Berliner helfen

Wie eine Streuobstwiese zur Oase wird

Der Verein Zuckerbaum bietet Kindern mit der Ferienprojektwoche in Werder eine Auszeit von der Trauer

Karin Wiserner, Vorsitzende des Vereins Zuckerbaum e.V. und Besitzerin der Streuobstwiese

Karin Wiserner, Vorsitzende des Vereins Zuckerbaum e.V. und Besitzerin der Streuobstwiese

Foto: Petra Götze

Trotz Navigationssystem dauert es etwas länger, bis man sie gefunden hat, die Streuobstwiese des Vereins Zuckerbaum an der Havelobstallee in Werder. An einer Ecke der 5000 Quadratmeter großen Wiese mit Kirsch- und Apfelbäumen und bunten Blumen fällt sofort ein imposanter Walnussbaum auf. „Die hat man früher gepflanzt, weil sie wunderbar Schatten geben“, erklärt Karin Wiserner, Vorsitzende des Vereins Zuckerbaum und Besitzerin der Streuobstwiese.

Ein Ort zum Trauern, aber auch zum Erinnern

„Ich habe sie 2012 gekauft, die frühere Eigentümerin wollte nicht, dass eine Obstplantage daraus wird“, sagt Karin Wiserner. Ihr Verein hat eine Oase aus der Streuobstwiese gemacht – für Kinder, die miterleben mussten, wie ihre Schwester oder ihr Bruder an Krebs oder anderen Krankh

eiten sterben. „Hier finden sie einen Ort zum trauern, aber auch um die Erinnerung weiterleben zu lassen“, sagt Katrin Lübbe, Koordinatorin des ambulanten Kinderhospizdienstes in Potsdam des Vereins Kinderhilfe e. V.

Aufmerksamkeit für das gesunde Kind

Der Verein organisiert für die gesunden Geschwister von schwer kranken Kindern Ausflüge, Unternehmungen und Ferienfreizeiten. In diesem Corona-Jahr musste vieles ausfallen, umso mehr genießen die 15 Kinder eine Ferienwoche auf der Streuobstwiese. Sie werden morgens von Zuhause abgeholt und abends wieder zurück nach Berlin gebracht, für viele der einzige Urlaub in diesem Jahr.

Das Thema der Erlebniswoche, die der Verein Zuckerbaum jedes Jahr veranstaltet, lautet diesmal „Raum für mich“. „In den Familien dreht sich ja immer alles um das kranke Kind, hier auf der Wiese können die gesunden Geschwister im wahrsten Sinne des Wortes einen Ort ganz für sich allein schaffen“, erklärt Karin Wiserner und zeigt bei einem Rundgang, was damit gemeint ist: unter dem schattigen großen Walnussbaum hat sich ein Harry-Potter-Fan mit Zeltplanen ein Domizil geschaffen – Hausnummer: 9 ¾ auf der Wiese. Etwas weiter, auf einer kleinen Anhöhe hat Lissi ihr Haus gebaut, aus Holzlatten, Folien überdacht und einer Matte als Bodenbelag. Die Neunjährige ist zum ersten mal dabei und es gefällt ihr sehr. „Ich habe diesen Platz auf dem Hügel gesehen und sofort gewusst, das ist meiner“, sagt sie.

Auf Bäume klettern und Häuser bauen

Für den siebenjährigen Paul kam nur der Bau eines Baumhauses in Frage, denn Klettern ist seine Leidenschaft. Damit er sicher auch die großen Bäume bezwingen kann, steht Heiko Weißhaupt bereit. Wie alle anderen Betreuer engagiert sich der Handwerker aus Potsdam ehrenamtlich, kümmert sich um die Material und Werkzeug und steht den Kindern mit Rat und Tat beim Umsetzten ihrer Baupläne zur Seite. Er legt Paul Gurte an und sichert ihn mit einem Seil, während der Junge

immer höher in den großen Baum klettert.

Auf der Wiese kann nach Herzenslust getobt, gerannt und geklettert werden. In einem Zelt gibt es Verpflegung, in einem anderen zeigt Trauerbegleiterin Gabriele vom Verein Kinderhilfe, wie Papier aus alten Zeitungen hergestellt und Blumen trocken gepresst werden.

In einer Hängematte unter zwei Bäumen lässt sich Josy, mit vier Jahren die jüngste Teilnehmerin der Ferienwoche, aus einem Buch vorlesen. Ihr Bruder ist vor kurzem gestorben. Auf der Streuobstwiese kann sie sich einen Baum aussuchen, um den sie ein buntes Band zur Erinnerung an ihn knüpft. Manche Kinder pflanzen auch einen Baum für den Bruder oder die Schwester, die nicht mehr da sind. Den wachsenden Baum kann die ganze Familie immer wieder besuchen. „So erleben die Kinder, dass aus etwas Traurigem etwas Neues entstehen kann“, sagt Karin Wiserner.

Spende von Berliner helfen e.V.

Sie selbst war dem Tod einmal sehr nah, als während eines Urlaubs in Frankreich ein Baum auf sie stürzte. „Ich habe mir gedacht, wenn ich das überlebe, mache ich etwas mit meinem geschenkten Leben“. Sie entschied sich für eine Ausbildung zur Familienbegleiterin, die Gründung des Vereins Zuckerbaum und den Kauf der Streuobstwiese. „Es macht mich glücklich zu sehen, wie wohl sich die Kinder fühlen und wie die ehrenamtlichen Betreuer Urlaub nehmen, um hier dabei zu sein. Wenn die Kinder reden wollen, ist jemand da, der ihnen zuhört und ihnen hilft, mit der Last der Trauer fertig zu werden“, sagt Karin Wiserner.

Für die Durchführung der Ferienprojektwoche auf der Streuobstwiese gab es eine Spende von Berliner helfen e. V. aus der Aktion „Wir helfen Helfern“.