Leben

Bei blu:boks ist stark werden Programm

Kulturprojekt blu:boks fördert die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

blu:boks bietet für Jugendliche unter anderem Theater-Workshops an.

blu:boks bietet für Jugendliche unter anderem Theater-Workshops an.

Foto: blu:boks / Blu:boks

Blu:boks steht lautschriftlich für die Blue Box bei Filmaufnahmen. Und ähnlich wie die blaue Fläche, die sich per Computeranimation in einen anderen Hintergrund verwandeln lässt, verhält es sich mit dem gleichnamigen sozial-kulturellen Projekt für Kinder und Jugendliche in Lichtenberg: „Sie bekommen hier einen Hintergrund von Liebe, Vertrauen, Hoffnung und Glauben“, sagt Torsten Hebel, Gründer und Leiter der blu:boks. Das Projekt gibt es seit zehn Jahren, seit 2016 ist es an der Paul-Zobel-Straße im Lichtenberger Stadtteil Fennpfuhl beheimatet.

Die Idee dazu entstand 2004, damals arbeitete Hebel noch als Pastor und trat bei einer christlichen Veranstaltung im Tränenpalast auf. „Was ich da an Engagement und Miteinander und Sinnhaftigkeit erlebt habe, wollte ich gern auf die wirtschaftliche Ebene ziehen. Raus aus der Kirche, rein in den normalen Kiez“, erinnert sich der 53-Jährige. „Im Januar 2009 bin ich ins Jugendamt Lichtenberg reinmarschiert, dort bin ich mit meiner Idee auf offene Ohren gestoßen. Unseren ersten Antrag bei ,Aktion Mensch‘ haben wir dann in Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt gestellt“, erinnert sich Hebel an die Anfänge.

Die blu:boks ist in drei Sparten unterteilt: Bereits in der Kita liegt der Fokus auf ästhetischer Bildung, Kunst und Kultur sowie dem Ausprobieren auf Augenhöhe. In der zweiten Phase, der sogenannten Kinderkultur, können Sechs- bis 13-Jährige in verschiedenen Workshops zeigen, was sie können. „Da wecken wir die emotionalen und sozialen Kompetenzen, machen viel mit Talenten.“ Das reiche von der Musik über den Tanz bis zum Bühnenbau. Daran schließt sich der „Kulturcampus“ an. Dort lernen die 14- bis 18-Jährigen, ihr Leben in die Hand zu nehmen, Bewerbungen zu schreiben, aber auch wie sie mit Problemen zu Hause klarkommen.

„Das Ganze steht unter dem Titel ,Die Selbstwertmanufaktur‘, weil wir davon überzeugt sind, dass wir erst lernen müssen, uns selbst zu lieben und uns selber gut zu finden. Erst dann können wir ein verlässlicher Partner für andere sein“, erklärt Hebel.

Alle Angebote sind kostenfrei. Das Haus mit seinen rund 50 Mitarbeitern finanziert sich, bis auf die Kita, nur über Spenden. Doch einen Spendenflyer hat Hebel noch nie drucken lassen: „Wenn man einmal hier war und sieht, wie mit den Kindern gearbeitet wird, ist das überzeugender als jeder Flyer“, ist sich Hebel sicher. So habe es bisher auch einigermaßen funktioniert.

Wobei einige Wünsche noch offen sind. In das Café im ersten Stock sollte beispielsweise ein Kamin eingebaut werden, aber dann war kein Geld mehr da. Der Abzug ist schon vorhanden, und so dringt Stimmengewirr und Gelächter nach oben ins Büro. Eine Schulklasse hat sich im Café für eine interaktive Berufsberatung in einem Talente-Parcours eingefunden. Werbung für seine Angebote macht Hebel nicht. Am Anfang gab es eine Kick-off-Veranstaltung in einem großen Gartenzelt: „Die Kinder und Jugendlichen, die tagsüber Workshops gemacht hatten, durften dann abends hier auftreten. Die haben natürlich alle ihre Freunde und Verwandten eingeladen, und davon zehren wir heute noch“, freut sich Hebel.

Ein Ort, wo man Hilfe findet, um sich zu verändern

Sein Projekt zeige, dass das, was man ist, nicht für immer bleiben muss. „Man kann sich verändern, wenn man Hilfe hat und einen Ort, wo man so sein kann, wie man ist. Das passiert in Schule und Gesellschaft oft nicht“, erzählt Hebel. Und gerade in der blu:boks würden die Kinder und Jugendlichen neben der Stärkung von Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit lernen, mit einer gewissen Dynamik im Leben klarzukommen.

Nach einer Ausbildung zum Tischler hat Torsten Hebel Schauspiel in den USA studiert und danach Theologie im Rheinland. Als Schauspieler und Kabarettist tritt er heute noch in kleinen Theaterclubs auf, sonst „könnte ich wahrscheinlich finanziell nicht überleben“. An seine Arbeit als Pastor erinnert nur noch eine „Griechische Grammatik zum Neuen Testament“ im Regal seines Büros. „Ich war in der christlichen Szene sehr bekannt. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht der sein kann, der ich bin“, sagt Hebel. Dabei seien Authentizität und Transparenz für ihn zwei wesentliche Werte. „Im Christentum gibt es einige Mechanismen, wie auch in anderen Religionen oder Ideologien, die den Menschen in eine seltsame Position rücken: ,Du kannst nichts, du bist nichts, du bist ein Sünder und deshalb brauchst du Gott.‘ Und Gott wird dann aus Machtgründen missbraucht.“ Deshalb hat Hebel vor drei Jahren das Buch „Freischwimmer“ geschrieben. Das Werk gilt als literarischer Aufreger, er wurde als Nestbeschmutzer und Verräter beschimpft.

Dennoch ist der vom christlichen Glauben her begründete Zuspruch von Liebe und Annahme eines jeden Menschen die Basis seiner jetzigen Tätigkeit. Bedarf bestehe überall, unabhängig von der sozialen Struktur, meint Hebel. 2001 ist er von Marburg nach Berlin gezogen – wegen eines Traums: „Ich habe geträumt, dass ich nach Berlin gehe und eine Art Factory gründe, wo soziale Kompetenzen mit Schauspiel gestärkt werden. Das war im Traum natürlich bunter und schöner, aber bei der Richtung bin ich dann geblieben. Am Ende ist es ja nicht wichtig, wo die Ideen herkommen, sondern, dass wir an sie glauben.“