vorgeschlagen. Das Programm fördert Kinder mit Migrationshintergrund, einer Behinderung oder aus sozial benachteiligten Familien.

Wer sich für eine Aufgabe als Mentor interessiert kann sich wenden an Dagmar Schilling, Tel. 0157 - 73 42 59 33 oder per E-Mail an fibonacci@aspe-berlin.de.