Betreuung

Die Zuhörerinnen am Krankenbett

Die Grünen Damen besuchen ehrenamtlich Patienten im Helios-Klinikum. In Corona-Zeiten sind sie besonders gefragt

Die ehrenamtlichen Helferinnen Elisabeth Knoche und Bettina Heidergott-Mazzega (v.l.) und die Leiterin des Beratungszentrums Michaela Wenning-Klasen vor dem Helios Klinikum Emil von Behring.

Die ehrenamtlichen Helferinnen Elisabeth Knoche und Bettina Heidergott-Mazzega (v.l.) und die Leiterin des Beratungszentrums Michaela Wenning-Klasen vor dem Helios Klinikum Emil von Behring.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Der Zettel mit den neuen Besuchsregeln ist nicht zu übersehen. Er hängt direkt an der Eingangstür vom Helios-Klinikum Emil von Behring in Zehlendorf: In Corona-Zeiten sind Besuche von Angehörigen nur in Ausnahmefällen erlaubt, bei Schwerstkranken zum Beispiel oder Kindern. Doch was machen die anderen Patienten, die reden wollen und ein bisschen Zuwendung brauchen?

In der Zehlendorfer Klinik an der Walterhöferstraße sind die „Grünen Damen“ vom ehrenamtlichen Besuchsdienst für sie im Einsatz. Sie dürfen weiterhin die Klinik betreten. Die etwa zehn Frauen und auch ein Mann bringen Zeit mit, hören den Patienten zu, gehen mit ihnen ein paar Schritte und entlasten so das derzeit extrem angespannte Pflegepersonal. „Der ehrenamtliche Besuchsdienst ist eine große Unterstützung in dieser schwierigen Phase“, sagt Michaela Wenning-Klasen, Leiterin des Beratungszentrums für Patienten und Angehörige an der Klinik, die auch den Besuchsdienst aufgebaut hat. Es sei mutig, in der Corona-Zeit dieser Aufgabe weiter nachzugehen und in die Klinik zu kommen, findet sie. Aber die Patienten und die Stationen seien froh über die Hilfe.

Weder für Elisabeth Knoche noch für Bettina Heidergott-Mazzega hat sich die Frage überhaupt gesellt, ihr Ehrenamt als Grüne Dame in Corona-Zeiten ruhen zu lassen. „Ich fühle mich in der Klinik sicherer als im Bus oder in einem Geschäft“, sagt Elisabeth Knoche, die seit sieben Jahren bei den Grünen Damen ist. Jede bekommt eine bestimmte Station zugewiesen, die sie sich mit aussuchen kann. Die 59-Jährige aus Kleinmachnow ist zweimal in der Woche auf der Kardiologie im Einsatz.

Wenn sie kommt, sieht sie sich den Belegplan der Station und die Namen an und geht dann von Zimmer zu Zimmer, immer mit der Frage: „Kann ich etwas für sie tun?“ Mal möchte jemand einen Tee, mal nur reden. Über seine Krankheit, seine Familie, sein Leben. „Dann bin ich ganz für den Patienten da“, sagt die Freiberuflerin, die Seminare für Demenz gibt.

Besonders berührt hat sie der Fall eines 56-jährigen Patienten, der zu den jüngeren auf der Kardiologie gehörte. Er hatte einen Herzinfarkt bekommen und konnte nicht verstehen, warum gerade ihm das passiert ist. Nach einem langen Gespräch über die Sorgen und Probleme zu Hause musste er sich selbst eingestehen, dass er sich einfach zu viel zugemutet hatte. Am Ende sagte der Mann: „Jetzt weiß ich, warum ich hier in der Klinik gelandet bin.

Auch Bettina Heidergott-Mazzega sieht ihre Aufgabe darin, für die Patienten in Lebenskrisen Zeit und ein Ohr zu haben. Die 58-Jährige aus Friedenau war Personalleiterin, bevor sie selbst in der Emil von Behring-Klinik als Patientin lag und wegen ihrer Krankheit berentet wurde. Nachdem ihr jahrelanges ehrenamtliches Engagement in der Grünpflege im Bezirk Tempelhof-Schöneberg nicht mehr gefragt war, kam sie ins Klinikum zurück, diesmal als Helferin „mit Herz“, wie sie sagt. Sie ist auf der sogenannten Wahlleistungsstation, wo alle Fachbereiche von der Plastischen Chirurgie über die Onkologie bis zur Kardiologie vertreten sind. „Da muss man sich auf jeden einstellen“, sagt Heidergott-Mazzega. Oft hat sie es mit jungen Frauen zu tun, die sich das Fett absaugen oder die Brüste vergrößern oder die Implantate entfernen lassen.

Da ist der Gesprächsbedarf groß und kann auch ganz persönlich werden. Warum liege ich hier? Fühle ich mich nur dann vollwertig? Kann ich mich nicht so annehmen, wie ich bin? Bettina Heidergott-Mazzega hört zu, baut auf. Mit anderen Patienten singt oder betet sie am Krankenbett, sie bringt Wärmflaschen und Eisbeutel, ist einfach da – und das fast jeden Tag bis zu sechs Stunden.

Im ersten Lockdown waren die Grünen Damen nicht in die Klinik. Diesmal hat sich Michaela Wenning-Klasen gemeinsam mit der Geschäftsführung dafür eingesetzt, dass sie Zutritt haben. Die Anspannungen und die Belastungen seien derzeit auf den Stationen und auch bei den Angehörigen groß, sagt die Koordinatorin des Besuchsdienstes. „Da bringen die Grünen Damen Ruhe rein.“

Mit den „Pink Ladys“ fing es an

Herkunft Einst trugen sie grüne Kittel, daher kommt der Name „Grüne Damen“. Heute gibt es auch schon „Grüne Herren“. In den USA, wo es die Idee eines ehrenamtlichen Besuchsdienstes in der Gesundheits- und Krankenpflege schon länger gibt, heißen sie „Pink Lady“.

Organisation Die „Grünen Damen“ sind unter dem Dach der Evangelischen Krankenhaus- und Altenheim-Hilfe organisiert. Der ehrenamtliche Besuchsdienst wurde 1969 in Düsseldorf gegründet. 1976 schlossen sich die einzelnen Gruppen in Deutschland zusammen.

Kontakt In etwa 500 Kliniken und 250 Altenhilfeeinrichtungen sind die „Grünen Damen“ tätig. Wer Interesse an der Aufgabe hat, kann Kontakt aufnehmen per E-Mail an: michaela.wenning-klasen@helios-gesundheit.de oder per Telefon unter der Nummer 030–810264360.