Berliner helfen

„Kunst kennt keine Behinderung“

Spielerische Förderung in Kreuzberg: Wie ein Malkurs für Kinder mit Downsyndrom ihre kreativen Energien freisetzt.

Malen im Familienzentrum Mehringdamm.

Malen im Familienzentrum Mehringdamm.

Foto: Sergej Glanze

Sie sind in ihrem Element. Die sieben Kinder haben den Mal-Raum im Kreuzberger Familienzentrum erobert an diesem Freitagnachmittag. Mit leuchtenden Augen tauchen sie Pinsel und Finger in die Malfarben. Probieren sie aus an den gefliesten Wänden, die einem bunten Flickenteppich gleichen von unzähligen Farbversuchen zuvor. Dann legen sie los, hochkonzentriert. Begeistert füllen Saskia, Mathilda, Holly, Jona, Joshua, Helena und Ivan die A3-Blätter an den Wänden mit ihren Ideen. Begeisterung auch bei den Eltern die zuschauen.

Malkurs für Kinder mit Downsyndrom

Mittendrin: die Künstlerin Jutta Poppe. „Toll, ihr seid ein Team“, lobt sie Saskia und Mathilda, die fertig sind mit ihren ersten Bildern und gemeinsam ein Neues beginnen. Die befreundeten Drittklässlerinnen und ihre Mitstreiter sind keine gewöhnliche Gruppe. Sie kamen mit der Genbesonderheit Trisomie 21 auf die Welt.

„Kunst kennt keine Behinderung“ - so das Motto des wöchentlichen Kurses „Malen für Kinder mit Down-Syndrom“. Jutta Poppe hat das Projekt für Kita- und Grundschulkinder zusammen mit dem Verein „downsyndromberlin“ initiiert und das Familienzentrum am Mehringdamm als Partner gewonnen. Die vielseitige Einrichtung stellt den Raum zur Verfügung und gewährleistet, wie bei allen Aktivitäten des Hauses - dem Treff im Familiencafé etwa oder Angeboten für Sport, Spiel, Kunst - professionelle pädagogische Betreuung.

Praktikantin Elif T. ist heute dabei. „Ich mache gerne mit bei diesem Malprojekt, von Anfang an“, sagt die künftige Erzieherin. Sie unterstützt Jutta Poppe, die ihre Schützlinge behutsam anleitet, ohne sich in den kreativen Prozess einzumischen. „Die Kinder dürfen ohne Thema spielerisch mit Farben experimentieren. Dabei sollen sie Zutrauen zur Kunst gewinnen“, erklärt Poppe ihr Prinzip.

Netzwerk ist den Eltern sehr wichtig

„Toll, dass es sowas gibt“, freut sich Mathildas Mutter Sonja Muhr, und Britta Schierbecker, die Mutter von Saskia, nickt beipflichtend. Die befreundeten Frauen hatten über den Verein „downsyndromberlin“ vom Malkurs erfahren und sind sich einig: Ein gut funktionierendes Netzwerk ist wichtig für Familien mit Downsyndrom-Kindern. Das meint auch Hollys Vater Eric Schneider „ Mit meiner Partnerin baue ich einen Spiele-Treff im Rahmen des Vereins auf“, verrät er mit Blick auf die in ihr Bild vertiefte Dreijährige, die „auch daheim gern malt“.

Wie auch der siebenjährige Jona, ein fröhlicher, lebhafter Junge. „Eine wunderbare Idee, diese Malnachmittage“, schwärmt seine Mutter Heike Meyer-Rotsch, Vereins-Vorsitzende von „downsyndromberlin“. Genau richtig für diese besonderen Kinder: „Sie sind spontan, offen, intensiv erleben sie sinnliche Erfahrungen, experimentieren gerne. „ Die Vereinsgründerin ist überzeugt: „Jedes Kind ist kreativ, schöpferisch. Und diese Kids sind nicht gehemmt. Sie sind einfach gewöhnliche Kinder“.

Diese Erkenntnis möchte sie vermitteln: durch Aufklärung, Beratung, Öffentlichkeitsarbeit. Der Verein arbeitet mit Pränatal-Diagnostikern zusammen, kümmert sich um Erzieherfortbildung in Kitas, denn: „Vorurteile existieren immer noch.“ Die Diagnose Trisomie 21 sei für werdende Eltern ein Stress-Moment mit vielen Ängsten. Diese zu entkräften, hat sich die studierte Architektin, die ihre Berufung im therapeutischen Bereich fand, zum Ziel gesetzt, als sie im März 2016 mit einer Homepage startete. Inzwischen hat der Verein Eltern-Kind-Gruppen, eine Jugendgruppe, spezielle Förderangebote wie diese Malaktion.

Kinder genießen ihre künstlerische Freiheit

Und die Kinder genießen sie, diese künstlerische Freiheit, fern von Zwang und ehrgeizigen Erwartungen. Gut gelungen ihre Bilder: voller Fantasie, bunt, manche futuristisch-abstrakt, alle stimmungsvoll. Sie strahlen Freude aus, haben dennoch Kraft gekostet. Mit dem letzten Pinselstrich lässt die Konzentration der Kinder nach. Sie werden unruhig. Mathilda und Saskia rennen den Flur entlang. Joshuas Vater versucht seinen quirligen, sonst so ruhigen Sohn einzufangen und lacht: „Ich glaube, heute ist er aufgetaut, so aktiv war er sonst nie bei diesem Kurs.“ Zeit zum Aufräumen, Waschen, Verabschieden.

Allein im stillen Raum, sortieren Elif T. und Jutta Poppe die Werke, die bis Ende Januar öffentlich gezeigt werden sollen. Wochen später wird sich die Künstlerin über den Erfolg der Ausstellung im breakout Café in der Kreuzberger Bergmannstraße 22 freuen. Doch jetzt fällt ihr die Auswahl schwer. Weil die Bilder viel mehr sind als bunte Pinselstriche, einen Blick gewähren in die Seelen der kleinen Künstler, die „nicht auf dem roten Teppich sind, dafür aber ehrlich, dankbar und emotional“. Jutta Poppe, die vor Jahren als junge Mutter ihr Faible für Kunst entdeckte und begann, Kinder künstlerisch anzuleiten, hat sich inzwischen auf Kinder mit Down Syndrom spezialisiert. „Sie sind so stolz auf ihre Werke.“, ist ihre Erfahrung.

Die positive Resonanz der Malaktion zeigt, wie wichtig die Förderung von Kindern mit Down-Syndrom - gerade auf kreativer Ebene - für die Entwicklung ihrer Fähigkeiten ist: als einlenkende Kraft, die ihnen dabei hilft, sich besser im Leben zurechtzufinden. Weil künstlerische Ideen für alle Menschen zugänglich sind, ihr Weg die innere Einstellung fördert.

Vom Erfolg ihrer Aktivitäten ermutigt, hat Jutta Poppe ein weiteres künstlerisches Projekt für Menschen mit Down Syndrom gestartet. „INKLUSION KUNSTzeit“ findet wöchentlich sonnabends im Wasserturm Kreuzberg in der Kopischstraße 7 statt. Mitmachen können Menschen mit und ohne Behinderung ab dem 10. Lebensjahr.

https://www.juttapoppe.de/