Berliner helfen

Hilfe für Kinder von psychisch kranken Eltern

AMSOC e.V. aus Berlin erhält den HanseMerkur Kinderschutz-Preis für das „Patenschaftsangebot für Kinder psychisch kranker Eltern“.

Preisträger des HanseMerkur-Preises:  Sabrina Döring, Angela Kern und Franziska Quednau vom Verein AMSOC. ( v.l.) 

Preisträger des HanseMerkur-Preises: Sabrina Döring, Angela Kern und Franziska Quednau vom Verein AMSOC. ( v.l.) 

Foto: HanseMerkur / Susanne Duda

Berlin. Bundesweit leben rund 3,8 Millionen Kinder und Jugendliche in einem Haushalt mit einem psychisch erkrankten Elternteil. Es sind Jungen und Mädchen, die oftmals den Schein von Normalität aufrechterhalten, Kinder, die die Aufgaben von Erwachsenen übernehmen. Sie kaufen ein, sie führen den Haushalt, sie versorgen ihre Geschwister und nicht selten die erkrankte Mutter beziehungsweise den Vater.

Kinder sitzen stundenlang vor dem Fernseher

Andreas* ist eines dieser knapp vier Millionen Kinder. Seine alleinerziehende Mutter leidet an paranoider Schizophrenie, deren Hauptsymptome Wahnvorstellungen und Halluzinationen sind. „Sie war in ihrer Welt gefangen, immer bei sich selbst, ein normaler Alltag war nicht möglich,“ erzählt der mittlerweile 24-Jährige. Andreas berichtet, dass er und sein Bruder täglich acht bis zehn Stunden vor dem Fernseher verbracht haben. Mit zehn Jahren wurde der einsame Junge in das Patenschaftsprogramm des Berliner Vereins AMSOC e.V. aufgenommen. Das veränderte sein Leben.

Ein Pate als stabile Bezugsperson

Seit 1995 bietet der Verein betroffenen Familien ehrenamtliche Paten, die die Kinder als stabile und schützende Bezugsperson langfristig bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr begleiten. Sie teilen mit ihnen das Familiengeheimnis und entlasten sie in ihrem Alltag. Auch monatliche Übernachtungen bei der Patin oder dem Paten sind möglich. Zudem erklären sich die Ehrenamtlichen bereit, ihr Patenkind bis zu acht Wochen bei sich aufzunehmen. Bei einem stationären Aufenthalt eines Elternteils wird so eine Fremdunterbringung durch das Jugendamt vermieden.

Die Paten von Andreas – er Informatiker, sie Pflegerin – brachten Normalität in den Alltag des damals Zehn-Jährigen. Er entdeckte eine Welt außerhalb der kleinen Wohnung mit den vielen Problemen. Der Besuch eines Schwimmbads, das Spielen im Park – alles war neu und aufregend für den kleinen Jungen. Andreas sagt heute: „Das Patenschaftsprogramm hat mir sehr viel bedeutet, es hat mich emotional stark gemacht.“

Kinder glauben, dass sie an der Krankheit der Eltern schuld sind

Die Patenschaft-Koordinatorinnen Angela Kern und Franziska Quednau von AMSOC e.V. betreuen berlinweit 54 Patenschaften. Sie kennen die besonderen Belastungen der Kinder: „Immer spielt Angst eine große Rolle. Die Angst vor dem erkrankten Elternteil, die Angst um die erkrankten Eltern. Hinzu kommen Existenzängste sowie die Sorge, selber zu erkranken,“ berichtet Angela Kern. „Daraus entstehen unmittelbare und Folgeprobleme,“ erläutert Franziska Quednau: „Zu den unmittelbaren Problemen gehören Desorientierung, Schuldgefühle, Tabuisierung und Isolation, denn die Kinder und Jugendlichen verstehen die Krankheitssymptome und die Probleme der Eltern nicht. Sie glauben, dass sie an den psychischen Problemen ihrer Eltern schuld sind und die Krankheit eine Folge ihres eigenen Verhaltens gegenüber den Eltern ist“.

Zu wenig Aufmerksamkeit und Zuwendung

Durch die Überforderung der Eltern kommt es zu einem Defizit an Aufmerksamkeit und Zuwendung für die Kinder. Andreas konnte durch die Unterstützung einen Weg aus seiner schwierigen Situation finden. Mit 17 Jahren fand er die Stärke, zum Jugendamt zu gehen, um den Auszug aus seinem Elternhaus vorzubereiten. Aktuell bereitet er sich auf sein juristisches Staatsexamen vor. Seine Pateneltern sieht er noch immer regelmäßig. „Was mir dieses Programm gegeben hat, ist durch nichts zu ersetzen“, resümiert der junge Mann. Später möchte er selber als Pate unterstützend helfen.

Auch Sabine Schulz* hat gemeinsam mit ihrer Frau vor neun Jahren eine Patenschaft bei AMSOC für ein zweijähriges Mädchen übernommen. „Gleich zu Beginn der Patenschaft hat uns Majas Mutter, die an Depressionen und Angststörungen leidet, einen großen Vertrauensvorschub gegeben, als das kleine Mädchen mit uns für vier Wochen in den Urlaub fahren durfte“, berichtet Sabine Schulz über den Beginn ihres Ehrenamtes. Ihre Erfahrung als Patin: Oft ist es für die betroffenen Eltern eine große Erleichterung, ihre Kinder in guten Händen zu wissen. „Die Mutter ist froh, dass ihre Tochter die Möglichkeit hat, ein normales Umfeld frei von Schwermut und Angst kennenzulernen.“ *Namen geändert

Kinderschutz-Preis der Hanse Merkur

Der HanseMerkur Preis für Kinderschutz wird seit 1980 ausgeschrieben und ist in diesem Jahr mit 55.000 Euro dotiert. Bisher wurden Preisgelder von insgesamt 1,3 Millionen Euro ausgeschüttet. Der Hauptpreis in Höhe von 20.000 Euro geht an an die Ambulante Sozialpädagogik Charlottenburg e.V. (AMSOC) für das Patenschaftsprogramm. Die Paten begleiten Kinder psychisch kranker Eltern als stabile Bezugspersonen bis zur Volljährigkeit. Sie entlasten das Familiensystem und ermöglichen ein seelisch gesundes Aufwachsen. Bis zu acht Wochen können sie ihr Patenkind auch bei sich aufnehmen, so dass eine Unterbringung durch das Jugendamt, etwa bei einem stationären Aufenthalt eines Elternteils, vermieden werden kann. AMSOC e.V. ,Tel.: 030-33 77 2682, E-Mail: kontakt@amsoc-patenschaften.de