Neukölln

Integration durch feinste Häkelarbeit

| Lesedauer: 4 Minuten
Petra Götze
Vor der Pandemie: Sevdije Fetahaj, Ann-Kathrin Carstensen und Noura El Monstafa (v.l.) im Atelier

Vor der Pandemie: Sevdije Fetahaj, Ann-Kathrin Carstensen und Noura El Monstafa (v.l.) im Atelier

Foto: Maurizio Gambarini

Eine Diplomdesignerin hat ein Label für hochwertige Accessoires gegründet. Dabei unterstützt sie muslimische Frauen.

Normalerweise hört man herzliches Lachen, wenn man an der Kienitzer Straße 101 in Neukölln vorbeiläuft. Durch die Fensterscheiben entdeckt man eine Gruppe von Frauen, die eifrig häkeln. Doch in Corona-Zeiten ist Ann-Kathrin Carstensen, Gründerin von „Rita in Palma“, einem Label für hochwertige, handgefertigte Accessoires, allein im Atelier. Die Häkelköniginnen, wie sie ihre Mitarbeiterinnen liebevoll nennt, arbeiten während des Lockdowns im Homeoffice. Normalerweise ist es auch ein Raum des interkulturellen Austauschs, denn die handwerklichen Unikate werden von Frauen aus der Türkei, Syrien, Pakistan, Libanon und dem Kosovo hergestellt.

Seit 2012 arbeitet Diplomdesignerin Carstensen mit migrantischen Frauen zusammen, die hochkomplexe, jahrhundertealte Häkeltechniken beherrschen, und interpretiert das türkische Kunsthandwerk durch innovatives Design neu. Die Designerin verbindet dabei Mode mit integrativer Arbeit und Female Empowerment. Eine Idee, die ankommt: die Crochet Couture aus Neukölln hat es bereits in die Vogue geschafft, zu den Fans der kunstvollen Kragen und Schmuckstücke zählen die Moderatorin Nazan Eckes und sogar Michelle Obama.

Verein engagiert sich für die Stärkung der Frauen

Die 42-jährige Designerin verfolgt eine soziale und nachhaltige Vision. Sie hat neben dem Modelabel den gemeinnützigen Verein „von Meisterhand“ gegründet, der sich der Integration und Bildung und damit der Stärkung von muslimischen Frauen widmet. Ein Engagement, das mit dem Sonderpreis der Bundeskanzlerin im Rahmen des Start Social Wettbewerbes und dem Hatun-Sürücü-Preis der Grünen ausgezeichnet wurde. „Manche Frauen hatten kaum Deutschkenntnisse, viele steckten in der Langzeitarbeitslosigkeit und waren nicht integriert“, sagt Ann-Kathrin Carstensen. Im Verein lernen sie Deutsch, treiben Sport, erhalten Coachings und Unterstützung bei Behördengängen.

Eine Beratungstätigkeit, die auch im Lockdown digital fortgesetzt wird. „Was ich dabei besonders liebe, ist, dass wir gegenseitig voneinander lernen und es keine Einbahnstraße ist. Wir begegnen uns mit Humor, Wertschätzung und immer auf Augenhöhe. Die Frauen merken, dass ihre Fähigkeiten gebraucht werden, das trägt zu einem besseren Selbstwertgefühl bei“, erzählt die Vereinsgründerin und fügt hinzu: „Verknüpfung ist ein schönes Bild für das, was wir bei Rita in Palma und mit dem Verein von Meisterhand e.V. machen. Ganz konkret mit unseren in stundenlanger Handarbeit geknüpften Schmuckstücken. Aber auch in der Verbindung von verschiedenen Kulturen und dem Neuartigen, das daraus entsteht.“

Gerade jetzt merken die Frauen, wie wichtig ihnen die Gemeinschaft ist, wie sehr ihnen das Zusammensein fehlt, die Gespräche bei der Arbeit und die Frauenfrühstücke. „Diese Momente gehören für mich genauso dazu wie die Arbeit selbst. Das ist auch etwas, das ich von den Frauen gelernt habe: Eine Rückkehr zur Menschlichkeit, sich gegenseitig helfen – hierin liegt enormes gesellschaftliches Potenzial!“, sagt die Designerin.

Handarbeit soll offizieller Ausbildungsberuf werden

Als Mutter eines Sohns und einer Tochter erinnert Carstensen daran, dass Frauen oft der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration ganzer Familien sind. Sie sind Vorbilder für ihre Kinder und können deren Zukunft besser mitgestalten, wenn sie selbst Perspektiven haben. Deswegen kämpft sie auch dafür, Handarbeit als offiziellen Ausbildungsberuf anerkennen zu lassen und für kommende Generationen zukunftsfähig zu machen. „Wir möchten die Kunstform vor dem Aussterben retten und auch jugendliche Migrantinnen dafür begeistern. Die türkischen Frauen, mit denen alles anfing, geben ihr Wissen jetzt schon erfolgreich weiter, und wir möchten unbedingt eine Ausbildungsstätte aufbauen“, sagt Ann-Kathrin Carstensen.

Derzeit bietet „von Meisterhand“ Schülerpraktika und Praxissemester für Studierende an. Die Leidenschaft von Ann-Kathrin Carstensen ist ansteckend, und vielleicht wird auch ihr großer Traum – eines Tages gemeinsam eine soziale Manufaktur zu gründen und große Couture-Häuser wie Chanel mit ihrer Handarbeit zu beliefern – in Erfüllung geht.

Bildung und interkultureller Austausch

Der Verein „von Meisterhand e. V.“ bietet mit dem wöchentlichen Deutschunterricht, einem Yogakurs und dem Frauenfrühstück nicht nur einen geschützten Raum für interkulturellen Austausch, sondern organisiert im Rahmen öffentlich geförderter Beschäftigung verschiedene Bildungsangebote. Damit sollen vor allem geflüchtete und migrantische Frauen erreicht werden. Es gibt Unterstützung bei Behördengängen und dem Schriftverkehr mit Ämtern. Dabei steht auch die (Aus-)Bildung der Kinder der Projektteilnehmerinnen im Fokus. Kontakt und weitere Informationen gibt es auf der Website oder per E-Mail an info@von-meisterhand.com