Nachbarschaftsheim Schöneberg

Zum Theaterspielen ist man nie zu alt

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Petra Götze
Die "Spätzünder" bei der Probe für ihr Stück "Eine Frau wird erst schön in der Küche". 

Die "Spätzünder" bei der Probe für ihr Stück "Eine Frau wird erst schön in der Küche". 

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

„Die Spätzünder“ treten in Seniorenheimen und Grundschulen auf. Ihre Stücke und Texte schreiben sie selbst - mit Lebenserfahrung und guter Laune

Berlin. Die Mikrofone stehen bereit, die Requisiten auch und Gitarrist Bernd Boussard sitzt schon in einer Art überdimensionierter Suppentasse und zupft an den Saiten. Eva Bittner gibt das Stichwort und dann heißt es „Bühne frei“ für die Theaterprobe der „Spätzünder“.

Die „Spätzünder“ können endlich wieder proben

Die Bühne ist an diesem Mittwoch der Innenhof des Nachbarschaftsheims Schöneberg in der Holsteinischen Straße, neun Ensemble-Mitglieder sind in Kostüm und Maske und froh, überhaupt wieder live miteinander proben zu können. „Während des Corona-Lockdowns haben wir immer Kontakt gehalten über Videokonferenzen, aber es ist doch ganz anders, wenn man sich persönlich trift“, sagt Ilka Inwinkel, die seit 21 Jahren bei den „Spätzündern“ mit macht. „Ich bin sozusagen ein Frühzünder“, sagt die 73-jährige.

Casting für die Aufnahme in die Theatergruppe

Erst seit zwei Jahren dabei ist Manuela Weidkamp-Smith, die früher beim Rundfunk gearbeitet hat und sich mit dem Theaterspielen einen Traum erfüllt. Für die Aufnahme hat sie sich bei einer Art Casting beworben, man muss reinpassen in die Gruppe“, sagt sie.

„Die Spätzünder“ sind eine von vielen Theatergruppen beim „Theater der Erfahrungen“, einem Projekt des Nachbarschaftsheims Schöneberg, das vor 40 Jahren als Amateurtheater für alte Menschen gegründet worden ist.

„Eine Frau wird erst schön in der Küche!“ lautet der Titel der ironisch-satirischen Küchenrevue, die an diesem Mittwoch geprobt wird. Die Kostüme sind aus dem typischen Küchenhandtuchstoff geschneidert, gesungen werden selbst geschriebene Texte zu bekannten Schlagermelodien wie „Als Bolle jüngst zu Pfingsten“, „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ oder „17 Jahr, blondes Haar“.

Der seit 2014 einzige Mann im Ensemble, Diethelm Wohnhas (67) ist auf der Bühne Hahn im Korb und gibt den begehrten Küchenjungen, der von den Küchenfeen mehr oder weniger kritisch beäugt, umgarnt oder herumgescheucht wird. Bei kleinen Textschwächen souffliert Eva Bitttner oder es hilft ein Blick auf den Spickzettel am Arm. „Die Lieder haben wir schon lange einstudiert, nur die gesprochenen Passagen sind neu“, erklärt Anne Kratz, mit 85 Jahren die älteste der Gruppe und seit 19 Jahren dabei.

Bekannte Schlagermelodien mit neuen Texte

Die Spielfreude der Darstellerinnen und des „Küchenjungen“, die bekannten Melodien und die Texte im Berliner Jargon sorgen beim Probenpublikum für gute Laune. Da wird „jemeckat und jekleckat, und der Justav, der olle Stiesel, endet mit nem Küchenmessa im Rücken inna Havel“.

Geprobt wird einmal in der Woche, das Stück wird im Rahmen der Berliner Seniorenwoche am 18. August 2021 öffentlich in der Villa Lützow aufgeführt. „Normalerweise treten wir in Senioren- oder Pflegeheimen auf. In Wolfsburg haben wir vor hochbetagten Heimbewohnern gespielt, und mit der Musik erreichen wir sie alle“, erzählt Karla Schultz, 78 Jahre alt und seid 32 Jahren beim Theater der Erfahrungen dabei.

Aber auch Grundschulen in Brandenburg haben die „Spätzünder“ schon zu Projektwochen eingeladen. „Die Kinder haben sich nach anfänglicher Schau dann richtig gefreut auf die Omas vom Theater“, erzählt Ilka Inwinkel. Die Stücke, die die „Spätzünder“ aufführen, richten sich auch nach den Orten, an denen sie auftreten. Die Inszenierung „Berta stirb endlich“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Hospiz Schöneberg-Steglitz, „Vergissmeinnicht“ ist in Zusammenarbeit mit Demenzkranken entstanden.

Alle Darsteller treten ehrenamtlich ohne Gage auf, in diesem Jahr wird das Theater der Erfahrungen mit EU-Mitteln für bürgerschaftliches Engagement gefördert.

Auftritt mit Lebenserfahrung

Das Theater der Erfahrungen ist ein mobiles Laientheater, dessen Name Programm ist. Es gibt drei Theatergruppen, die Spätzünder, die Bunten Zellen und die Gruppe OstSchwung, in denen die Mitglieder ab 50 Jahren aufwärts ihre Stücke und Texte selbst entwickeln. Mit Tragik und Komik, bringen sie Geschichten, die das Leben schreibt, auf die Bühne.

Für theaterbegeisterte Senioren bietet das Theater der Erfahrungen regelmäßig Workshops an. Die Theatergruppen spielen auf Einladung fast überall. In der Regel wird lediglich eine Aufwandsentschädigung erhoben. Träger des Seniorentheater-Projektes ist das Nachbarschaftsheim Schöneberg. Wer einen Auftritt buchen oder selbst Theater spielen möchte wendet sich an Eva Bittner, 030 8 55 42 06, E-Mail: theater-der-erfahrungen@nbhs.de