Berliner helfen

Wie blinde Kinder die Welt entdecken

| Lesedauer: 4 Minuten
Katrin Lange
Die Kinder der Vorschulklasse mit einem neuen „Little Room“.

Die Kinder der Vorschulklasse mit einem neuen „Little Room“.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

In der Zeune-Blindenschule helfen „Little Rooms“ den Kindern bei der Orientierung - dank einer Spende von Berliner helfen e.V.

Berlin. Der Morgen beginnt seit kurzen im Vorschulraum der Johannes-August-Zeune-Schule für Blinde in Steglitz mit einem neuen Ritual: Wenn Nikolaj ankommt, wird er als erstes in ein kleines Häuschen gelegt, einen sogenannten Little Room.

Die Little Rooms helfen, ein Raumgefühl zu entwickeln

Das sind drei Wände mit einem Dach, die auf dem Boden auf einer Matratze stehen. Die Vorderseite ist offen, darin verschwindet der Junge mit Kopf, Oberkörper und Armen. Nur die Beine schauen raus. Als erstes geht die Spieluhr an. Das ist das Signal für den Sechsjährigen: Der Tag beginnt.

Nikolaj ist blind und sitzt im Rollstuhl, wie auch seine Mitschüler Lennard und Mohamed. Demnächst kommt noch ein viertes Kind in die Vorschule. Sie können neuerdings nicht nur die Little Rooms nutzen, sondern auch Litescouts - Leuchttafeln, die durch das Tasten von verschiedenen geometrischen Figuren die Wahrnehmung verbessern. Möglich wurde die Anschaffung der neuen Materialien mit einer Spende von 25.000 Euro, die der Verein Berliner helfen der Berliner Morgenpost aus einer Erbschaft finanziert hat.

Berliner helfen e.V. spendet 25.000 Euro aus einer Erbschaft

Der Erblasser war selbst körperbehindert und hat bestimmt, dass sein Erbe behinderten Kindern und Jugendlichen zugute kommen soll.

„Wir sind so froh über diese Spende, damit konnten wir die Sachen schnell und unbürokratisch kaufen“, sagt Sophia Schmidt-Hieber, stellvertretende Schulleiterin und Vorsitzende des Fördervereins. Dank weiterer Spenden durch die Aktion Augelnlicht des Vereins Together e.V. konnte auch der Vorschulraum renoviert werden. Jetzt sind die Wände frisch gestrichen, Schränke und Tische wurden neu angeschafft. Geplant ist jetzt noch die Anschaffung von IPads, die mit einer speziellen Software die Kinder anregen, Objekte zu erkennen und zu benennen. Bewegt sich etwas, können sie es fixieren, verfolgen und zuordnen. Damit können die Kinder besser gefördert werden.

Insgesamt 106 Kinder besuchen die Blindenschule an der Rothenburgstraße 14 in Steglitz. Etwa 70 Mitarbeiter kümmern sich um sie, dazu gehören Lehrer, Erzieher, Betreuer bis hin zum Hausmeister. Um sich in der Schule besser zurechtzufinden hat jede Etage eine eigenen Farbe, es gibt blaue und rote Gänge und Kontrastfarben an den Fußleisten.

Tablets helfen beim lebenspraktischen Unterricht

In einem Klassenzimmer läuft gerade der „lebenspraktische Unterricht“. Die Schüler sitzen um einen Tisch, es werden Eier aufgeschlagen, ein Teig wird angerührt. Die Betreuerinnen unterstützen die Kinder beim Halten des Mixgerätes oder beim Kneten. „Mit den IPads werden die Kinder noch mehr Selbstbestimmung erfahren“, sagt Sophia Schmidt-Hieber. Denn das Gerät spricht mit ihnen, sie können aber auch Dinge antippen, wie Äpfel oder Bananen. So wird die Wahrnehmung und die Kommunikation unterstützt.

Zurück im Vorschulraum: Lennard liegt jetzt im Little Room. An den Wänden sind verschiedene Dinge angebracht. Eine Knisterfolie raschelt, ein Glöckchen hängt an einem Gummiband herunter, ein Ball, ein Plüschmäuschen und Ketten wurden an den Seiten angebracht. Alles kann ausgetauscht werden, so kommen auch Babyrasseln zum Einsatz oder besonders leuchtende Folien. Die können die Kinder, die teilweise noch einen Sehrest haben, auch erkennen.

„Wenn das Kind nicht zum Raum gelangen kann, muss der Raum zum Kind gelangen“ – das war das Leitmotiv für Lilli Nielsen, als sie das Konzept für die Little Rooms entwickelt hat. Mit einem Stecksystem aus Metallrohren können variable kleine Räume gebildet werden. Dafür werden die Seitenwände ausgetauscht und breiter oder länger gemacht. So haben die Kinder auch immer wieder neue und andere räumliche Erfahrungen beim Tasten und Hören. „Wenn sie etwas berühren und es klappert, lernen sie Ursache und Wirkung kennen“, sagt die Erzieherin im Vorschulraum.

Förderung von Selbstvertrauen und Eigeninitiative

Im Mittelpunkt der vorschulischen Förderung der blinden und sehbehinderten Kitakinder steht an der Zeune-Schule die Freude am Lernen und die Entwicklung von Selbstvertrauen. Selbstständigkeit erlangen sie im Kontakt mit anderen durch Denken, Fühlen und Bewegung. Von der Spende konnte auch ein neues Holzsprossen-Dreieck für den Bewegungsraum angeschafft werden. Daran lernen die Kinder, sich hochzuziehen, zu steigen oder durch das Gerät zu krabbeln. Das hilft ihnen dabei, jeden Tag ein bisschen mehr Eigeninitiative zu entwickeln und die Welt zu entdecken.