Berliner helfen

Hürden für taube Kinder überwinden

Der Verein Nena – Netzwerk Nachsorge – macht Sport und Freizeitspaß für taube Kinder und Jugendliche möglich.

Livia Greif (l.) und Kerstin Sona vom Verein NeNa unterhalten sich in  Gebärdensprache.

Livia Greif (l.) und Kerstin Sona vom Verein NeNa unterhalten sich in Gebärdensprache.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Nach der Schule Fußball spielen oder im Sommer schwimmen gehen – was für die allermeisten Kinder selbstverständliche Freizeitvergnügen sind, ist für taube Kinder und Jugendliche oft unerreichbar. Gerald Ramos vom Verein NeNa, Netzwerk Nachsorge, weiß, woran das liegt. „Die erste Hürde ist schon der Weg von zu Hause zum Sportplatz oder ins Schwimmbad“, sagt Ramos.

„Viele trauen sich nicht, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.“ Er hat den Verein NeNa vor 15 Jahren gegründet, der sich unter anderem um schwer übergewichtige oder behinderte junge Patienten nach ihrer Behandlung im Krankenhaus kümmert.

Angst vor Mobbing

„Sie werden entlassen, sollen und wollen Sport machen und sich bewegen, haben aber Angst vor Mobbing oder wissen gar nicht, wie und wo“, hat Gerald Ramos in seiner Zeit als Sozialarbeiter im Klinikbetrieb beobachtet. Mit dem Projekt „Deaf Teens“ kümmert sich der Verein seit 2012 speziell um gehörlose Kinder und Jugendliche. „Wir vermitteln die Teilnahme an Sportangeboten und Freizeitaktivitäten und organisieren auch eigene Angebote für taube Kinder“, erklärt der Vereinsgründer.

Acht Honorarkräfte, die die Deutsche Gebärdensprache beherrschen, bringen die Kinder und Jugendlichen je nach Bedarf auch zu Therapien und Arztterminen. Eine von ihnen ist Kerstin Sona. Sie ist selbst von Geburt an taub und kommuniziert in Gebärdensprache. „Wir holen die Kinder ab und üben dabei auch gleich das Busfahren oder den Einkauf beim Bäcker“, übersetzt die für den Interview-Termin engagierte Dolmetscherin die Gebärdensprache.

Verständigung über Gebärdensprache

„Für die Kinder ist es toll, dass sie sich mit mir in der Gebärdensprache verständigen können. Nicht alle Eltern tauber Kinder lernen das“, übersetzt die Dolmetscherin für Kerstin Sona. Es gibt verschiedene Stufen der Gebärdensprache, das Erlernen der einfachsten dauert etwa ein halbes Jahr.

Kerstin Sona erklärt auch, dass beim Lippenlesen nur etwa 30 Prozent der Worte erfasst werden können, der Rest wird „erraten“. Und seit der Maskenpflicht, die aufgrund der Corona-Krise in vielen geschlossenen Räumen gilt, fällt diese Möglichkeit sowieso weg. An der Schule für Gehörlose in Charlottenburg wird die Gebärden- und die deutsche Sprache unterrichtet. Wie Gerald Ramos berichtet, ist es aber für Gehörlose aber nicht immer leicht, die Lautsprache zu benutzen. „Lautsprache zu benutzen ist für viele taube Menschen mit einer sehr persönlichen Diskriminierungsgeschichte verbunden, sie bevorzugen die Gebärdensprache“, sagt Ramos.

In Berlin leben 8000 taube Menschen

Seine Kollegin Livia Greif kümmert sich um Anträge bei Jugendämtern und Krankenkassen, koordiniert die Begleitungen und hat selbst ein Kunstprojekt für taube Kinder geleitet. Auch sie beherrscht die Gebärdensprache, hat Deaf Studies an der Humboldt Universität absolviert. „Wir wollen die Selbstständigkeit tauber Menschen fördern und zwar von Kindheit an“, sagt sie über ihre Arbeit beim Netzwerk Nachsorge.

Etwa 8000 taube Menschen leben in Berlin. Über taube Kinder gibt es keine genauen Zahlen.

Spende von Berliner helfen e.V.

Das Projekt „Deaf Teens“ wird mit Spenden finanziert, da die Krankenkassen oder Jugendämter nicht für die Begleitung durch Sozialarbeiter in der Freizeit bezahlen. Dank einer Spende in Höhe von 5000 Euro im Rahmen der Aktion „Wir helfen Helfern“ der Berliner Morgenpost ist die Finanzierung des Projektes bis zum Jahresende gesichert. Soweit es die Maßnahmen gegen das Corona-Virus zulassen, sind Fußballtraining, Schwimmen und Klettern in der Halle geplant.

„Die gehörlosen Kinder nehmen dafür sehr weite Wege in Kauf. Sie sind mit so viel Freude dabei“, berichtet Gerald Ramos vom letzten Fußballspiel in Kreuzberg. Für Arzt- und Behördenbesuche gibt es verschiedene Kostenträger für einen Gebärden-Dolmetscher, aber eben nicht bei Freizeitaktivitäten. „Jeder redet immer von Teilhabe, da muss es doch möglich sein, dafür eine Regelfinanzierung zu bekommen. Dazu reichen ja relativ geringe Mittel“, meint Ramos. Für 200 Euro im Monat kann ein taubes Kind einmal in der Woche zum Sport oder bei einer anderen Freizeitaktivität begleitet werden.

Ramos will mit seinem Verein weiter für eine öffentliche Finanzierung, damit gehörlose Kinder weiter von kompetenten Menschen, die die Gebärdensprache beherrschen, begleitet werden können.

Über das Projekt "Deaf Teens"

Das Projekt „Deaf Teens“ vom Verein NeNa vermittelt diverse Freizeitangebote an taube und schwerhörige Kinder und Jugendliche. Angeboten wird eine Wegbegleitung vom Zuhause oder dem Aufenthaltsort bis zum Freizeitangebot, wenn im näheren Wohnumfeld keine passenden Angebote zu finden sind. Dabei wird die Selbstständigkeit der Kinder und Jugendlichen im öffentlichen Verkehr gefördert, Eltern und andere Bezugspersonen werden entlastet.

Infos unter: www.nena-verein.de/projekte/deafteens/