Berliner helfen

"Der Frost und die Kälte sitzen tief"

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Ein Obdachloser wird in der Ambulanz der Stadtmission von Krankenschwester Anja behandelt.

Ein Obdachloser wird in der Ambulanz der Stadtmission von Krankenschwester Anja behandelt.

Foto: Berliner Stadtmission/Janine Fritsch

Die Notfallambulanz der Berliner Stadtmission versorgt Obdachlose und Menschen ohne Krankenversicherung.

Berlin. Pflaster, Wundauflagen, Kompressen. Dicht an dicht stehen unterschiedliche Verbandsmaterialien nebeneinander. Wer in den Aufbewahrungsschrank der Notfallambulanz greift, hat selten mit dem ersten Griff das gewünschte in der Hand. Dabei ist Zeit in der Lehrter Straße 68 sehr wertvoll: Es ist Freitagmorgen, 9 Uhr. Erst in zwei Stunden geht die Sprechstunde los und vor der Tür warten schon fünf Männer. Sie stammen aus unterschiedlichen Ländern, sprechen verschiedene Sprachen und haben alle keine Krankenversicherung.

Kein Obdach und keine Krankenversicherung

Mit ganz unterschiedlichen Schmerzen und Beschwerden ist jeder von ihnen gekommen. Michal ist 35 Jahre alt und kommt aus Polen. Der Mann ohne Obdach leidet unter chronischer Neurodermitis – und gehört zu den Stammpatienten. Svetlana Krasovski-Nikiforovs leitet die Notfallambulanz. Sie lässt Michal hinein. Etwa 45 Minuten wird die Behandlung dauern. Der junge Mann legt sich auf eine Liege im beengten Behandlungszimmer. Er krempelt sein Hosenbein hoch und die Krankenschwester beginnt mit der Behandlung. „Zuerst müssen die Krusten ab“, erklärt Svetlana Krasovski-Nikiforovs. Dann kann sie die Wunden mit Salben und Wundauflagen versorgen.

Für das Heraussuchen des geeigneten Verbandsmaterials braucht sie kostbare Zeit. „Leider haben wir keinen Verbandssystemschrank“, erklärt sie. Ein normaler Hängeschrank dient zum Aufbewahren des Verbandsmaterials. Die Medikamente liegen ordentlich in beschrifteten Pappkartons – das schafft Übersicht. „Aber desinfizieren lassen die sich nicht“, erklärt sie.

Passanten erschrecken vor Kranken

In der Zwischenzeit hat sie mit geübten Handgriffen nicht nur Michals Beine versorgt, sondern auch seinen Kopf von den Krusten befreit. Wenn er wieder mal einen Schub Neurodermitis hat, sieht er schlecht aus. Passanten machen dann einen noch größeren Bogen um ihn.

„Wenn jemand Flechten an Händen und im Gesicht hat, dann macht das den Menschen Angst“, weiß Svetlana Krasovski-Nikiforovs. Denen die sowieso schon ausgegrenzt sind, geht es dann noch schlechter. „Eigentlich brauchen unsere Gäste in dieser Situation Ruhe und Wärme“, erklärt Svetlana Krasovski-Nikiforovs. Doch auf der Straße ist es feucht und kalt. Im Lockdown-Winter sind warme Orte nur schwer zu finden.

Vor der Pandemie konnten die Gäste sich im Wartezimmer ein wenig aufhalten, sich in der Dusche den Schmutz der Straße vom Leib waschen und sich dann behandeln lassen. Seit 2013 kümmern sich in der Notfallambulanz der Berliner Stadtmission vier festangestellte Krankenschwestern um die Patientinnen und Patienten. Seit dem ersten Lockdown müssen die Gäste vor der Tür warten, denn die Räume der Notfallambulanz sind klein und die Hygieneregeln streng.

Frost und Kälte sitzen tief

Svetlana Krasovski-Nikiforovsk weiß: „Die meisten erzählen, dass ihnen schrecklich kalt ist und die Kälte in den Gliedern sitzt, da hilft es auch nicht, wenn sie sich irgendwo zwei Stunden aufwärmen können, der Frost und die Kälte sitzen tief.“

Neben der Pandemie macht ihr das zunehmende Alter der Patienten große Sorgen. Seit ein paar Jahren kommen immer mehr Pflegebedürftige. In den 70er- oder 80er-Jahren waren Menschen meist nicht besonders lang auf der Straße. Das Hilfesystem hat nach ein paar Monaten oder Jahren gegriffen, die Menschen fanden zurück in ein geregeltes Leben. Das sei heute anders. „Es gibt zwar viele Hilfsangebote, aber kaum Wohnungen für Menschen, die früher obdachlos waren. Sie konkurrieren mit vielen anderen um den begehrten Wohnraum“, erklärt Ulrich Neugebauer. Er leitet die niedrigschwelligen Hilfen bei der Berliner Stadtmission. Mit der längeren Obdachlosigkeit gehe eine Verelendung einher, die in der Notfallambulanz über die Jahre immer deutlicher wird, hat er beobachtet. Menschen in Rollstühlen, mit Rollatoren oder Krücken kommen dorthin, um sich helfen zu lassen. Oft bräuchten sie vor allem ein Dach über dem Kopf und Ruhe, um zu genesen.

Neben den festangestellten Krankenschwestern helfen fünf Mediziner und eine Krankenschwester ehrenamtlich in der Notfallambulanz. Einen Defibrillator, den auch Laien bedienen können, brauchen sie dringend. Im Rahmen der Kältehilfe unterstützt Berliner helfen e.V. die Ambulanz mit einer Spende über 10.000 Euro.