„Berliner helfen“

Mentoren sollen Begabung fördern

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Rebecca Schuler hilft als Mentorin einer neunjährigen Schülerin in Neukölln.

Rebecca Schuler hilft als Mentorin einer neunjährigen Schülerin in Neukölln.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Das Projekt „Neuköllner Talente“ will Bildungschancen benachteiligter Kinder verbessern.

Berlin. Seit Rebecca Schuler und die neunjährige Esra sich kennen, herrscht Ausnahmezustand. Wäre die Pandemie nicht, würden die beiden gemeinsam Ausflüge machen, Schönes erleben und auf die Suche nach Esras Talenten gehen. Die nämlich sind der Grund, warum die zwei überhaupt zusammengefunden haben. Sie sind ein Tandem des Projekts „Neuköllner Talente“ der Bürgerstiftung Neukölln. Dabei fördern Ehrenamtliche ein Jahr lang gezielt je ein Kind aus dem Bezirk. In erster Linie geht es bei dem Mentoring nicht um schulische Erfolge. Vielmehr soll das Kind Selbstvertrauen entwickeln und angeregt werden, eigenen Neigungen zu folgen, sei es im Sport, bei dem Erlernen eines Instruments oder einem bestimmten Berufswunsch. „Im Tandem erweitern die Kinder ihren Radius und entdecken Neues. Sie machen zum Beispiel Exkursionen in andere Bezirke, lernen Radfahren oder Schwimmen“, sagt Projektleiterin Franziska Haberland. Auch, dass jemand sich als virtuoser Musiker oder ehrgeizige Ärztin in spe entpuppt, ist schon vorgekommen.

Eltern können selbst nicht bei Schulaufgaben helfen

Die Psychologiestudentin Rebecca Schuler hat sich für eine Patenschaft entschieden, weil ihr diese Herangehensweise gefallen hat. Schuler wohnt gerne in Neukölln, hat aber oft das Gefühl, dass unterschiedliche Bevölkerungsgruppen aneinander vorbeileben. Sie wollte ein Ehrenamt machen, das die Leute verbindet. Diese Idee steckt im Projekt, das Vorurteilen etwas entgegensetzen will. Junge Menschen aus Einwandererfamilien würden häufig die Erfahrung machen, dass ihr Migrationshintergrund als Makel gesehen wird, erzählt Franziska Haberland aus Erfahrung. Etwa würden Kindern von Lehrern bestimmte Abschlüsse oder Berufe nicht zugetraut. Deshalb sei es wichtig, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und ihnen das eigene Potenzial zu zeigen.

Das versuchen natürlich auch viele Eltern. Diejenigen, die sich bei der Bürgerstiftung melden, merken aber, dass sie dabei an ihre Grenzen stoßen. Oft wollen gerade Eltern, die sich selbst nicht viel bilden konnten oder nicht gut Deutsch sprechen, dass ihre Kinder es einmal einfacher haben. Beim Aufstieg helfen könne aus der Familie aber niemand. Es ist ein sensibles Feld, in dem sich die Ehrenamtlichen bewegen. Wichtig ist, Eltern nicht das Gefühl zu geben, man wolle sie erziehen oder verbessern. Schließlich sei es ein Vertrauensbeweis, sein Kind in die Obhut einer fremden Person zu geben. Das Mentoring soll die Eltern ergänzen, etwa, wenn bei mehreren Geschwistern wenig Zeit für den Einzelnen bleibt.

Bei den „Neuköllner Talenten“ zeigt sich: Kinder aus Familien mit wenig Bildungszugang haben es besonders schwer. „Corona macht deutlich, wie groß die Schieflage immer noch ist“, sagt Haberland. „Schulerfolge richten sich danach, wie stark Eltern ihre Kinder unterstützen können.“ Das erzählt auch Rebecca Schuler von ihrer Patenschaft. Sie und Esra lernten sich im Juni 2020 kennen. Beide wurden nach Profil füreinander ausgesucht. Ein lockeres Treffen, bei dem sich die Tandems selbst finden, war im vergangenen Jahr wegen der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie nicht möglich. Und auch sonst hatten die beiden wenig Gelegenheit, gemeinsam die Seele baumeln zu lassen.

Mentorin Rebecca Schuler hilft dem Mädchen mit kurdischen Wurzeln vor allem bei den Hausaufgaben. Esras Mutter ist alleinerziehend, nicht alle deutschen Sätze versteht sie gut. Auch wenn ihre drei Kinder dieses Problem nicht haben, tun sich immer wieder Fragen zu Schularbeiten auf, die sich nicht klären ließen. Regelmäßig würde Esra ein Pensum an Aufgaben bekommen, mit dem sie größtenteils allein zurechtkommen müsste, wenn es ihre Patin nicht gäbe. Über die Unterstützung ist Esra sehr froh. Sie bedanke sich immer wieder herzlich, sagt die Mentorin. Sie hat zu der Familie des Mädchens ein gutes Verhältnis aufgebaut. „Die Beziehung zu Esra war von Anfang an schön“, sagt sie. Trotz der widrigen Umstände.

Die Bürgerstiftung Neukölln widmet sich seit 2005 dem Austausch unterschiedlicher ethnischer, sozialer und kultureller Gruppen in der Neuköllner Nachbarschaft. Sowohl auf ideeller als auch auf finanzieller Ebene fördert sie Talente und Impulse im Bezirk. Darüber hinaus vernetzt und unterstützt sie ehrenamtliches Engagement. Sie ist stolz auf die Vielfalt und das Potenzial von Neukölln und will den Bezirk zu einem Vorbild für interkulturelles Mit-einander machen.

Bürgerstiftung Neukölln

Mit dem Projekt „Neuköllner Talente“ werden Neuköllner Kinder im Grundschulalter unterstützt, zu entdecken und zu zeigen, was in ihnen steckt. Ehrenamtliche Paten besuchen mit den Kindern Bibliotheken und Museen, machen gemeinsam Sport und helfen bei Schulaufgaben. Weitere Informationen im Internet unter www.neukoelln-plus.de