Berliner helfen

„Bei Familienbegleitung geht es um Vertrauen und Respekt“

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Petra Götze
Die ehrenamtliche Familienbegleiterin Susanne Schöpke im Fischtal-Park in Zehlendorf.

Die ehrenamtliche Familienbegleiterin Susanne Schöpke im Fischtal-Park in Zehlendorf.

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Sercices

Familien brauchen nach einer Geburt Unterstützung. Ehrenamtliche Begleiterinnen springen ein, wenn Großeltern oder Freunde fehlen.

Berlin. Der Termin und Ort für das Treffen sind perfekt: Es ist ein überraschend warmer Sommertag und im idyllischen Fischtal-Park in Zehlendorf genießen an diesem Dienstagvormittag einige wenige Spaziergänger die Sonne. „Hier bin ich auch gern mit den Kindern unterwegs“, sagt Susanne Schöpke.

Ehrenamtliche unterstützen Mütter nach der Geburt

Sie ist ehrenamtliche Familienbegleiterin für wellcome und unterstützt junge Familien nach der Geburt eines Kindes. Für die Aufgabe hat sie sich vor zwei Jahren entschieden und sie bringt dafür die ideale Voraussetzung mit: Susanne Schöpke hat 46 Jahre lang als Kinderkrankenschwester gearbeitet, war in der Rettungsstelle und im Operationssaal im Einsatz. „Der Abschied in die Rente war mir dann etwas zu abrupt. Mein Sohn lebt nicht in Berlin, so dass ich auch meine Enkelkinder nicht oft sehe - seit Corona schon gar nicht“, erzählt die 67-jährige. Sie hat nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit gesucht und im Internet wellcome entdeckt.

Moderne Nachbarschaftshilfe für junge Eltern

Die gemeinnützige Organisation wellcome hilft Familien nach der Geburt, wenn kein eigenes Netzwerk vorhanden ist, das in dieser Zeit unterstützen kann: Ehrenamtliche helfen für ein paar Monate bis zu einem Jahr ein- bis zwei Mal pro Woche ganz praktisch im Alltag, so wie es sonst Großeltern, Freunde oder Nachbarn tun würden. Eltern sein ist schon unter normalen Umständen oft eine Herausforderung. Die aktuelle Pandemie allerdings stellt auch „sattelfeste“ Familien auf die Probe: Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung beurteilen im Januar diesen Jahres 46 Prozent aller Eltern ihre Belastung in der familiären Situation als „stark“ oder „äußerst“, bei den Alleinerziehenden sind es sogar 55 Prozent.

Mütter leiden laut Umfragen stärker unter den pandemieverursachten Anstrengungen und Herausforderungen. Oft sind sie es, die versuchen, alles möglich zu machen – von den Freizeitaktivitäten der Kinder, über das Homeschooling, den Haushalt und dazu noch den eigenen Beruf. „Im Spagat zwischen Homeoffice, Homeschooling, Kinderbetreuung und Haushalt – besonders Mütter sind in der Corona-Pandemie einem starken Druck ausgesetzt. Diesen Druck ein wenig abzufedern, dafür setzt sich unsere Organisation ein“, sagt Katja Brendel, Landeskoordinatorin von wellcome in Berlin.

Wobei die Corona-Pandemie den Einsatz der Ehrenamtlichen doch deutlich erschwert. Susanne Schöpke wartet im Moment auf ihre zweite Impfung, bevor sie eine neue Familie übernehmen möchte. Ein Jahr lang hat sie sich um eine Familie mit einem Neugeborenen und zwei weiteren kleinen Kindern gekümmert, bis Corona kam. „Das hat viel Spaß gemacht, die Chemie mit der Mutter hat einfach gestimmt“, sagt sie. Darauf dass es passt zwischen den Familien und den Ehrenamtlichen, darauf achten die jeweiligen wellcome-Koordinatoren in den Bezirken.

Mütter nicht bevormunden sondern unterstützen

Der Einsatz der Familienbegleiterinnen soll möglichst Wohnort-nah erfolgen, jeweils ein paar Stunden in der Woche. „Das kann man ganz individuell ausmachen“, sagt Susanne Schöpke. „Für die Mutter ist es schon eine große Hilfe, wenn sie mal in Ruhe unter die Dusche kann, während ich mit dem Baby eine Runde spazieren gehe oder mit den kleinen Geschwistern auf dem Spielplatz verbringe.“

Die ehemalige Kinderkrankenschwester betont, dass es ganz wichtig sei, die Mütter nicht zu bevormunden, sondern zu begleiten und zu unterstützen. „Respekt und Vertrauen sind das Wichtigste bei der Familienbegleitung, auch den Kindern gegenüber. Natürlich muss man Grenzen setzen, aber auf besondere Befindlichkeiten auch Rücksicht nehmen“, sagt sie. Ratschläge gebe sie nur, wenn sie von den Müttern ausdrücklich um Rat gefragt werde. Genau so selbstverständlich sei es aber für sie auch, sich als Ehrenamtliche nicht ausnutzen zu lassen. „Natürlich packt man mit an, aber ich bin keine billige Haushaltshilfe die die Bügelwäsche erledigt“, sagt Susanne Schöpke. Wenn sie vollständig geimpft ist, freut sie sich, wieder eine Familie nach der Geburt zu begleiten. „Es ist so eine schöne Aufgabe, weil einem so viel Vertrauen entgegen gebracht wird und man so viel Positives erlebt“, sagt die Zehlendorferin. Bezahlt wird ihr Einsatz nicht, die Familien zahlen eine kleine Aufwandspauschale an wellcome. Um das Projekt zu finanzieren werden auch Spenden gebraucht.

Ehrenamt bei wellcome

Die Organisation wellcome hilft Familien nach der Geburt, wenn kein eigenes Netzwerk von Verwandten und Freunden vorhanden ist, das in dieser Zeit unterstützen kann. In Berlin gibt es das Angebot von wellcome seit 2007, umgesetzt wird es in Kooperation mit zwölf Kinder- und Jugendhilfeträgern an 17 Standorten. Wellcome ist in allen Bezirken mit etwa 240 Ehrenamtlichen aktiv. Allein im Jahr 2020 haben sie 255 Familien betreut und entlastet, weitere ehrenamtliche Familienbegleiter werden gesucht. Die nächste digitale Infoveranstaltung zum Ehrenamt bei wellcome findet am 21. Mai 2021 von 15 bis 16 Uhr statt.