Berliner helfen

„Die Trauer kommt, wenn ich allein bin“

Alexandra Theiß verlor ihre Tochter an Krebs - Der Verein Kinderhilfe hat sie im Kampf gegen die Krankheit und danach unterstützt.

20.06.2019, Berlin: Berliner helfen Mutter Alexandra Theiß verlor ihre 12jährige Tochter an Krebs und wird von Kinderhilfe e.V. betreut. Foto: Maurizio Gambarini/Funke Fotoservices

20.06.2019, Berlin: Berliner helfen Mutter Alexandra Theiß verlor ihre 12jährige Tochter an Krebs und wird von Kinderhilfe e.V. betreut. Foto: Maurizio Gambarini/Funke Fotoservices

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. „Sie war eine Persönlichkeit, eine Kämpferin“, sagt Alexandra Theiß über ihre Tochter und ihre Augen leuchten dabei. Schon ihr Name war etwas besonderes. Nessaja, nach der Schildkröte im Musical „Tabaluga - Die Reise zur Vernunft“ von Peter Maffay. Nessaja ist im Februar diesen Jahres gestorben, sie hat den Kampf gegen Knochenkrebs verloren.

„Es fing ganz harmlos mit Schmerzen in der Schulter an, im August 2016. Bei ihren vielen sportlichen Aktivitäten hat man sich gar nichts weiter dabei gedacht“, erzählt ihre Mutter. Erst als sie in einem Zelturlaub Fieber bekam, das nicht wieder verschwand, wurden sie in Virchow-Klinikum geschickt. Nach Sonografie, Röntgen und MRT stand die Diagnose fest: Ewing-Sarkom - Knochenkrebs. „Es war ein Schock. Der Tumor war schon ein Liter groß“, erinnert sich Alexandra Theiß. Als Krankenschwester der Onkologie für Erwachsene, wusste sie, was das heißt. Auch ihrer Tochter wurde die Diagnose ehrlich gesagt. „Richtig begriffen hat sie das aber erst, als wir auf die Kinder-Onkologiestation kamen und sie sah, dass die Kinder alle keine Haare hatten“, sagt Alexandra Theiß. Sie wirkt sehr gefasst, wenn sie über ihre Tochter spricht. „Die Trauer kommt, wenn ich allein bin. Dann lasse ich den Tränen freien Lauf“, sagt Alexandra Theiß.

Nessaja hat alles ertragen und gekämpft

Nessajas Tumor war sehr aggressiv, es hatten sich auch schon Metastasen gebildet. Die Chemotherapie wurde sofort nach der Diagnose begonnen. Es folgten Operationen, die halbe Lunge wurde entfernt, das Immunsystem durch die Chemotherapie auf Null gefahren. „Nessaja war sehr stark, sie hat das alles ertragen und gekämpft“, sagt ihre Mutter.

Ihr selbst, ihrer zweiten Tochter Josefine und ihrem Lebensgefährten hat in dieser Zeit der Verein Kinderhilfe zur Seite gestanden. Vor allem mit Ratschlägen für die Zeit, wenn Nessaja zwischen den Behandlungen Zuhause war: „ Wir mussten darauf achten, keine Blumentöpfe in der Wohnung zu haben, wegen Schimmelpilzgefahr. Auch bei der Zahn- und Hautpflege muss das geschwächte Immunsystem bedacht werden“, sagt die Krankenschwester.

Die Kinderhilfe e.V. feierte im vergangenen Jahr ihr 35-jähriges Bestehen. Der Verein, der auch von Berliner helfen e.V. unterstützt wird, berät und informiert Familien über praktische und alltägliche Dinge im Umgang mit einem schwerkranken Kind oder Jugendlichen. Dafür gibt es drei Kontakt- und Beratungsstellen in Berlin, Potsdam und Frankfurt (Oder). Der Verein betreibt auch drei Elternwohnungen in fußläufiger Nähe des Charité Campus Virchow-Klinikum, in denen Familien von außerhalb während der Behandlung des Kindes bleiben können. Dazu gibt es regelmäßige Elterntreffen und Aktivitäten für Geschwisterkinder, die oft im Schatten des kranken Kindes stehen.

Kinderhilfe e.V. erfüllt auch besondere Wünsche der schwerkranken Kinder. „Wir waren mit Nessaja im Friedrichstadtpalast, beim König der Löwen in Hamburg und bei Michael Jackson. Das mochte sie am liebsten“, sagt Alexandra Theiß.

Die Krankenschwester konnte dank ihres Arbeitgebers, der evangelischen Lungenklinik in Buch, anderthalb Jahre zuhause bleiben um ihre Tochter zu pflegen. „Wir hatten so viel Hoffnung...“, sagt sie. Nessaja wurde nur 14 Jahre alt, am 7. Februar diesen Jahres ist sie Zuhause in ihrem Zimmer gestorben. „Wir reden oft über sie. In Gedanken höre ich sie sagen, Mama, echt jetzt!?“

Nessajas Zimmer konnten ihre Mutter und ihre 17-jährige Schwester Josephine lange nicht betreten. Freundliche Nachbarn haben es nach ihrem Tod aufgeräumt und in Ordnung gehalten. Doch nun steht eine Renovierung an: Alexandra Theiß ist schwanger. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten freut sie sich wieder auf eine Tochter und auf den Urlaub - im Nachsorgehaus der Kinderhilfe in Malente an der Ostsee.