Tierheim

Warum Hanna (13) Katze Larissa im Tierheim vorliest

Hannah liest nicht gern. Aber sie weiß, dass sich Katze Larissa über ihre Stimme, ihre Gesellschaft und Streicheleinheiten freut.

Hannah liest Katze Larissa aus ihrem Buch Sternenschweif vor. Das Tier hört geduldig zu und geniest die Gesellschaft.

Hannah liest Katze Larissa aus ihrem Buch Sternenschweif vor. Das Tier hört geduldig zu und geniest die Gesellschaft.

Foto: Katrin Lange

Larissa wartet schon. Die graue Hauskatze sitzt hinter der Tür und blickt nach oben durch das Fenster, so als wollte sie sagen: „Wo bleibst du denn?“ Eigentlich mag die 13 Jahre alte Katze keinen Trubel, deshalb lebt sie im Seniorenhaus im Tierheim. Aber wenn Hannah kommt, ist das etwas anderes. Die Zweitklässlerin hat ihr Lieblingsbuch vom Pony Sternenschweif mitgebracht, das in Wirklichkeit ein Einhorn ist, und wird gleich Katze Larissa daraus vorlesen. Das Mädchen öffnet die Tür, begrüßt das Tier, das ihm sofort um die Beine streift und setzt sich. Noch während sie das Buch aufschlägt, springt Larissa zu ihr in den Sessel und macht es sich an ihrer Seite bequem.

Kinder lesen Katzen vor – das klingt ungewöhnlich, funktioniert aber. Das Projekt stammt aus den USA, seit August 2019 wird es im Tierheim Berlin in Falkenberg angeboten. Immer donnerstags und freitags kommen Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren mit ihren Büchern zu den Tieren. „Wir haben teilweise eine Warteliste“, sagt Annette Rost, Sprecherin des Tierschutzvereins für Berlin (TVB).

Für Kind und Katze ist es sozusagen eine Win-Win-Situation, „beide haben eine Mehrwert“, so die Sprecherin: Die Schüler üben lesen, die Tiere schätzen den Kontakt und die Aufmerksamkeit, die sie bekommen. Die Stiftung Bildung und Gesellschaft hat das Projekt kürzlich mit dem Primus-Preis ausgezeichnet, der mit 1000 Euro dotiert ist. Das Geld soll allen Bewohnern im Tierheim zugutekommen.

Dem Tier ist es egal, ob die Kinder Fehler machen

„Bei dem Projekt machen vor allem Kinder mit, denen das Lesen schwerer fällt als anderen“, sagt Annette Rost. Allein mit der Katze in der Stube, könnten sie das Lesen üben, ohne Druck und mahnende Worte oder Hinweise von Erwachsenen. „Der Katze ist es egal, ob sie Fehler machen oder stocken“, sagt die Tierheim-Sprecherin. Die Kinder müssten sich nicht schämen, daher seien die Vierbeiner das ideale Publikum. Die Tiere wiederum hören gern die menschliche Stimme. „Das Vorlesen wirkt beruhigend auf die Katzen, die mitunter zuvor schlechte Erfahrungen gesammelt hatten und nun erst wieder langsam Vertrauen zu Menschen aufbauen“, erklärt Rost. Die Teilnahme ist kostenfrei, wer Interesse hat, kann sich im Tierheim melden. 17 Kinder machen derzeit mit. Das Projekt wird von der Stiftung Berliner Sparkasse gefördert und finanziert sich darüber hinaus aus Spenden.

Hannah kommt erst zum zweiten Mal zum Vorlesen ins Tierheim. Sie mag Katzen. Nachdem ihre alte zu Hause gestorben ist, hat sie jetzt wieder zwei junge Kätzchen. Lesen mag sie nicht. „Ich finde es anstrengend“, sagt die Siebenjährige. Rechnen und Schreiben fände sie viele besser. Beim Lesen müsse sie gegen ihren Unwillen ankämpfen, sich richtig überwinden, zum Buch zu greifen. Anders ist es im Tierheim. „Bei Katzen macht mir Vorlesen Spaß“, sagt Hannah. Das beobachtet auch Annette Rost. Im Tierheim falle es den Kindern nicht schwer, sich für eine halbe Stunde zu konzentrieren, erzählt sie. Sie seien mit viel Enthusiasmus dabei.

Larissa ist eine Fundkatze - und sehr verschmust

Etwa zehn Katzen wohnen im Seniorenhaus. Hannah hat sich auch bei ihrem zweiten Vorlese-Termin wieder für Larissa entschieden, aufgrund der guten Erfahrungen, die sie beim ersten Mal mit ihr gemacht hat. Larissa ist eine Fundkatze. Vielleicht guckt sie ein bisschen grimmig, aber das Tier ist absolut menschenbezogen und sehr verschmust. Die betagte Katzen-Omi hatte vor kurzem erst ein Zuhause gefunden, kam dann aber wieder ins Tierheim zurück, weil sie sich mit der Wohnungshaltung nicht arrangieren konnte und immer nach draußen ins Freie drängte.

Doch für die halbe Stunde, in der Hannah bei ihr ist, genießt sie ihre Gesellschaft. Sie schmiegt sich neben sie in den Sessel, stupst das Mädchen an die Nase, schnappt nach den Seiten und guckt so aufmerksam ins Buch, als lese sie mit. Hannahs Mutter Sabine Bütikofer freut sich nicht nur darüber, dass ihre Tochter einen anderen Zugang zum Lesen und Routine bekommt. Sie will sie auch für das Ehrenamt begeistern.

Seit einem Jahr kümmert sich Sabine Bütikofer im Tierheim ehrenamtlich um die Katzen. Sie macht ihre Ställe sauber und beschäftigt sich mit ihnen. „Hannah soll beim Vorlesen das Gefühl haben, etwas Gutes zu tun“, sagt die Lichtenbergerin. Sich mit einem Tier zu beschäftigen, ihm Vorzulesen, sei schon wie ein kleines Ehrenamt. Diese Erkenntnis fände sie wichtig, auch für Hannahs Zukunft. Auf die Frage nach dem Berufswunsch muss die Siebenjährige keine Sekunde überlegen: Sie will Tierärztin werden.